Verbandsboss geht auf Olympia-Neinsager los

"Die Bayern haben keinen Ar*** in der Lederhose"

Berlin - Nicht allen schmeckt das klare Nein der Oberbayern zu Olympia 2022. Ein Verbandsboss geht nun auf die Ablehner los. Auch das IOC steht in der Kritik: die Reaktionen.

Gerd Heinze, der Präsident der Deutschen Eisschnelllauf-Gemeinschaft DESG, hat mit drastischen Worten seinen Unmut über das klare Nein der Bürger zu Olympia 2022 zum Ausdruck gebracht. „Auf Deutsch gesagt: Die Bayern haben keinen Arsch in der Lederhose“, sagte Heinze am Montag der Nachrichtenagentur dpa. „Sie sind nicht bereit, das geringste Risiko einzugehen, um Dinge nach vorn zu bringen, die für ganz Deutschland so wichtig wären“, beklagte Heinze. Am Sonntag hatten die Olympia-Befürworter bei vier Bürgerentscheiden in der Wintersportregion eine heftige Niederlage einstecken müssen.

Heinze kritisierte auch die deutsche Sportführung, einige Zeit verschenkt zu haben, ehe das Bekenntnis zu einem erneuten Anlauf Münchens nach der Niederlage um die Bewerbung 2018 gegeben wurde. „Diese Zeit hätte man gebraucht, denn im veränderten Konzept war einiges noch nicht planungsreif“, sagte der DESG-Chef, der zugleich bedauerte, dass andere Regionen Deutschlands gar nicht zum Thema Olympia befragt wurden.

Olympia 2022: Bilder aus dem Münchner Kreisverwaltungsreferat

Olympia 2022: Bilder aus dem Münchner Kreisverwaltungsreferat

IOC in der Kritik

Bei der Ursachenforschung für das 0:4 gegen eine weitere Münchner Olympia-Bewerbung geriet am Tag danach das Internationale Olympische Komitee (IOC) immer stärker in den Mittelpunkt. „Weltmeisterschaften auszutragen ist kein Problem, aber sobald die Menschen Olympia hören, bekommen sie Angst“, sagte FIS-Präsident Gian-Franco Kasper am Montag der Nachrichtenagentur dpa. „Das ist ein schlechtes Zeichen. Vor allem ist es ein Misstrauen gegen das IOC.“

Dies sah auch Olympia-Gegner Ludwig Hartmann Ludwig so: „Es hat nicht der Sport verloren, sondern das IOC“, befand der Fraktionschef der Grünen im Bayerischen Landtag am Sonntagabend im Bayerischen Fernsehen.

Beim Bürger-Votum waren die Münchner Olympia-Pläne am Sonntag an allen vier geplanten Austragungsorten durchgefallen. Damit sind die Pläne, 50 Jahre nach den Sommerspielen in München auch Winterspiele nach Deutschland zu bringen, wohl endgültig vom Tisch. „Nein, es gibt keine Hintertürchen. Es ist die Aussage der Bürger“, stellte DOSB-Generaldirektor Michael Vesper schon am Sonntag klar.

„Ich glaube, es ist eine generelle Skepsis gegenüber sportlichen Großereignissen“, sagte der Generaldirektor des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) weiter. „Es ging nicht mehr um Teile der Bewerbung, sondern plötzlich um die Generalkritik“, vermutete auch Münchens Oberbürgermeister Christian Ude (SPD) nach der heftigen Niederlage der Befürworter bei den vier Bürgerentscheiden in den geplanten bayerischen Wettkampfregionen.

Der Deutsche Skiverband (DSV) machte eine „Angst-Stimmung“ in der Bevölkerung für das Münchner Olympia-Aus verantwortlich. „Da versucht man das zu bewahren, was man hat“, sagte DSV-Vizepräsident Peter Schlickenrieder am Montag dem Deutschlandradio Kultur.

Eine „verpasste Chance“ für ganz Sport-Deutschland sah DFB-Präsident Wolfgang Niersbach. „Auch wir vom Fußball haben dieses Vorhaben mit voller Überzeugung unterstützt, weil wir selber die Erfahrung gemacht haben, welch positive Auswirkungen eine solche Veranstaltung hat“, sagte Niersbach am Montag im österreichischen Reith bei Kitzbühel im Rückblick auf das Sommermärchen der Fußball-WM 2006. „Man hat den Weg des Bürgerentscheids gewählt. Das ist Demokratie - die Mehrheit will es so. Leider, leider, auch aus Sicht des Fußballs, muss man dann die Akte zuklappen.“

Enttäuscht reagierte auch Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) auf das Scheitern. „Das wäre schon nicht nur für die vier betroffenen Standortgemeinden, sondern insgesamt für uns in Bayern und für Deutschland eine große Chance gewesen“, sagte Herrmann im Bayerischen Rundfunk. Das Aus für Olympia bedeute aber nicht, dass in Deutschland grundsätzlich Großprojekte nicht mehr durchsetzbar seien: „Ich würde darin keine generelle Absage sehen. Ich glaube, dass es für andere Ereignisse durchaus wieder Begeisterung geben kann.“

Die Grünen werten das klare Nein der Bürger in Bayern zu einer Münchner Olympia-Bewerbung 2022 als massive Schlappe für das IOC. „Das IOC ist der Wahlverlierer, nicht der Sport in Deutschland“, sagte Ludwig Hartmann, der Fraktionschef der Grünen im Landtag und einer der Wortführer des Bündnisses „NOlympia“, am Montag in München. Die Bedingungen, die das IOC den Olympia-Gastgebern aufdrücke, etwa die eigene Steuerfreiheit, seien in keinster Weise hinnehmbar.

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Hartmann wertet das Bürger-Votum deshalb auch nicht als Zeichen dafür, dass in Deutschland keine Großprojekte mehr von den Bürgern gewollt würden. Zum einen mache es einen Unterschied, ob es um eine zweiwöchige, einmalige Großveranstaltung gehe oder um andere große Projekte. „Und wenn man gut argumentiert, gut vermitteln kann, werden sich die Menschen überzeugen und begeistern lassen“, erklärte er.

Hartmann und die Münchner Grünen-Politikerin Katharina Schulze betonten, dass die Olympia-Befürworter ganz offensichtlich nicht gespürt hätten, was die Menschen wollen und was nicht. Da habe auch eine „Materialschlacht“ vor den Bürgerentscheiden nichts genützt. „Man kann sich Mehrheiten nicht erkaufen in diesem Land“, sagte Hartmann.

Beckenbauer: Olympia-Aus wird Gegnern irgendwann leidtun

Auch Franz Beckenbauer zeigt sich kritisch. Er sieht im verlorenen Bürgerentscheid der Olympia-Befürworter eine verpasste Möglichkeit für den Freistaat. „München, das Land Bayern haben eine große Chance vertan, sich in der Weltöffentlichkeit zu präsentieren“, sagte Beckenbauer am Montag bei der Jubiläumsveranstaltung seines Managements in Reith/Österreich. Olympische Spiele seien ein Geschenk, hob der „Kaiser“ hervor. „Das wird ihnen irgendwann leidtun.“

dpa

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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