Die tz erklärt, wie das funktioniert

Wohnprojekt für Studenten: Putzen statt Miete

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Ungewöhnliche WG: Studentin Dina und Rentnerin Bärbel.

München - Das Projekt "Wohnen für Hilfe" bringt in München Senioren und Studenten in WGs zusammen. Statt Miete zu zahlen, helfen die Jungen im Haushalt. Dass das funktioniert, zeigt das Beispiel von Dina und Bärbel.

Jeden Donnerstag um acht hat Studentin Dina (21) Putzdienst. Gerade saugt sie das Wohnzimmer von Rentnerin Bärbel S. (72) – die hat schon den Tisch fürs gemeinsame Frühstück gedeckt. Die beiden leben in einer ungewöhnlichen WG in Unterschleißheim. Das Konzept: Senioren bieten Studenten eine günstige Bleibe, dafür bekommen sie Hilfe im Haushalt.

Das Reihenhaus in Unterschleißheim wurde der Rentnerin zu groß.

„Ich wüsste nicht, was ich ohne Dina machen würde“, sagt Bärbel S. Ihr Mann starb vor 35 Jahren, die einzige Tochter ist aus dem Haus. Das kleine Reihenhaus in Unterschleißheim ist für sie alleine nicht nur zu groß, sondern macht auch viel Arbeit. Arbeit, die die Rentnerin nicht mehr bewältigen kann: Zwei Bandscheibenvorfälle hat die ehemalige Bankangestellte schon hinter sich, auch das Herz macht immer wieder Probleme. Als sie vom Projekt Wohnen für Hilfe (siehe unten) erfuhr, meldete sie sich sofort an: „Das Konzept hat mir gleich zugesagt.“

Über das Projekt wurde ihr Studentin Dina aus Bosnien vermittelt. Gleich beim ersten Kennenlerntreffen waren sich die junge Frau und die Rentnerin sympathisch. „Ich bin zwei Wochen später eingezogen“, sagt Dina, die im zweiten Semester Betriebswirtschaft an der TU studiert. Seit Oktober wohnt sie in dem 38-Zimmer-Apartment unter dem Dach. Und hat mehr Platz als viele ihrer Kommilitonen: ein eigenes Bad, ein Schlafzimmer, im geräumigen Wohnzimmer befindet sich sogar eine Küchenzeile. Miete bezahlt Dina nicht, nur 150 Euro Nebenkosten. Im Gegenzug hilft sie Bärbel S. fünf Stunden pro Woche im Haushalt.

Mehr als nur eine Zweckgemeinschaft: Dina ist für Bärbel eine Ersatzenkelin

Für beide ein guter Deal: „Ich hätte mir in München sonst keine Wohnung leisten können“, sagt die Studentin. Sie muss sich selbst finanzieren, jobbt zusätzlich noch zwei Tage die Woche in einer Eisdiele: „Mehr Zeit habe ich nicht wegen der Uni.“

Den Putzplan stimmen die Frauen auf Dinas Stundenplan ab. Zwei Mal in der Woche sorgt Dina in Bärbels Wohnung für Ordnung: Saugen, aufräumen, Boden wischen. „Ich freue mich, wenn alles so schön sauber ist“, sagt Bärbel S. „Da kann ich wieder richtig durchschnaufen.“

Studentin Dina lebt mietfrei unter dem Dach, hat sogar eine eigene Küche.

Und beide Frauen verbindet längst mehr als nur eine Zweckgemeinschaft. „Meine Eltern und meine große Schwester wohnen in Bosnien, ich sehe sie nur selten“, sagt Studentin Dina. „Hier fühle ich mich nicht so einsam.“ Wenn Zeit ist, sitzen die beiden gern bei einem Kaffee zusammen – dann erzählt Bärbel aus ihrer Vergangenheit, Dina von ihrer Familie in Bosnien. „Wenn wir mal angefangen haben, ratschen wir drei Stunden“, sagt Dina. Sie ist für Bärbel längst zur Ersatzenkelin geworden. „Sie ist so ein liebes Mädchen. Als ich krank war, hat sie mir selbstgekochtes Essen gebracht“, sagt die Seniorin. „Ich bin froh zu wissen, das immer jemand da ist.“

Christina Meyer

So funktioniert das Projekt "Wohnen für Hilfe"

Das Konzept des Projekts Wohnen für Hilfe: Studenten können mietfrei bei Senioren wohnen, als Gegenleistung helfen sie den älteren Menschen im Alltag. „Wir wollen Jung und Alt zusammenbringen“, sagt Ursula Schneider-Savage von Wohnen für Hilfe in München. Etwa 40 Wohnpartnerschaften zwischen Jung und Alt werden in München pro Jahr vermittelt, 450 wurden bislang erfolgreich abgeschlossen. Träger des Projekts ist der Seniorentreff Neuhausen, der für die Stadt und den Landkreis vermittelt. Die Studenten bezahlen keine Miete, nur für die Nebenkosten wird eine Pauschale fällig. Dafür unterstützen sie die Senioren etwa beim Putzen und Einkaufen, übernehmen Gartenarbeiten oder begleiten sie zum Arzt (Pflege ausgenommen). „So profitieren beide Seiten: Die Senioren bewahren ihre Eigenständigkeit, die Studenten bekommen günstigen Wohnraum“, sagt Ursula Schneider-Savage. Zur Orientierung gilt: Ein Quadratmeter Wohnfläche entspricht einer Stunde Hilfeleistung im Monat. Das Projekt Wohnen für Hilfe betreut die Partnerschaften dauerhaft. Drei Euro kostet die Aufnahmegebühr für Studenten, die Vermittlungsgebühr für beide Seiten je 25 Euro. Zunächst wohnen die Partner vier Wochen auf Probe, dann ist die Kündigung je zwei Wochen zum Monatsende möglich. Das klappt meist sehr gut: Im Schnitt bestehen die Partnerschaften zweieinhalb Jahre. Neugierig?

Das Projekt Wohnen für Hilfe sucht Senioren, die Interesse an der Wohnpartnerschaft haben. Mehr Infos bei der Telefonsprechstunde Di. bis Fr. von 10 bis 12 Uhr unter Telefon 089/13 92 84 19 20.

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