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Wie komme ich an eine Sozialwohnung?

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Von: Susanne Sasse

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Holger Tanzen (44) sucht verzweifelt eine Bleibe – sonst muss er ins Männerwohnheim. © Westermann

München - Holger Tanzen (44) ist verzweifelt. Der gehbehinderte Münchner sucht dringend eine neue Bleibe - sonst muss er ins Männerwohnheim ziehen.

Holger Tanzen (44) ist zu hundert Prozent gehbehindert. 2012 verlor er seine Wohnung und zog ins Clearing Haus nach Großhadern. Sein Mietvertrag läuft aber am 14. Juni aus. „Wenn ich nichts anderes finde, muss ich ins Männerwohnheim ziehen – und das im Rollstuhl!“, sagt Tanzen verzweifelt.

Seit über einem Jahr, seit April 2013 ist er schon auf der Suche nach einer neuen Wohnung. Doch es hagelt Absagen. Der 44-Jährige braucht eine barrierefreie Bleibe, da er auf seinen Rollstuhl angewiesen ist. Gesucht hat er intensiv. Doch alle Makler sagten dasselbe: Vermieter wollen keinen behinderten Harz IV-Empfänger.

Mietrechtsexpertin Anja Franz bestätigt das. „In München haben Mieter mit einem vermeintlichen Makel so gut wie keine Chance“, sagt sie. Vermieter wollen gut verdienende Singles oder Doppelverdiener-Pärchen. „Alleinerziehende, Tierbesitzer, Alte, Kranke, Behinderte, Hartz IV-Empfänger, Ausländer und kinderreiche Familien fallen hinten runter. Kein Vermieter will sie, und keiner muss sie nehmen – es herrscht ja Vertragsfreiheit.“

Tanzen gibt trotzdem die Hoffnung nicht auf, eine barrierefreie Wohnung für eine maximale Kaltmiete 495 Euro zu bekommen. Er hofft auf eine Sozialwohnung – auch wenn es davon in München zu wenig gibt. Beim Wohnungsamt ist er mit 141 Punkten in Rangstufe 1 eingestuft worden. Er bekam vier Wohnungsangebote vom Amt vermittelt – doch alle Vermieter lehnten ihn ab. Holger Tanzen will das System verstehen, nach dem Sozialwohnungen vergeben werden – um seine Chancen vielleicht irgendwie zu steigern.

Nie hatte Tanzen damit gerechnet, in seine jetzige Situation zu kommen. Er war früher Lichtdesigner, beleuchtete viele Konzerte in München, etwa von Pink Floyd und New Model Army. Doch vor rund zehn Jahren merkte er, dass etwas nicht stimmt. „Ich konnte mein eigenes Gewicht immer schlechter heben“, erzählt er. Die niederschmetternde Diagnose: genetisch bedingte partielle Muskeldistrophie, also Muskelschwund an Oberschenkeln und im Beckenbereich. Tanzen konnte seinen Beruf nicht mehr ausüben.

Holger Tanzen ist nicht allein: Uns erreichen etliche Anfragen, wie man an eine Sozialwohnung kommt. Deshalb stellen wir Ihnen rechts einen Leitfaden zur Vergabe von Sozialwohnungen vor.

Susanne Sasse

Nach diesen Kriterien funktioniert die Vergabe

- Sozialwohnungen sind äußerst knapp in München. Vergeben werden sie vom Sozialreferat der Stadt. Sprecher Frank Boos erklärt: „Jährlich stellen 23 000 Haushalte einen Antrag auf Registrierung für eine geförderte Wohnung. 12 500 Haushalte sind durchgängig registriert, davon rund 8 200 in Rangstufe 1. Pro Jahr können rund 3 400 Wohnungen vergeben werden.

- Die besten Chancen auf eine Sozialwohnung haben die Bewerber mit den meisten Punkten und Rangstufe 1, erklärt Boos: „Die soziale Dringlichkeit des Bedarfs wird anhand einer Punktetabelle festgelegt.“ Mit der soll die Situation des Bedürftigen genau erfasst werden.

- Die Gesamtpunktzahl setzt sich aus Regel-, Überbelegungs- und Vorrangpunkten zusammen. Zudem gibt es Punkte für die Dauer der Anwesenheit in München. Vorrangpunkte erhalten Schwangere, junge Ehepaare oder ältere Menschen (Artikel 5 Satz 3 Bayerisches Wohnungsbindungsgesetz). Regelpunkte gibt es für Wohnungslosigkeit, wirtschaftliche Not, gesundheitliche Gründe, Trennung und ähnliches. Leben mehr Menschen in einer Wohnung, als diese Zimmer hat, gibt es Überbelegungspunkte. Wichtig: Verschiedene Sachverhalte bei den Regel- und Überbelegungspunkten werden nicht mehrfach bewertet – es zählt nur der Tatbestand mit der höchsten Punktezahl.

- Im Höchstfall können 146 Gesamtpunkte erreicht werden, die in vier Stufen unterteilt sind. Die höchste Dringlichkeit (Rangstufe 1) hat man ab 70 Punkten. Die Registrierung gilt ein Jahr.

- Meldet ein Eigentümer eine Wohnung als verfügbar an, werden ihm die fünf dringlichsten Fälle potenziell passender Bewerber genannt. Wählt der Vermieter keinen aus, bekommt er neue Bewerber genannt.

- Ende 2015 will die Stadt eine Internet-Wohnungsplattform einführen. Dort sollen sich die registrierten Wohnungssuchenden freie Wohnungen ansehen und ihr Interesse anmelden können. Dadurch soll das Wohnungsangebot transparenter werden, sagt Boos. Nach Einführung der Wohnungsplattform soll das Punktesystem überarbeitet werden, ebenso ist die Bearbeitung der Anwesenheitsdauer der Wohnungssuchenden in München geplant.

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