Ungewöhnliches Projekt geplant

Tauschbörse gegen die Wohnungsnot

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München - Vielen Senioren ist ihre Wohnung mittlerweile zu groß. Der Seniorenbeirat plädiert für ein Wohnungstausch-Projekt, da viele junge Familien das gegenteilige Problem haben: Ihre Wohnung ist zu klein.

Seit mehreren Jahrzehnten lebt Christa M. nun schon in Neuperlach. Schön ist das Zuhause der alten Dame (87): Viele alte Möbel zieren die fünf Zimmer, insgesamt hat sie knapp 130 Quadratmeter Wohnfläche. Ein Traum. Eigentlich. Denn Christa M. will hier raus: „So viel Platz brauche ich doch gar nicht mehr. Zudem ist meine Wohnung im dritten Stock. Ich tue mich mit dem Gehen sehr schwer.“

Der Wohn-Wahnsinn mitten in München: Während junge Familien händeringend nach mehr Platz suchen (siehe Beispiel unten), sitzen viele Senioren alleine in riesigen Altbauten, obwohl sie mittlerweile lieber eine kleines Zuhause im Erdgeschoss hätten. Laut Seniorenbeirats-Chefin Ingeborg Staudenmeyer sind es Tausende. Der Grund ist schnell erklärt: Vor Jahrzehnten zogen sie ein, damals noch mit Ehemann und Kindern – mittlerweile sind Letztere längst aus dem Haus, der Gatte womöglich schon verstorben. Dazu kommt: Da sie meist uralte Mietverträge haben, sind die riesigen Wohnungen auch bezahlbar. Denn rein statistisch betrachtet bekommt jeder Senior im Schnitt nur gut 900 Euro Rente im Monat.

Für das Problem hat Ingeborg Staudenmeyer eine plausible Lösung: ein Wohnungstausch-Projekt! „Man müsste die alten Bewohner mit Anreizen dazu ermuntern, über einen Umzug in eine kleine, aber dafür altersgerechte Wohnung nachzudenken“, erklärt die Seniorenbeirats-Chefin. Da die alten Menschen natürlich tief in ihrem Viertel verwurzelt sind, müsste die Tauschwohnung schon in der Nähe sein. Die Miete müsste weiterhin günstig bleiben. Und: Damit die Senioren auch mitziehen, wird das neue Zuhause barrierefrei umgebaut. Was auch noch einen positiven Effekt auf die Pflegesituation in der Stadt hätte: Mehr Senioren könnten länger daheim wohnen. Lässt sich so was organisieren, vor allem in einer Stadt, wo sich sogar die kleinste der 500 000 Mietwohnungen für einen Top-Preis vermieten lässt?

Das geht leichter, als man meint, ist sich Ingeborg Staudenmeyer sicher. Denn allein die städtischen Wohngesellschaften Gewofag und GWG besitzen gut 50 000 Wohnungen in München. „Wenn nun eine kleine Wohnung irgendwo unten frei wird, fragt man gezielt einen Senior mit großer Wohnung, ob er da nicht einziehen möchte.“ Alle hätten einen Vorteil – besonders wenn das neue Daheim plötzlich barrierefrei ist.

Ihre Idee hat die Chefin des Seniorenbeirats schon mehrfach der Stadt vorgeschlagen. Doch beim Sozialreferat – das für die Wohnungsvergabe zuständig ist – schüttelte man schon 2012 nur den Kopf. Zu viel Bürokratie, so der Tenor. Immerhin: Mittlerweile läuft ein kleines Projekt, in dem Gewofag-Wohnungen barrierefrei umgebaut werden – als Unterstützung für Pflegebedürftige. Staudenmeyer gibt nicht auf – sie ist eine Kämpferin. Der Stadt hat sie vor Kurzem einen genauen Plan vorgelegt: „Das Thema wird schlichtweg verschleppt. Hier muss sich was tun. Es geht doch um das Wohl aller Münchner.“

So leiden auch junge Mieter

Eng ist es bei Bianca Rannetshauser (27) zu Hause. Sehr eng. Das Kinderbett ihres Sohnes Jermayn (10 Monate) steht direkt neben dem Fernseher, die Couch genau gegenüber dient als Schlafstelle. „Manchmal bekomme ich hier drin gar keine Luft mehr“, sagt die Mutter über ihre Mini-Wohnung in der Westendstraße. Genau 25 Quadratmeter Lebensraum haben sie und ihr Sohn zur Verfügung. Leben in einem Zimmer! „Aber ich finde einfach keine größere Wohnung – und das, obwohl ich seit zwei Jahren wie wild suche.“

Kaum Platz zum Leben haben Bianca Rannetshauser und ihr kleiner Sohn Jermayn in der Mini-Wohnung in der Westendstraße.

So wie Bianca Rannetshauser geht es vielen alleinerziehenden Müttern oder jungen Familien. Größere Wohnungen sind teuer – bei einem durchschnittlichen Quadratmeterpreis von 15 Euro. „Da ich aber keinen Kinderkrippen-Platz bekomme, kann ich derzeit auch nicht arbeiten“, erklärt die gelernte Verkäuferin. Somit fehlt auch das Geld. „Es ist zum Wahnsinnigwerden.“ Unzählige Wohnungen hat die Mutter schon besichtigt. Mal kamen sie preislich nicht in Frage, mal sagte der Vermieter gleich, dass er keine allleinerziehende Mutter haben möchte. „Man fühlt sich völlig alleingelassen.“

Rund 1200 Euro hat die Münchnerin derzeit monatlich zur Verfügung – inklusive Kinder- und Elterngeld. Unglaublich: Eigentlich sollte ja auch ihr Lebensgefährte – Jermayns Papa – in der kleinen Wohnung leben: „Aber das hat uns der Vermieter verboten. Er will nicht, dass in diesem kleinen Zimmer drei Menschen untergebracht sind.“ Jetzt kommt Papa halt jeden Tag zu Besuch. Wie soll es also weitergehen? „Erst mal bräuchte ich eine größere Wohnung, damit ich mich in dem Stadtteil dann auch nach einem Kita-Platz umschauen kann“, erklärt Bianca Rannetshauser. Dann könnte sie sich als Nächstes einen Job suchen. „Aber irgendwie habe ich die Hoffnung schon aufgegeben. Ja, tauschen würde ich sofort!“

Sie kämpfen für die Alten

Ingeborg Staudenmeyer ist Chefin des Seniorenbeirats.

„Wir sind hautnah an den Problemen der älteren Mitbürger dran – und helfen, wo wir können.“ Mit diesen Worten beschreibt Ingeborg Staudenmeyer (65) die tägliche Arbeit ihres Teams im Seniorenbeirat der Stadt München. Zudem stellt die ehemalige SPD-Politikerin (sie war lange Vor sitzende des Bezirksausschusses Neuhausen-Nymphenburg) auch Veranstaltungen im kulturellen Bereich auf die Beine. Sei es nun eine Weihnachtsausstellung oder die Teilnahme an der Messe 66. „Wir haben viele Aufgaben.“

Gut zu wissen: Lobbyisten haben hier nichts verloren! Die Seniorenvertretung ist ein parteiunabhängiges und ehrenamtliches Gremium. Für jeden der 25 Stadtbezirke werden Seniorenvertreter gewählt, die Ihre Interessen vor Ort – in enger Zusammenarbeit mit den Bezirksausschüssen – wahrnehmen. Der Seniorenvertreter mit der höchsten Stimmenzahl im Stadtbezirk wird Mitglied im Seniorenbeirat. Zu erreichen ist der Beirat unter 089/233-21166 oder per E-Mail: seniorenbeirat.soz@muenchen.de

Jeder Dritte würde umziehen!

Einen alten Baum verpflanzt man nicht. Stimmt nicht! Viele Münchner Senioren können sich auf ihre alten Tage noch einen Wohnungswechsel vorstellen – manche hoffen sogar darauf.

Mit Zahlen untermauert das die neue Studie der Stadt „Älter werden in München“ mit 2800 befragten Münchnern ab 55 Jahren: Die meisten Befragten sind mit ihrer bisherigen Bleibe zufrieden – 87 Prozent. Doch mit zunehmendem Alter wird die Treppe immer beschwerlicher, das Bad immer unpraktischer – von der Einsamkeit in der großen Wohnung ganz zu schweigen. Und auch wenn mit 92 Prozent fast alle Befragten am liebsten daheim alt werden würden, können sich immerhin 34 Prozent der älteren Münchner noch einen Umzug vorstellen. Das Problem: In der Stadt müssten viele Wohnungen erst barrierefrei werden, das kostet und schlägt sich auf die Miete nieder. Darum sind viele riesige Mietwohnungen mit alten Verträgen günstiger als neue, seniorengerechte Apartments. Die Forscher sprechen vom „zwanghaften Bleiben“ in den alten vier Wänden. Hier kann wegen der Mietgesetze wohl nur die öffentliche Hand helfen.

Armin Geier

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