Psychologe erklärt, wann und warum Menschen umweltbewusst handeln

Klima, Artensterben, Müll: So retten wir die Erde

Sonnenblume vor weiß-blauem Himmel und einem startendem Flugzeug.
+
Bewusst einkaufen und reisen: Nur zwei Möglichkeiten, wie jeder das Klima und die Erde schützen kann.

Die Erde befindet sich im sechsten globalen Artensterben. Das fünfte hat vor 66 Millionen Jahren die Dinosaurier ausgelöscht. Statt des Meteoriten schlägt der Mensch zu. Klimaerwärmung, Umweltkatastrophen, Covid-19 - die ersten Folgen sind schon spürbar. Doch warum bleibt die Mehrheit der Menschen untätig? Der Neurowissenschaftler Professor Joachim Bauer (69) hat unsere Beziehung zu Umwelt und Tieren analysiert und Antworten gefunden.

  • Im Anthropozän, dem Zeitalter des Menschen, steht die Welt am Rande der Umweltkatastrophe.
  • Psychologe erklärt, was passieren muss, damit wir endlich beginnen, den Planeten zu schützen.
  • Was die Älteren von der Fridays-for-Future-Bewegung lernen können.
Die überwiegende Mehrheit der Wissenschaftler ist sich einig, dass die ersten Folgen des Klimawandels, des Artensterbens und unseres Raubbaus an der Natur schon zu spüren sind.
Professor Joachim Bauer: Das stimmt, auch Covid-Pandemie und Umweltzerstörung hängen zusammen. Jahr für Jahr werden weltweit riesige Flächen an Wäldern gerodet. Wir rücken näher an die dort lebenden Tiere heran und erhöhen das Risiko, dass pathogene Keime auf uns überspringen. Die Gefahr einer weltweiten Seuche, wie sie uns gerade trifft, war von Wissenschaftlern genau so vorausgesagt worden!
Trotzdem bleibt der Mensch merkwürdig untätig. Warum?
Bauer: Wenn jemand ein drohendes Unheil verhindern kann, aber nichts unternimmt, dann ist offensichtlich nicht der Verstand das Problem, sondern hier stimmt etwas mit dem Gefühl nicht.
Neurowissenschaftler Dr. Joachim Bauer

Ein Arzt, der sich um die Gesundheit der Welt sorgt

Professor Joachim Bauer (69) ist gleich dreifacher Arzt, als Internist, Psychiater und Psychosomatischer Mediziner. Er ist Autor zahlreicher Bücher und Gastprofessor der der IPU Berlin. Sein aktuelles Buch: „Fühlen, was die Welt fühlt“, ist am 16. November erschienen. Bauer analysiert, was Menschen bremst, wenn es darum geht, umweltverträglich zu leben. Er sagt: „Letztlich ist es ein Mutmach-Buch. Jeder Einzelne kann viel dazu beitragen, um die Erde zu retten.“ Und er verspricht: „Es wird uns sogar Spaß machen!“

Der Mensch verhält sich wie eine aus dem Ruder gelaufene Partygesellschaft

Wie meinen Sie das, es stimmt etwas mit unserem Gefühl nicht?
Bauer: Das Mitgefühl der Menschen für die Umwelt war unser Erfolgsrezept in der Evolution. Der Homo sapiens ist von Afrika aus in unterschiedlichste Klimazonen eingewandert und sesshaft geworden. Das war nur möglich, weil er seine Umwelt intuitiv verstanden und geschätzt hat, da sie ihm alles schenkte, was er zum Leben brauchte. Vor circa 12000 Jahren, als der Mensch zum Bauern wurde, begann der Prozess der Emanzipation von der Natur. Erst durch die Landwirtschaft, dann mit den Entwicklungen in der Technik und Kultur – wunderbare neue Möglichkeiten haben sich uns erschlossen. Aber aktuell benehmen wir uns wie in einer Art Pubertät. Wir verhalten uns wie eine aus dem Ruder gelaufene Partygesellschaft. Unsere Handlungen beginnen den Planeten unwiederbringlich zu verändern. Daher sprechen wir ja auch vom Anthropozän, dem Zeitalter des Menschen. Wir müssen erwachsen werden und Verantwortung übernehmen.
Wie kann das gelingen? Menschen verhalten sich nicht logisch: Sie lieben Tiere, kaufen aber im Supermarkt das billigste Fleisch. Waldbaden und Wandern waren die Trends des Sommers, gleichzeitig beklagen immer mehr Landwirte und Förster, dass viel mehr Müll in die Landschaft geworfen wird.
Bauer: Es gibt in der Tat dieses merkwürdige Auseinanderfallen zwischen Denken und Handeln, dem wir alle zumindest ein bisschen unterliegen. Was hemmt uns? Ins Handeln für eine gute Sachen, kommen wir, wenn die Gefühle beteiligt sind. Wenn wir Empathie für jemanden oder für eine gute Sache spüren, dann entsteht eine Kraft, eine Motivation zum Handeln. Und nicht durch den erhobenen Zeigefinger!

Die Liebe zur Natur ist der Schlüssel, um die Erde zu retten

Wie können wir die Liebe zur Natur neu entdecken?
Bauer: Wenn wir verstehen lernen, dass die Erde insgesamt ein großer Organismus ist, der uns einschließt und dessen Wohlergehen unsere Zukunft bedeutet. Viele Menschen nutzen die grandiose Natur nur noch als Kulisse z.B. für Selfies, als Hintergrund für ihre Selbstdarstellung. Wir sollten öfter innehalten, z.B. beim Waldbaden. Kinder brauchen keine langweiligen Wandertage, sondern spannende und lehrreiche Exkursionen. Ökologische Folgen des Wirtschaftens müssen sich in den Preisen niederschlagen. Es gibt viele gute Ansätze.
Jüngere Menschen spüren die Dringlichkeit des Handelns eher, Fridays for Future hält uns ja den Spiegel vor: Hat der Klimaschutz ein Generationenproblem?
Bauer: Die jungen Leute sind, so wie wir es früher waren, heftig und vorwurfsvoll. Damit sollten die Älteren souverän umgehen und sich nicht provoziert fühlen. Gott sei Dank haben wir die jungen Leute, die sich für die Welt interessieren. Und es stimmt ja, wir brauchen eine Aufbruchstimmung, jeder muss merken, dass es um etwas Großes geht und seinen Beitrag leisten.
Viele denken, ein Einzelner kann nicht viel ausrichten. Sehen Sie das anders?
Bauer: Die Lehre, die wir derzeit aus der Corona-Krise ziehen können, lautet doch: Kluge politische Weichenstellung und Koordination sind wichtig. Entscheidend ist aber, was die Einzelnen tun. Nicht anders verhält es sich, wenn wir die Natur bewahren und die Erde auf einen guten Weg zurückbringen wollen.

10 Tipps, mit denen Sie sofort die Welt zum Guten verändern

  1. Müll reduzieren: Nur kaufen, was wirklich benötigt bzw. auch gegessen wird. Zwölf Millionen Tonnen Lebensmittel landen jährlich im Müll. Regional und saisonal einkaufen, reduziert Verpackungen.
  2. Plastik vermeiden: Ob Flasche, Tüte oder Einmalbecher - Plastik belastet die Umwelt und die Meere auf Jahrmillionen.
  3. Weniger Fleisch essen: Fleischproduktion kostet Land-, Wasser- und Getreideressourcen und ist Ursache von großem Tierleid.
  4. Bewusster Fisch essen: Ozeane werden leer gefischt, Aquakulturen verschmutzen die Meere. Heimische Teichfische sind eine Alternative.
  5. Kohlenstoffdioxid reduzieren: Öffentlich fahren, aufs Rad umsteigen, denn jede Emission des Klimagases trägt zur Erderwärmung bei.
  6. Nachhaltiger Reisen: Selten fliegen bzw. wenn, dann eine Kompensationszahlung leisten, mit der z.B. Bäume gepflanzt wird.
  7. Reparieren statt neu kaufen: Produkte länger nutzen, schont Ressourcen.
  8. Zum Ökostrom wechseln: Das unterstützt die Produktion alternativer Energien.
  9. Wählen gehen: Ein Umdenken muss von der Politik gefördert werden.

Auch interessant

Kommentare