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Jagd auf die Tierquäler

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Von: Susanne Stockmann

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Der Gründer von Soko Tierschutz, Friedrich Mülln, hält einen Hund auf dem Arm
Friedrich Mülln von Soko Tierschutz mit einem geretteten Beagle © Soko Tierschutz

Alles mit eigenen Augen sehen und dokumentieren: Das ist das Motto der Ermittler der Soko Tierschutz. Der Münchner Verein um Friedrich Mülln (42) wurde vor zehn Jahren gegründet und deckt kompromisslos Tierquäler auf und zeigt sie an.

Nachts trifft er Informanten auf dunklen Autobahn-Rastplätzen, in Tarnkleidung observiert er verdächtige Gebäude oder ermittelt undercover in Unternehmen und filmt heimlich die Missstände: Friedrich Mülln (42) aus München ist ein klassischer Geheimagent: Unterwegs im Auftrag der Tiere! Seit genau zehn Jahren überführt er Tierquäler, die mit kriminellen Machenschaften viel Geld verdienen. Damals beschlossen Mülln und einige Mitstreiter, dass es eine kleine, wendige und mutige Eingreiftruppe geben muss, um Skandale in der Tierhaltung aufzudecken. An seinem Küchentisch wurde 2012 der Verein Soko Tierschutz gegründet!

Ein Jahr später starteten die Aktivisten die erste Kampagne gegen das damals sehr verbreitete Nerzöl für glatte Haare, ein Abfallprodukt der Pelzindustrie aus „ausgequetschten Nerzen“, so Mülln, das es heute nicht mehr gibt: „Der erste große Erfolg unserer Arbeit!“

Beindruckende Erfolge: Labore und Schlachthöfe mussten schließen

Auf den ersten Blick wirkt Mülln mit seinem blassen, schmalen Gesicht, den rötlichen Haaren und der Brille eher wie der Politikwissenschaftler, der er mal war. Doch nach einem Ausflug in den Journalismus und bei der Arbeit in Tierschutzorganisationen, kam er zu einem Entschluss, der sein Leben veränderte: „Viele Tierschutzorganisationen verwenden viel Zeit und Energie aufs Spendensammeln. Das wollten wir nicht. Wir wollten Tierqual beenden und hofften, dass unsere Arbeit Menschen zum Spenden animiert.“ Das Konzept ist aufgegangen. Die Einnahmen finanzieren die fünf fest angestellten und die fünf ehrenamtliche Mitarbeiter des Vereins mit der wachsamen Eule als Logo.

Die Erfolge sind beeindruckend: Allein in den letzten vier Jahren wurden zehn Schlachthöfe dichtgemacht. Die Soko macht keine Kompromisse: „Auch der sogenannte Bio-Schlachthof in Fürstenfeldbruck musste schließen. Kurze Wege und Metzger aus der Nähe garantieren eben nicht, dass Tiere respektvoll getötet werden.“ Mülln sagt: „Viele sagen, aber ihr könnt doch nichts gegen Bio sagen, das sind doch die Guten. Falsch gedacht!“ Während früher Tierquäler offener agiert hätten, so Mülln: „Es war ganz normal eine verletzte Kuh mit einem Seil über den Boden zum Tiertransporter zu schleifen“, finden solche illegalen Transporte heute im Verborgenen statt. Die Soko Tierschutz erhält Insider-Hinweise von Tiertransportfahrern, Landwirten oder von Schlachthof-Mitarbeitern. Auf die Recherche folgt immer der Einsatz. Die Soko hat es sich zum Prinzip gemacht, die Tierquälerei mit eigenen Augen zu sehen: sei es im Daunenbetrieb, wo Gänsen lebendig die Federn ausgerissen werden, die hungrigen Tiere im Stall eines Schweinemästers, die lebenden Hühner in den Abfalleimern eines Unternehmens, die hunderte sterbenden Haie auf einem Nordsee-Kutter: Es sind immer Bilder, die die Aktivisten lange begleiten. Hat er manchmal Angst? „Nein“, so Mülln, auch wenn er froh ist, dass er den gescheiterten Axtangriff eines Vermummten auf sich gefilmt hat: „Das hätte mir sonst niemand geglaubt.“

Ermittler arbeiten mit Hightech-Methoden

Worauf ist Mülln besonders stolz? „Es gibt keine andere Organisation, die es geschafft hat, drei Tierversuchslabore zu schließen.“ Mitarbeiter hatten monatelang in den Laboren gearbeitet und z.B. in einem Max-Planck-Institut gefilmt, wie Affen gequält wurden. Aus dem berüchtigten LPT-Versuchslabor half Mülln, 1000 Tiere in Sicherheit zu bringen: „Ich bekomme heute noch Gänsehaut, wenn ich mich an den Beagle in meinen Arm erinnere, der vergiftet werden sollte.“ Solche Momente geben ihm die Kraft zum Weiterkämpfen. Dazu kommt die liebevolle Unterstützung seiner Familie sowie die Ermutigungen langjähriger Unterstützer, auf die die Soko zählen kann.

Die Soko Tierschutz geht professionell vor und arbeitet mit Hightech-Methoden wie Drohnen oder Nachtsichtgeräten, stets wird gründlich recherchiert und Missstände akribisch dokumentiert. Dank dieser guten Beweislage werden immer mehr Tierquäler verurteilt. Mülln im Gespräch: „Allein im vergangenen Jahr wurden 50 Strafverfahren vor Gericht verhandelt und die Täter verurteilt.“ Für Mülln ist dies auch ein Zeichen des gesellschaftlichen Wandels und einer veränderten Einstellung gegenüber Tieren: „Früher wurden viele Verfahren eingestellt.“ Sehr erfreut ist der Tierschützer auch über die neue Akzeptanz von fleischloser Ernährung: „Dass es so viele Angebote in Supermärkten und Restaurants gibt, hätte ich vor zehn Jahren nicht für möglich gehalten.“ Er hofft: „Vielleicht ist in zehn Jahren unsere Arbeit gar nicht mehr nötig.“ Falls das der Fall sein sollte, weiß Mülln schon, was er auf jeden Fall macht: Er legt sich endlich Haustiere zu - nämlich Enten!

Sie interessieren sich für Menschen, die Tiere helfen? Dann lesen Sie gleich hier weiter!

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