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Zu laut? Sie fordert Auszeit für Fußballer

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Anka ­Campus auf ihrem Balkon (Foto links): Sie wünscht sich mehr Ruhe. Foto rechts: Die große Wiese vor dem Haus ist beliebt bei Hobby-Fußballern aus der Gegend. © Kruse

München - Sind die Kinder beim Kicken zu laut? Anka Campus aus Berg am Laim fordert eine Auszeit - sie muss als Taxifahrerin tagsüber schlafen. Wie ist die Rechtslage?

Anka Campus (64) ist Taxifahrerin. Sie arbeitet nachts und schläft tagsüber – wenn’s denn klappt. Denn neben der großen Wohnanlage in Berg am Laim, in der sie lebt, liegt eine große Wiese. Wenn es das Wetter erlaubt, spielen dort Jugendliche Fußball – die meisten sind Ministranten der Pfarrgemeinde Sankt Michael.

Anka Campus hat dafür aber kein Verständnis. Sie sagt: „Unsere Wohnanlage wird vom Katholischen Siedlungswerk München verwaltet – und auf dem dazugehörenden Grundstück ist laut Hausordnung Fußballspielen ausdrücklich untersagt. Darüberhinaus sind in der Hausordnung Ruhezeiten von 13 Uhr bis 15 Uhr und von 22 Uhr bis 7 Uhr vorgeschrieben.“ Auf dem benachbarten Grundstück werde aber auch während der mittäglichen Ruhezeiten Fußball gespielt. Campus ärgert sich: „Das Schönste dabei ist, dass die beiden Hausmeister der Wohnanlage die treibende Kraft dabei sind. Sie haben dafür extra zwei große Fußballtore angeschafft, mähen fleißig den Rasen, damit er schön kurz ist zum Spielen und spielen jedes Mal mit.“

"Bolzplätze sind in München Mangelware"

Ja, das ist so, bestätigt auch Renate Kerschensteiner, Prokuristin des Katholischen Siedlungswerks, das die Wohnhäuser neben dem Bolzplatz verwaltet. „Die Wiese gehört der Pfarrpfründestiftung St. Michael und wird traditionell seit vielen Jahrzehnten zum Bolzen genutzt.“ Denn schließlich sind Bolzplätze in München Mangelware. „Das ist schade. Wo sonst wenn nicht auf einem Bolzplatz sollen die Kinder und Jugendlichen denn Fußball spielen?“, fragt sie. Zudem habe sich keine der restlichen 450 Mietparteien in dem Wohnblock über die Jugendlichen beschwert – deshalb sehe man auch keinen Grund zum Einschreiten. „Die Hausordnung, die Fußballspielen verbietet, gilt schließlich nicht für die Wiese“, sagt Kerschensteiner. Wenn dagegen auf dem Gelände der Wohnblocks Fußball gespielt werde, dann würden die Hausmeister die Jugendlichen auf das entsprechende Verbot hinweisen.

Anka Campus ist anderer Meinung. „Da das Nachbargrundstück nicht eingezäunt ist, kommen vor allem im Sommer viele Fremde, spielen Ball, machen Party und hören laute Musik. Die Hausverwaltung ist verpflichtet, auch auf den benachbarten Grundstücken dafür zu sorgen, dass die Ruhezeiten eingehalten werden“, meint sie. Mietrechtlich würde so etwas zwar für Baulärm gelten – nicht aber für Lärm, der von Kindern verursacht wird. Das erklärt Mietrechtsexpertin Anja Franz vom Mieterverein München. Sie weist auf ein Urteil des Verwaltungsgerichts Stuttgart vom August 2013 hin. Dort heißt es, dass der Lärm spielender Kinder in einem Wohngebiet „weder gebietsunverträglich noch rücksichtslos ist und von Nachbarn grundsätzlich als sozialadäquat hingenommen werden muss“ (Aktenzeichen: Az.: 13 K 2046/13).

Grundsätzlich haben Kinder nach dem Willen des Gesetzgebers viel Freiraum. Was das in Sachen Lärm ganz konkret bedeutet, ist gesetzlich festgehalten.

Kinderlärm: Das ist die Rechtslage

Wenn Kinder lachen und spielen, ist das nicht mit Verkehrslärm, Diskotheken- oder Baustellengeräuschen zu vergleichen, erklärt Anja Franz, Sprecherin des Mietervereins. Mit einer Änderung des Bundesimmissionsschutzgesetzes hat der Gesetzgeber klargestellt, dass durch Kindertageseinrichtungen, Spiel- oder Bolzplätze hervorgerufene Geräuschpegel keine „schädlichen Umwelteinwirkungen“ sind. „Dies führt dazu, dass Geräuscheinwirkungen, die von Kindern ausgehen, von den Nachbarn grundsätzlich hinzunehmen sind. Dazu gehören kindliche Laute, Lachen, Rufen, aber auch Weinen, Schreien und Kreischen. Auch Störungen nach 22 Uhr sind hinzunehmen, denn niemand kann verhindern, dass ein Baby nachts schreit“, so Franz.

Der Vermieter muss eingreifen

Anders ist die Situation lediglich dann, wenn zu befürchten ist, dass die Kinder von den Eltern vernachlässigt werden, wenn die Eltern ihren Aufsichtspflichten nicht nachkommen – beispielsweise, wenn kleine Kinder allein in der Wohnung sind. „Auch wenn ältere Kinder und Jugendliche übermäßigen Lärm in der Wohnung verursachen, Fußball spielen oder vom Tisch hüpfen, ist das natürlich nicht zu akzeptieren“, sagt Franz. Bei extremen Lärmstörungen können sich Mieter beim Vermieter beschweren und haben unter Umständen das Recht, die Miete zu mindern. „Der Vermieter ist dann verpflichtet, einzugreifen und mit den jeweiligen Nachbarn zu sprechen.“

"Jeder Fall muss einzeln beurteilt werden"

Nachbarn müssen auch Geräusche dulden, die Kinder in einer Schule, einer Kindertagesstätte oder auf einem Bolzplatz verursachen. Anders ist das nur in Einzelfällen, etwa in unmittelbarer Nähe zu schutzbedürftigen Nutzungen wie Krankenhäusern oder Pflegeanstalten. Dann kann es sich auch bei Kinderlärm um eine „schädliche Umwelteinwirkung“ handeln.

„Letztlich ist jeder Fall einzeln zu beurteilen. Auf jeden Fall gilt auch hier das allgemeine Rücksichtnahmegebot! Und zwar für beide Seiten“, sagt Anja Franz.

Susanne Sasse

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