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Rezension von „Loki“: Marvel Studios erschaffen Heldenepos, das auch Comics der Sechziger einfließen lässt

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Auf Disney+ läuft die erste Staffel der US-Serie Loki. Darin eröffnet Loki eine alternative Zeitlinie und wird daraufhin von der TVA (Time Variance Authority) gefangen genommen.
Auf Disney+ läuft die erste Staffel der US-Serie Loki. Darin eröffnet Loki eine alternative Zeitlinie und wird daraufhin von der TVA (Time Variance Authority) gefangen genommen. © Disney/The Hollywood Archive Los Angeles/Imago

Die erste Staffel Loki ist bereits erschienen, die zweite wurde von der Produktionsfirma Marvel Studios angekündigt. Was Sie erwartet, erfahren Sie hier.

Für gewöhnlich treiben Helden, Antiheldinnen, in Ausnahmefällen auch ein Bösewicht als Protagonist eine Geschichte voran: Die Figur hat ein Ziel vor Augen, arbeitet darauf hin und scheitert oder siegt. Das Narrativ der Heldenreise, das sinnstiftende Heldsein in der eigenen Geschichte, hat es in die Reflexion unserer Wirklichkeit geschafft. Sind wir immer die Helden und Heldinnen unserer Geschichten? Die sechsteilige Disney+-Serie „Loki“ sagt: Nein.

Einst war er ein Bösewicht im Universum der Marvel-Comics und -filme, nun landet Loki, Gott des Schabernacks, als Gefangener in der TVA (Time Variance Authority); eine Behörde, deren Ästhetik irgendwo zwischen brutalistischer Architektur und „2001– Odyssee im Weltraum“ schwankt und ihre Aufgabe, die einzig wahre Zeitlinie zu beschützen und alle unerwünschten Abweichungen zu stutzen, in herrlich propagandistischer Manier kundtut. Ein perfektes Setting also, um Fanliebling Loki (Tom Hiddleston) zu dekonstruieren.

Schon in der ersten Episode bekommt Loki vom Analysten Mobius (Owen Wilson) eine Wahrheit präsentiert, die kaum einfach zu verarbeiten ist; erst recht nicht für eine Person mit narzisstischen Zügen: Auch wenn Loki glaube, qua Geburt ein Anrecht darauf zu haben, Herrscher zu sein, sei seine Rolle lediglich, die Helden, die Avenger, zum Glänzen zu bringen. Der Gott des Schabernacks ist kein grandioser und gefürchteter Schurke, sondern schlicht eine Nebenfigur in den Geschichten anderer. Traurige Bilanz für einen Gott mit großen Ambitionen.

Loki trifft auf andere Lokis.
Loki trifft auf andere Lokis: Richard E. Grant (links) als Classic Loki. © Disney

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„Was macht mich zum Gott des Schabernacks?“: Loki auf der Suche nach Antworten

Die Idee, sich im Unterhaltungssegment auf klassische Fragen gesellschaftlich-humanistischer Reflexion einzulassen, ist alt. Selbst Superheldenbombast hat das zur obligatorischen Zutat gemacht. Freier Wille? Frag mal Bucky Barnes, den Soldaten, der mittels Gehirnmanipulation zur Waffe seiner Feinde gemacht worden ist. Sicherheit oder Freiheit? Iron Man und Captain America haben die Frage längst ausgekämpft. Neuer dagegen ist die Selbstreflexion und erzählerische Demontage, auf die sich die Verantwortlichen von „Loki“ einlassen. Der Autor der Serie Michael Waldron hat sich schon für „Rick und Morty“ in unbequeme Seelenzustände und komplexe erzählerische Ebenen gewagt.

Weil „Loki“ immer noch eine Marvelproduktion ist, versinkt Loki nur kurz in Selbstmitleid und fällt schnell zurück in sein übliches Verhaltensmuster: Er betrügt. Anstatt wie vereinbart Mobius bei seinen Ermittlungen zu helfen, stürzt er sich durch Zukunft und Vergangenheit auf der Suche nach einer Antwort: Was macht ihn zum Gott des Schabernacks?

In einem wilden Ritt durch Bürokratie und seltsame Welten – popkulturelle Zitate gibt es von Kafka bis „Blade Runner“ – trifft Loki auf unterschiedliche Varianten seiner selbst, auf Sylvie a.k.a. Lady Loki (Sophia Di Martino) etwa, genauso wie auf seine Teenie-Variante Kid Loki. Dafür werden die Comicvorlagen geplündert – das Herz eines Comicfans schlägt wohl höher beim Anblick des Classic Loki, einer Loki-Version aus den Comics der Sechziger, dargestellt von Richard E. Grant im wahrlich albernen Retro-Kostüm. Allerdings: Keinem dieser Lokis ist es gelungen, mehr als eine gescheiterte Existenz irgendwo am Rande des Universums zu werden.

Loki zum Scheitern verdammt

Mehr Metaebene kann kaum in eine einzelne Serie gestopft werden und es hätte sicher niemanden verwundert, wenn die Festung am Ende der Zeit, die Loki im Finale betritt, den Writers‘ Room der Marvel Studios beherbergt hätte.

Tatsächlich bekommt Loki dort von „Jenem der bleibt“, dem Mastermind hinter der TVA, ein Skript vorgelegt. Es steht längst fest, was Loki sagen und was er tun wird. Loki kann nicht gewinnen, seine einzige Funktion ist immer und immer wieder das Scheitern.

Was bleibt ihm also? Loki wird, muss seine Perspektive zurechtrücken und versuchen, seine Geschichte selbst neu zu erzählen. Gelegenheit wird er dafür bekommen, in der zweiten Staffel. (Martina Ahr)

Alle sechs Episoden der ersten Staffel sind beim Streamingdienst Disney+ zu sehen.

Weiterlesen: „Loki“ auf Disney+: Wird es eine 2. Staffel geben?

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