Aktion in der Vorweihnachtszeit

Unsere Aktion zum Fest der Liebe: Gemeinsam gegen die Einsamkeit

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Gertrud „Gerdi“ H. hat im Leben schon viel mitgemacht: Zwei ihrer drei Kinder sind tot, sie selbst hat gesundheitlich zu kämpfen.

Einsam in der Adventszeit: Eine schlimme Vorstellung, doch für zehntausende Münchner bittere Realität. Wir wollen sie mit Menschen zusammenbringen, die etwas daran ändern wollen.

München - Laut aktuellem Armutsbericht leben 269.000 arme Frauen und Männer in der Stadt, 65.000 mehr als noch vor fünf Jahren. Die Schere zwischen extrem reich und bitterarm geht immer weiter auseinander. Gerade Senioren - darunter viele Frauen - trifft es besonders oft: Jene, die ihr Leben lang gearbeitet, Kinder großgezogen und unsere Gesellschaft zu dem gemacht haben, was sie heute ist. Gerade zur Weihnachtszeit nimmt die Einsamkeit und Traurigkeit zu. Viele Frauen und Männer schämen sich für ihre Situation und ziehen sich immer weiter aus der Gesellschaft zurück.

Unsere Zeitung möchte das Schweigen beenden und zur Adventszeit die Herzen in unserer Stadt zusammenbringen. Oft helfen schon kleine Gesten wie ein gemeinsamer Bummel über einen Christkindlmarkt oder einfach auch ein bisserl Zeit, die man anderen schenkt. Denn wichtig ist auch: In München gibt es bei allen Problemen viele engagierte Menschen, die anderen zur Seite stehen wollen. Auf dieser Seite stellen wir Unternehmer vor, die sich für Bedürftige einsetzen. Und zwei Damen, die nicht immer auf der Sonnenseite des Lebens standen und sich über Hilfe freuen würden.

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Die Einsamen

An sich denkt Hildegard J. (79) nur selten. Viel mehr an ihre sechs Enkel und fünf Urenkel. „Denen würde ich so gerne auch mal ein Geschenk machen, besonders zu Weihnachten“, sagt sie traurig. „Aber das ist leider nimmer drin.“ Die Münchnerin ist trotzdem niemand, der jemals jammern würde. Auch wenn sie nur um die 100 Euro Taschengeld im Monat zur Verfügung hat. Rente und Witwenrente werden komplett mit den Heimkosten am Kieferngarten verrechnet. „Von den 100 Euro muss ich Getränke kaufen, außerdem Körperpflege-Produkte und Obst.“

J. hat drei Kinder großgezogen, ist zweimal verwitwet. Ihre Familie unterstützt sie, so gut es geht, bezahlt etwa die Versicherungen. Trotzdem kann sich die alte Dame kaum etwas leisten. Auch gesundheitlich hat sie zu kämpfen, wird von schwerer Arthrose geplagt, ist zu hundert Prozent körperlich behindert und geht die meiste Zeit an ihrem „Rentner-Porsche“, wie sie ihren Rollator getauft hat.

Zu Weihnachten würde sich Hildegard J. gerne mal einen Friseurbesuch gönnen oder mehr frisches Obst kaufen. Ihr großer Traum: eine Fahrt von Passau nach Wien mit dem Schiff. Gerade plagt sie aber ein dringenderes Problem. Im Unterkiefer sind ihr einige Zähne abgebrochen - und beim Zahnarzt fällt immer ein Eigenanteil an. „Ich würde es mir gerne richten lassen, aber ich kann mir das nicht leisten.“

Ein Leben lang gearbeitet und im Alter arm und vereinsamt: Rentnerin Hildegard J. würde niemals jammern - auch wenn der Witwe zum Leben gerade mal 100 Euro bleiben.

„Gerdi“ H. leidet an Rücken- und Knieschmerzen

In ihrem Leben hat Gertrud „Gerdi“ H. (82) schon vieles mitgemacht: Zwei ihrer drei Kinder sind tot. Gestorben an Drogen und an Krebs. Von ihrem Job als Altenpflegerin sind der Rücken und die Knie kaputt, sie ist Diabetikerin, leidet an Arthrose. „Ich muss morgens schon mehrere Schmerztabletten nehmen, um über den Tag zu kommen“, erzählt sie.

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In einer kleinen Sozialwohnung in Milbertshofen lebt die Seniorin. Ihre Rente beträgt gut 600 Euro, dazu kommt eine Witwenrente von etwa 130 Euro. Doch alleine die Wohnung kostet schon 500 Euro warm. Um über die Runden zu kommen, bezieht H. Grundsicherung im Alter. Ihr verbliebener Sohn hilft ihr, so gut er kann. Doch vom Staat fühlt sie sich oft im Stich gelassen. „Die Rentner werden halt immer vergessen.“ Und wenn schon alles schwierig ist, spielt das Schicksal einem manchmal noch übel mit: Im August wurde der Seniorin der Geldbeutel im Supermarkt aus der geschlossenen Handtasche im Rollator gestohlen. 30 Euro und alle Karten waren weg, der Dieb hob später mit ihrer EC-Karte um die 190 Euro ab. „Ich hatte den PIN im Geldbeutel, das war dumm. Dadurch habe ich mein ganzes Geld für den Monat verloren.“

Eine weitere Sorge quält Gerdi H. heute noch: Auch ihr Herd ist kaputt. Sie behilft sich derzeit mit einem transportablen Mini-Ofen zum Aufwärmen. Doch gerade zur Weihnachtszeit würde sie gerne mal wieder backen. Einen Gugelhupf zum Beispiel - den mag sie so gerne.

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Am sozialen Leben nicht mehr teilnehmen zu können: Das ist für Silvia Herzinger (67) besonders schlimm. Seit 2008 kann sie nicht mehr arbeiten , wegen eines gesundheitlichen Zusammenbruchs mit anschließender Herzklappen-Transplantation. Dazu kamen viele weitere gesundheitliche Probleme, seit zwei Jahren wird Herzinger wegen Parkinson behandelt, auch Osteoporose und eine Stoffwechselstörung hat sie. „Die Ärzte sind wegen meiner Vielzahl an Diagnosen oft überfordert“, sagt sie. Sie bekommt 764 Euro Rente und 377 Euro Grundsicherung im Alter. Am Ende eines Monats bleiben der ehemaligen Physiotherapeutin nicht einmal zehn Euro zum Leben. Ihr großer Wunsch: An einem Tai-Chi-Kurs teilzunehmen. Der würde ihr wegen ihrer Parkinson-Erkrankung sehr gut tun.

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Rechnungen, die überraschend ins Haus flattern: für Ernestine Christopoulos (73) eine mittlere Katastrophe. Gerade mal 150 Euro zum Leben bleiben ihr im Monat. Und das nach mehr als 30 Jahren Arbeit als Bedienung und Reinigungskraft. Gleichzeitig hat die alte Dame drei Kinder großgezogen. Christopoulos hat schon viele gesundheitliche Rückschläge in Kauf nehmen müssen, kürzlich wurde bei ihr zum dritten Mal Krebs festgestellt. Doch die alte Dame bleibt lebensfroh. Nur einen Wunsch hätte sie: „Mal im Café sitzen und eine Torte essen.“ Vielleicht auch mit einem unserer Leser zusammen. Momentan ist das für sie allein finanziell nicht drin. Denn gegen ihre Arthrose braucht Christopoulos Spritzen, die die Krankenkasse nicht übernimmt. Die Rentnerin verzichtet lieber auf Lebensmittel, um Medikamente bezahlen zu können. Seit sie vom Verein „Ein Herz für Rentner“ unterstützt wird, ist vieles besser geworden. Trotzdem würde sich Ernestine gerne mal öfter eine Tasse Kaffee leisten - oder ein paar schöne neue Strümpfe.

Laden zur Weihnachtsfeier: Stephan Bettzieche (2. v. li.) und das Team der Firma Gemino.

Die Helfer

Worum geht’s bei Weihnachten eigentlich? Als sich Stephan Bettzieche (47) diese Frage stellte, wusste er, dass er helfen muss. Und deswegen möchte der Geschäftsführer einer Firma für technische Übersetzungen eine Gruppe bedürftiger Senioren zur Weihnachtsfeier seiner Gemino GmbH am 15. Dezember im Wirtshaus Zwickl am Viktualienmarkt einladen. Das Unternehmen hat der Münchner zusammen mit seinem Bekannten Christian Schwendy gegründet, rund 30 feste Mitarbeiter arbeiten in Berlin und München. „Alte Menschen und ihre Sorgen stehen sehr wenig im Fokus in der Gesellschaft, das ist traurig“, sagt Bettzieche, der sich auch an anderer Stelle immer wieder sozial engagiert. Und deswegen würde er sich freuen, wenn ihm und seinen Mitarbeitern sieben oder acht Senioren bei der Feier im Dezember Gesellschaft leisten würden.

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Oldies wie Only you (The Platters) gehören fest zum Repertoire von Michael Antholzner (48). Nun möchte der gebürtige Schwabinger gern Münchner Senioren zu einem Lieder-Nachmittag einladen - und dafür bei ihnen vorbeischauen. „Es würde mich freuen, ein paar Stünderl für älteren Damen und Herren etwa in einem Seniorenheim spielen zu dürfen“, sagt der Musiker, der Barock-Trompete studiert hat, außerdem Keyboard spielt und mittlerweile in Pfaffenhofen an der Ilm lebt. Ältere Menschen seien ein wichtiger Teil der Gesellschaft, sagt der Musiker. „Sie haben uns großgezogen.“ Auf Antholzners eigene Geschichte trifft das besonders zu: Er ist bei seinen Großeltern aufgewachsen.

Auch Karl Rettenmeier (53) sagt: „Es ist an der Zeit zu handeln.“ Und deswegen lädt er zusammen mit seinem Geschäftspartner und Neffen Fritz Kustatscher (40) 100 bedürftige Senioren an seinem Standl „Glühwein & Meer“ auf dem Winterzauber am Viktualienmarkt auf je einen Glühwein und Fisch-Häppchen ein. Beide sind Gastro-Profis – und Mit-Gesellschafter bei der Fischer-Vroni auf dem Oktoberfest. „Wir finden es sehr wichtig, sich um Menschen zu kümmern, denen es nicht so gut geht“, sagt Rettenmeier. Die Einladung sei Ehrensache - eine gemütliche Einkehr auf einem Christkindlmarkt solle für jeden Münchner drin sein.

Spendiert Glühwein: Gastronom Karl Rettenmeier.

So kann man mitmachen

Viele Menschen haben Lust und Zeit zu helfen, etwas Gutes zu tun. Wollen Sie sich einbringen, jemanden überraschen, Zeit spenden oder würden Sie sich selbst freuen über jemanden, mit dem Sie ein paar schöne Stunden verbringen oder ein gutes Gespräch führen können? Dann melden Sie sich bei uns unter E-Mail lokales@merkur.de oder rufen Sie uns an unter Telefon 089/5306 420. Wer Senioren mit Spenden helfen will, kann das jederzeit über den Verein „Lichtblick Seniorenhilfe“. Infos online auf www.seniorenhilfe-lichtblick.de.

Ramona Weise

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