Zahlen steigen weiter

„Wo kommen wir hin, wenn wir jetzt schon Genuss verbieten?“ Münchner reagieren auf drohendes Alkoholverbot

In München gilt wohl bald ein nächtliches Alkohol-Verbot, um die Verbreitung des Coronavirus einzudämmen. Die Stadt hat Alternativen parat. Wir haben mit Beteiligten gesprochen.

  • In München* gilt wohl bald ein nächtliches Alkohol-Verbot, um die Verbreitung des Coronavirus* einzudämmen.
  • Das Verbot soll greifen, wenn die Sieben-Tage-Inzidenz den Schwellenwert von 35 erreicht. Die Stadt hat Alternativen für die Feiernden ausgearbeitet.
  • Wir haben Verkäufer und Partyvolk befragt.

München -Die Zahlen steigen. Am Dienstag meldete die Stadt 86 neu mit dem Coronavirus infizierte Personen. Der stetige Zuwachs hat Auswirkungen auf den sogenannten Sieben-Tage-Inzidenz-Wert. Er liegt seit Dienstag bei 27,93. Das bedeutet: Innerhalb einer Woche haben sich im Schnitt pro Tag 27,93 Menschen je 100.000 Einwohner mit der Lungenkrankheit angesteckt. Bayernweit gilt ein Wert ab 35 als signifikant; klettern die Zahlen über diese Marke muss gehandelt werden, um das Infektionsgeschehen stärker einzudämmen. Und dies wird jetzt in München vorbereitet.

Coronavirus München: Stadt hat Alternativen für die Feiernden parat

Die Stadt hat offiziell ein Verkaufsverbot für alkoholische Getränke zum Mitnehmen erlassen. Das greift ab 21 Uhr. Der Konsum von Alkohol im öffentlichen Raum ist ab 23 Uhr untersagt. Beide Regeln treten jedoch nur in Kraft, falls der Inzidenz-Wert von 35 überschritten wird. Zuvor hatten die Fraktionen im Rathaus diesem Vorgehen zugestimmt. Der Plan wiederum war am Montag an einem runden Tisch erarbeitet worden.

OB Dieter Reiter (SPD) sagte am Dienstag: „Die Entscheidung ist uns allen nicht leicht gefallen. Es geht aber in Zeiten der Pandemie zuallererst um den Schutz der Bevölkerung und darum, noch wesentlich belastendere Maßnahmen möglichst zu vermeiden.“ Der OB wird nun eine Allgemeinverfügung erlassen. Ein Bußgeldkatalog wird noch ausgearbeitet.

Die SPD im Rathaus trägt das Vorgehen zwar mit. Die Genossen wollen sich aber auch für Alternativen stark machen, damit es weiter möglich bleibt, sich konsumfrei zu treffen. Stadträtin Lena Odell sagt: „Deshalb setzen wir uns für dezentrale Lösungen ein.“ Vorstellbar seien Plätze für kleinere Gruppen. „Eine Füllstandsanzeige für besonders beliebte Orte kann dabei helfen. Und auch für den Winter wollen wir Perspektiven schaffen, etwa durch die Nutzung der Messehallen.“

Coronavirus in München: Künftig zusätzliche Toiletten am Gärtnerplatz

Grünen-Vize Dominik Krause sieht Alkoholverbote zwar nicht als Lösung. „Die Maßnahme soll hier jedoch ergriffen werden, um die Corona-Pandemie und den derzeit alarmierenden Anstieg der Fallzahlen in München einzudämmen.“ Zwar trügen Reiserückkehrer zu 50 Prozent zum aktuellen Anstieg bei, die anderen 50 Prozent der Ansteckungen fänden aber in der Stadt statt. „Die Erfahrung der letzten Wochen zeigt, dass besonders mit zunehmender Alkoholisierung Abstandsregeln in Vergessenheit geraten“, sagt Krause. Dazu komme, dass insbesondere auf beliebten Plätzen wie dem Gärtnerplatz eine Vermischung zwischen einzelnen Gruppen stattfinde. „Das Unterbrechen von Infektionsketten ist so kaum möglich.“

Bauchschmerzen bereiten die Verbote auch der FDP. Fraktionsvize Gabriele Neff sagte am Dienstag: „So einfach tun wir uns da nicht. Aber ich glaube, dass die Zahlen zum Nachdenken anregen.“ Es gelte, die Infektion einzudämmen und einen erneuten Lockdown zu vermeiden. „Freiheit braucht manchmal auch Regeln.“

Derweil hat die Stadt zugestimmt, am Gärtnerplatz zusätzliche Toiletten aufzustellen. Das geht auf einen Antrag der CSU zurück. Fraktionschef Manuel Pretzl: „ Das ist ein immer wieder gehörtes Anliegen der Anwohner, dem nun Rechnung getragen werden soll.“ - Sascha Karowski - tz.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.

Abends wird der Gärtnerplatz schon mal zur Partymeile. Doch damit soll bald Schluss sein.

„Ich radle jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit am Gärtnerplatz vorbei. Es ist schon krass, wie viele leere Flaschen und Becher hier montags herumliegen! Ich finde es gut, dass man nach Wegen sucht, diese enorme Ansammlungen zu verhindern. Teilweise haben hier ja 1800 Leute gefeiert, das ist eindeutig zu viel.“

„Uns ist es am Gärtnerplatz nachts auch zu voll, aber mein Bier lasse ich mir nicht verbieten! Wir brauchen mehr Freiräume in München, an denen man ungezwungen sein kann. Jetzt gibt’s wieder ein Verbot mehr… Das verdeutlicht wieder eines: Dass wir mehr Politik für Leute unter 30 brauchen.“

„Wir haben Glück, dass wir eine große Freischankfläche haben, so fällt das Verbot bei uns nicht sehr ins Gewicht. Aber: Die kleinen Bars haben schon gelitten – jetzt wird’s für sie noch schwerer. Wo kommen wir hin, wenn wir jetzt schon Genuss verbieten? Man muss was gegen Leute unternehmen, die sich nicht an die Auflagen halten, aber nicht das.“

Rubriklistenbild: © Jens Hartmann

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