Brotzeit im Biergarten: Und was gibt’s bei euch?

München - Picknickkorb unter den Arm geklemmt – und ab in den Biergarten! Normalerweise nimmt man eine Brotzeit mit, doch immer mehr Menschen greifen zu Fast-Food. y

Seit gut 200 Jahren ist es in Bayern Tradition, dass die Gäste ihr Essen mit in den Biergarten bringen dürfen. Doch jetzt ist eine heftige Diskussion um die bayerische Brotzeit entbrannt.Laut dem Bayerischen Biergartenverein tischen immer mehr Besucher im Biergarten Pizza, Burger & Co. auf – und bringen damit die Tradition in Gefahr!

Hier geht es zum Biergarten-Führer von München

„In der Biergartenverordnung steht, dass man eine Brotzeit mitbringen darf. Was man da heute manchmal sieht, hat aber oft nicht mehr viel mit einer Brotzeit zu tun“, schimpft Ursula Seeböck- Forster, Präsidentin des Vereins. Ihrer Meinung nach hat Fast Food im Biergarten nix verloren. „Eine Brotzeit ist etwas relativ Einfaches und meistens kalt: Brezn, Radi, Obazda, Wurstsalat. Da muss man keine Quiche auffahren, und eine Pizza gehört sicher auch nicht dazu.“

Überhaupt verkommen die Biergärten nach Ansicht des Vereins immer mehr zu Partyzonen. „Da gibt es regelrechte Auswüchse. Immer häufiger verabreden sich große Party-Gruppen über das Internet und stürmen dann zack, zack den Biergarten“, sagt Seeböck- Forster. Dort blockierten sie mit ihrem mitgebrachtem Essen gleich mehrere Tische, der Platz für Familien werde immer begrenzter. „So ist das nicht gedacht.“

Seit Anfang des 19. Jahrhunderts wurde in den Biergärten Bier ausgeschenkt, das in den Kellern der Brauereien lagerte. Um anderen Gaststätten das Geschäft nicht zu verhageln, wurde damals festgelegt, dass in den Biergärten kein Essen serviert werden darf – auch heute noch dürfen sich die Besucher ihre Brotzeit selbst mitbringen.

Fast Food im Biergarten – Traditionsbruch oder zeitgemäßer Wandel? Die meisten der Münchner Wirte zumindest haben kein Problem damit, wenn sich ihre Gäste zur Mass Bier einen mitgebrachten Burger oder Döner schmecken lassen (siehe unten). Und was sagen die Besucher selbst? Die tz hat ihnen in den Münchner Biergärten mal ganz genau auf die Teller geguckt…

Stichwort Biergartenverein

Sehen Sie hier den Biergarten-Fahrplan

(Copyright:www.pubstops.co.uk)

Der Verein zur Erhaltung der Biergartentradition wurde 1991 gegründet. Ziel des Vereins ist die Förderung der Biergartenkultur. Für die Bürger, unabhängig von Alter und Herkunft, sollen die Biergärten „eine Oase der Kommunikation und Regeneration“ bleiben. Der Verein, der zur Zeit etwa 100 Mitglieder hat, setzt sich vor allem für die Vielfalt der Biergärten und den Erhalt der Freischankflächen ein. Bei der Biergartenrevolution 1995 etwa kämpfte der Verein mit Brauereien und Politikern gegen ein Vorziehen der Sperrstunde in den Biergärten auf 21.30 Uhr.

Kein Fast Food

Wir sind total erstaunt, dass man in München sein eigenes Essen mit in den Biergarten nehmen darf. Echt klasse! Bei uns im Ländle ist das überhaupt nicht erlaubt. Wenn man Tomaten, Brot, Käse und Wurst mitbringt, ist das absolut in Ordnung. Pizza oder ähnliches Fast Food passt unserer Meinung nach aber nicht wirklich in einen traditionellen Biergarten.

CLAUDIA, STEFAN, GÜNTER UND MICHAEL, ARBEITSKOLLEGEN AUS STUTTGART

Pizza zu Bier

Einerseits ist es doch jedem selbst überlassen, was er sich zum Essen mitnimmt. Wir haben heute auch allerhand dabei: Wurstsalat, Käse und sogar nen ganzen Fisch. Andererseits leidet mit Pizza und Döner im Biergarten die Münchner Kultur. Passt Pizza überhaupt zum Radler? Nicht wirklich – da muss doch was Zünftiges her.

MICHAEL MÜHLDORFER (48) MIT SILVIA (45), GEMEINSAM MIT MANFRED UND PETRA WAHL (47), ALLE AUS DEM ALLGÄU

Ist eine Preisfrage

Als Familie ist Essen im Biergarten immer auch eine Preisfrage. Zudem schmeckt uns mein selbst gemachter Obazda viel besser. Deshalb bringen wir uns das Essen wie Käse und Tomaten am liebsten selbst mit. Es macht auch immer Spaß, die Leute zu beobachten und zu schauen, was die so dabeihaben. Wenn sich jemand Pizza mit in den Biergarten nimmt, ist das auch okay. Das sollte jeder machen, wie er will – wir sehen das nicht so eng.

JOACHIM EULER (56), EHEFRAU ANITA (49) UND TOCHTER NATHALIE (18), AUS MÜNCHEN

Essen genießen

Ich selbst nehme mir nie eine Brotzeit mit – dafür schmeckt mir ein frisches Hendl viel zu gut. Mich stört es aber auch nicht, wenn andere das Essen von zu Hause mitbringen oder sich mit Pizza hierhersetzen. Schön, wenn die verschiedensten Altersgruppen vertreten sind und alle ihr Essen genießen.

INGEBORG GRAF (53) AUS MÜNCHEN

Feiern mit Kultur

Wir feiern meinen 41.Geburtstag und haben alle ein bisschen was fürs Mittagessen mitgebracht. Eigene Brotzeit ist alte Tradition und gehört zu einem Biergartenbesuch fast schon dazu. Pizza und Co. passen nicht. Ich habe aber auch noch nie gesehen, dass jemand am Nachbartisch so was auspackt.

SANDRA RUBART (41) MIT FAMILIE AUS MÜNCHEN

Und das sagen die Wirte

Dürfen Pizza & Co. in den Biergarten— oder sollte hier nur Zünftiges wie Brezn und Obazda aufgetischt werden? Die meisten Münchner Wirtenehmen’s mit der Tradition nicht so eng. „Ich kann dem Gast doch nicht vorschreiben, was er in den Biergartenmitnehmen soll“, sagt Christian Schottenhamel, Wirt von Löwenbräukeller und Gutshof Menterschwaige. „Die Einstellung, dass das Essen im Biergarten nur aus Hendl und Haxn bestehen darf, ist spießig.Ich hab lieber einen vollen Biergarten und Gäste, die Spaß haben. Da stört es mich nicht, wenn einer Pizza isst.“

Auch Günter Steinberg, Wirt vom Hofbräukeller, teilt diese Meinung: „Ich finde es eine schöne Tradition, wenn sich die Gäste ihr Essen samt Tischdecke mitbringen. Ob das nun Pizza, Döner oder ein Kartoffelsalat mit Brezl ist, ist mir völlig egal.

Wiggerl Hagn, Wirt vom Unions- Bräu und ehemaliger Präsident des Bayerischen Hotel- und Gaststättenverbandes (BHG): „Jeder soll in den Biergartenmitnehmen dürfen, was er will – ein Döner bringt doch unser bayerisches Kulturgut nicht in Gefahr. Die Essgewohnheiten verändern sich eben.“

Christl Hochreiter vom Biergarten am Viktualienmarkt: „Es ist bei uns in Bayern Tradition, dass sich die Gäste ihr eigenes Essen mitbringen. Da ist es doch egal, ob das nun eine Brezl oder eben ein Stück Pizza ist.“

Christina Schmelzer

Rubriklistenbild: © Kruse

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