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Ein Bauer unter Strom

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Von: Susanne Stockmann

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Ein Landwirt mit einem Tablet in der Hand steht vor einem Bildschirm mit Statistiken
Landwirt Franz Xaver Demmel zeigt die Energiesteuerung seines Hofes © Thomas Plettenberg/Molkerei Berchtesgadener Land

Der Huaba-Hof in Königsdorf wird biologisch bewirtschaftet und erzeugt seine eigene Energie. Franz Xaver Demmel (51) gilt als Zukunftsbauer - trotzdem blickt er skeptisch in die Zukunft.

„Bauer ist der schönste Beruf der Welt – wenn man ihn sich leisten kann“, Landwirt Franz Xaver Demmel schaut etwas nachdenklich, während er seiner Kuh Fräulein Schmidt das Fell auf dem Kopf krault. Sein Huaba-Hof im schönen Königsdorf bei Bad Tölz ist ein Vorzeigeprojekt und wird biologisch bewirtschaftet. Dank Solarzellen und einer Hightech-Energiesteuerung ist der Fleisch- und Milchviehbetrieb autark vom öffentlichen Stromnetz. Und doch: Damit die Familie sorgenfrei leben kann, arbeitet der Landwirt Demmel weiter Vollzeit in seinem Ingenieurbüro und betreut Bauprojekte!

Demmel schaut mit gemischten Gefühlen in die Zukunft: „Entweder werden wir ein Leuchtturmprojekt und finden viele Nachahmer oder wir enden als Mahnmal einer gescheiterten bäuerlichen Landwirtschaft!“ Die ganze Familie packt auf dem Hof mit an: Ehefrau Gerlinde Demmel kümmert sich um das Wohl der Kühe und ihrer Kälber, Sohn Xaver (23) möchte den Hof einmal übernehmen und aktuell arbeitet auch Tochter Kathi (20) mit. „Das ist unser großes Glück“, so Franz Demmel: „Anders würde es gar nicht gehen.“ Der Huaba-Hof ist schon in zehnter Generation im Familienbesitz. Als klar war, dass Xaver die Tradition fortführen möchte, überlegte die Familie, wie der Hof fit für die Zukunft wird: „Unsere wichtigsten Kriterien sind das Tierwohl, eine hochgradige Umweltverträglichkeit in allen Bereichen bei gleichzeitigem Erreichen einer maximalen Produktion“, so Demmel: „Wir sind ja kein Ponyhof, wir bespaßen unsere Tiere nicht. Wir stellen hochwertige Lebensmittel her, wollen das aber in Balance mit der Natur tun.“

Eine moderne bäuerliche Familie in Arbeitskleidung steht vor einem Stall
Die ganze Familie packt auf dem Hof mit an, das Bild zeigt Landwirt Franz Xaver Demmel, seine Frau Gerlinde sowie Sohn Xaver © Thomas Plettenberg/Molkerei Berchtesgadener Land

Fräulein Schmidt hat es sich inzwischen auf einer der weichen Liegematten zum Wiederkäuen bequem gemacht. Die 70 bis 80 Milchkühe auf dem Huaba-Hof haben die freie Wahl: „Sie können, fressen, schlafen oder raus auf die Weide gehen, wann sie wollen.“ Das Tor nach draußen öffnet sich mithilfe eines Transponders, den jede Kuh trägt. Ist das Euter prallvoll, spaziert die Kuh selbst in einen der beiden Melkroboter. Der Stall ist mit tierfreundlichem Spaltenboden aus Gummi ohne Ecken gepolstert, so dass es „bei uns keine Hufverletzungen mehr gibt“, wie Demmel berichtet: „Fantastisch auch die Gummilippe, die den Boden nach unten zur Gülle abdichtet: Das reduziert die Emissionen deutlich.“ Das Mikroklima im Stall wird automatisch geregelt, durch Fenster und Ventilatoren, die sich computergesteuert je nach Witterung öffnen bzw. anschalten. Die Lichtsteuerung ist dem Tagesverlauf angepasst.

Der Strom wird in Solarzellen auf den Dächern des Hofes erzeugt und intelligent so genutzt, dass der größte Verbrauch genau dann abgerufen wird, wenn die Sonne am intensivsten scheint. Das System wurde in Zusammenarbeit mit der TU München und der Hochschule Weihenstephan ausgetüftelt und steht zur Patentierung an. Verlässliche Unterstützung bekommt die Familie von der Molkerei Berchtesgadener Land, an die der Landwirt auch seine Bio-Milch liefert und die gemeinsam mit Penny das Förderprogramm Zukunftsbauer initiiert hat. Das Projekt unterstützt die Landwirte der Genossenschaftsmolkerei dabei, diese energietechnisch zu optimieren, um einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz und zum Erhalt der kleinbäuerlichen Strukturen im Alpenraum zu leisten. Beim Huaba-Hof können sich interessierte Landwirte informieren, wie ein energieautarker Hof aussehen kann, inklusive Strom-Traktoren und Maschinen. „Der Andrang ist groß“, freut sich Demmel, aber die Desillusionierung folge immer dann, wenn nach der Besichtigung das Thema Geld zur Sprache kommt: „Die Kosten für einen tierfreundlichen Boden oder die Lichtsteuerung im Stall sind z.B. dreimal so hoch.“ Für viele Landwirte seien solche Investitionen allein oder selbst mit finanzieller Förderung nicht zu stemmen.

Milchkühe in einem modernen Stall, die Tiere fressen Heu, das von einem Futterschieber zu ihnen gebracht wird
Hochmoderner Stall: Ein elektrischer Futterschieber versorgt die Milchkühe © Thomas Plettenberg/Molkerei Berchtesgadener Land

In Demmels Stall hängt ein Schild: „Es ist unmöglich, jemanden die Wichtigkeit von etwas zu erklären, das er selbst nur gering schätzt.“ Im Klartext: Wenn die Gesellschaft wünscht, dass Landwirte im Einklang mit der Natur und dem Tierwohl arbeiten, dann muss sie auch bereit sein, dafür zu zahlen. Demmel: „Wenn wir das tun, was für uns alle im Hinblick auf Umwelt und Klima am besten wäre, müssten die Produktpreise um 50 Prozent steigen.“ Das sei im Übrigen unabhängig davon, ob es sich um biologisch oder konventionell hergestellte Lebensmittel handele: „Ich halte nichts davon, die Methoden gegeneinander auszuspielen“, so der Bauer aus Leidenschaft: „Wir brauchen beides, um eine vernünftige Ernährung sicher zu stellen.“ 80 Prozent der Fläche Bayerns sind Acker-, Weideland oder Waldgebiete, so Demmel zum Abschluss: „Es kann doch nicht unwichtig sein, wenn auf 80 Prozent unseres Landes gut, klimaneutral und tiergerecht gewirtschaftet wird oder schlecht. Das ist eine der höchsten Prioritäten, die wir in der Gesellschaft haben. Aber leider treten wir sie mit Füßen.“

Gedankenverloren streicht er Fräulein Schmidt über den Kopf. Woher kommt eigentlich der Name? Demmel lacht: „Sie ist die Tochter von Frau Schmidt!“

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