Immobilien-Irrsinn

Die 1000-Euro-Grenze im Bahnhofsviertel

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Das südliche Bahnhofsviertel aus der Vogelperspektive. rechts: die Paul-Heyse-Straße.

München - Im Bahnhofsviertel brummt das Geschäft mit den Immobilien. Dabei haben wir festgestellt: Die Paul-Heyse-Straße bildet eine entscheidende Linie in Sachen Preispolitik.

Der Hauptbahnhof – in jeder Stadt der Inbegriff der Hektik, aber auch des pulsierenden Lebens. Normalerweise nicht das Vorzeigefleckerl einer Stadt, aber spannend. So wie bei uns in München. Hier leben heute 70 verschiedene Nationen, die Gegend summt und brummt – und das schon seit ihrer Geburtsstunde. Vor allem brummt das Geschäft mit den Immobilien, das wir uns im heutigen Teil unserer großen Serie genauer anschauen. Dabei haben wir festgestellt: Die Paul-Heyse-Straße bildet eine entscheidende Linie in Sachen Preispolitik.

Die 1000-Euro-Grenze

Hier sind es die Araber, dort die Russen oder multinationale Investment-Konzerne: Wer die Menschen im südlichen Bahnhofsviertel fragt, wer sich bei ihnen auf dem Immobilienmarkt tummelt, bekommt viele Antworten. Eindeutig ist nur eins: Die Preise steigen und steigen.

Ortstermin mit Immobilienmaklerin Nezahat Gülmez in der Landwehrstraße. Hier brodelt es, hier tobt das türkisch-arabische Leben. Und hierher zieht es immer mehr Touristen aus den arabischen Staaten, hat die Fachfrau festgestellt. Erst vor wenigen Tagen kam die Anfrage aus einer Botschaft: Ob sie nicht eine passende Wohnung in der Landwehrstraße wisse.

Maklerin Nezahat Gülmez in der Landwehrstraße.

Solche Wohnungen gibt’s nicht viele, und das schlägt sich im Preis nieder. Eine Dachgeschosswohnung im Altbau für knapp 700 000 Euro – das wird heute durchaus verlangt. Nezahat Gülmez hat die Entwicklung der letzten Jahre genau beobachtet. Was 2008 noch für zirka 2800 bis 2900 Euro pro Quadratmeter gehandelt wurde, kostet heute 6000 bis 6500 Euro. Wer nicht so viel ausgeben kann oder will, muss einen Sprung über die Paul-Heyse-Straße machen. Denn der spart bei seiner neuen Landwehrstraßen-Immobilie locker um die 1000 Euro pro Quadratmeter. Weil’s hier weniger Geschäfte und Lokale gibt.

Sonderangebote sind aber auch an der Paul-Heyse-Straße direkt nicht zu habenm. Aktuelles Beispiel in einem Neubau-Komplex: 230 Quadratmeter, sechster Stock, 2,3 Millionen. Oder eine komplett eingerichtete Wohnung in der Landwehrstraße mit 170 Quadratmetern für 4500 Euro Warmmiete. Die Maklerin sagt: „Wir sind hier auf einem Niveau mit Bogenhausen. Was momentan verlangt wird, ist unbezahlbar.“ Ihre Hoffnung ist, dass sich im Bahnhofsviertel mehr langfristige Investoren breitmachen. Das sieht auch Serdal Altuntas so, ein Anwalt aus dem Viertel, der viel mit dem Immobilienmarkt zu tun hat. Er sagt: „Es wird relativ wenig verkauft, weil die Häuser zwar Altbestand sind, sich aber für die Eigentürmer rentieren.“

Immer wieder wird Al­tuntas von Klienten gefragt, ob er verkaufswillige Hausbesitzer kenne. „Die würden gern zwei Häuser in einem anderen Viertel verkaufen, um eins im Bahnhofsviertel zu bekommen“, so der Jurist. Um dann unter anderem an Gewerbetreibende zu vermieten. Dabei sind die Leute flexibel. So wurde etwa in der Landwehrstraße gerade eine zu große und unrentable Discounter-Filiale in zwei Einzelhandelsgeschäfte à 150 Quadratmeter umgebaut. Ein Vorgang, wie man ihn sich im restlichen München mit immer stärkerer Filialisierung nicht so recht vorstellen kann. „Überall sind die Innenstädte gleich“, sagt Altuntas. In ganz Deutschland, in ganz Europa: Überall gibt es die gleichen Ketten-Läden. Nur im Bahnhofsviertel nicht. Hier herrschen Vielfalt und Abwechslung, sind neue Erkenntnisse und Ansichten bei jedem Besuch garantiert.

Der Häuser-Gigant

Einer, der das Potenzial des Viertels lang vor dem großen Boom erkannt hat, ist Immobilien- und Hotel-Riese Ibrahim Kavun (Bild). Er hat seine Konzernzentrale in der Landwehrstraße und setzt auf ein Rundum-sorglos-Paket: Er behält alles in einer Hand, kauft, saniert und verwaltet seine Hotels, Boarding- und Wohnhäuser mit eigenen Leuten. Eine effektive und preisgünstige Strategie. Häufig sieht man im Viertel Fassaden mit dem typischen Kavun-Rot. Der aktive Geschäftsmann ist Mitglied im Verein südliches Bahnhofsviertel, den der Hotelier Fritz Wickenhäuser gegründet hat. Und der spricht sehr positiv über Kavun: Er vermiete zum Beispiel grundsätzlich nicht an Spielhallenbetreiber und leiste damit seinen Beitrag, dass der Laden-Mix einigermaßen stabil bleibe.

R. Huber (Texte), H. Gebhardt (Fotos)

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