Hoffen auf den Franz-Faktor

+
Die Mitglieder der deutschen Delegation (von hinten links nach vorne rechts) Bernhard Schwank (Geschäftsführer der Bewerbungsgesellschaft "München 2018"), Paralympicssieger Gerd Schönfelder, der ehemalige Turner Eberhard Ginger, die ehemaligen Skirennfahrer Christian Neureuther und Rosi Mittermaier-Neureuther, Gerhart Böhm (Bundesinnenministerium), Michael Vesper (Generaldirektor des DOSB), Innenminister Hans-Joachim Friedrich ( CSU), IOC-Mitglied Walther Tröger, Katarina Witt, Christian Ude, Bundespräsdident Christian Wulff, Thomas Bach, Verena Bentele und Horst Seehofer am Dienstag (05.07.2011) bei einem Fototermin in Durban (Südafrika).

München/Durban - Am Mittwoch um kurz nach 17 Uhr ist es so weit: Dann verkündet IOC-Präsident Jacques Rogge, wo die Olympischen Winterspiele 2018 stattfinden: in München, Annecy oder Pyeongchang. Die deutsche Delegation im südafrikanischen Durban setzt auf Sieg – und auf den „Kaiser“.

Bei uns finden Sie am Mittwoch ab 9 Uhr einen Live-Ticker

Die Verstärkung kam spät, aber früher als erwartet. Rückenwind hatte die Sondermaschine der Lufthansa auf dem Weg von München nach Durban beflügelt, sodass Fanflieger LH 2572 eine halbe Stunde früher auf dem King Shaka International Airport landete. Dem Flugzeug entstieg ein müde dreinblickender Ministerpräsident. Mit einem München-2018-Schal um den Hals führte Horst Seehofer nach elfstündigem Flug eine 140-köpfige Delegation von Olympia-Unterstützern durch den Zoll und in die Empfangshalle – wo Münchens OB Christian Ude die Ankömmlinge „sehnlichst“ erwartete. „Es sind nämlich fast nur Koreaner da“, erklärte Ude. Er meinte damit die Unterstützer Pyeongchangs, die mit aller Macht auf einen Sieg im dritten Anlauf setzen.

Ob es reicht, wird sich heute zeigen. Ganz so alleine müssen sich die Münchner Olympia-Werber jedenfalls nicht mehr fühlen. Eine ganze Reihe von Sportbotschaftern ist im Fanflieger nach Durban gereist – Skifahrer Markus Wasmeier etwa, Rodler Alexander Resch oder Bob-Pilotin Susi Erdmann. Auch eine kleine Delegation Münchner Stadträte ist da, der Garmisch-Partenkirchner Bürgermeister Thomas Schmid und Georg Grabner, Landrat vom Berchtesgadener Land. Sie alle wollen vor Ort sein, wenn das Internationale Olympische Komitee (IOC) auf seiner 123. Vollversammlung entscheidet, wo 2018 die Winterspiele stattfinden – 8900 Kilometer von München entfernt in Durban, einer Hafenstadt mit rund drei Millionen Einwohnern.

Lesen Sie dazu:

Beckenbauer wirbt: "München ist der richtige Ort"

Olympia-Vergabe: Hier können Sie mitfeiern und mitfiebern

Südafrika ist stolz, Gastgeber der IOC-Versammlung zu sein. Unzählige jugendliche Helfer stehen herum. Ministeriumsbeamte führen Gäste der Versammlung beim Umsteigen durch den Flughafen – vorbei an den Schlangen wartender Menschen. Die Zeitung „The Mercury“ druckte gestern die Olympischen Ringe auf der Titelseite mitsamt den Logos der drei Bewerber. Darunter die Schlagzeile: „Cops gun down 8 suspects“, Polizisten schießen acht Verdächtige nieder. Die Schattenseite Durbans. Die Stadt gilt als relativ gefährlich. Die Armut ist groß, die Kriminalitätsrate hoch. Hoteliers raten ihren Gästen, selbst kürzere Wege mit dem Taxi zurückzulegen.

Dennoch ist Durban eine begehrte Konferenzstadt. Diesmal für das IOC. Im „International Convention Centre“ an der Bram Fisher Road, nur ein paar Häuserblocks vom Indischen Ozean entfernt, treffen ab heute Morgen um halb neun rund 100 Mitglieder des IOC zusammen, um über die Olympische Zukunft zu entscheiden. Es geht um eine Schlüsselfrage: Sollen die Spiele in Asien einen neuen Markt erschließen oder kehren sie heim zu den Wurzeln des Wintersports – nach Europa? München wittert eine historische Chance, die erste Stadt der Welt zu werden, die Sommer- wie Winterspiele ausgerichtet hat. Wird Durban für München also das zweite Rom, wo 1966 das IOC entschied, dass die Spiele 1972 nach Bayern gehen?

In den 45 Jahren zwischen den Entscheidungen hat sich das Medieninteresse jedenfalls massiv erhöht. Während 1966 die Vergabe den Zeitungen nur eine größere Notiz wert war, steht der Kampf um die Spiele 2018 schon seit Wochen im Blick der Reporter. Der Bayerische Rundfunk etwa plant heute eine fast ganztägige Sondersendung.

Doch IOC-Mitglieder sind in Durban vor der Entscheidung kaum zu sehen. Sie logieren im abgeschirmten „Hilton Hotel“ gleich gegenüber dem Kongresszentrum. Auch IOC-Vize Thomas Bach, Münchens oberster Olympia-Missionar, zeigt sich nicht mehr der Öffentlichkeit. Er muss Gespräche führen. In den letzten Tagen vor der Wahl geht es darum, unentschlossene IOC-Mitglieder für sich zu gewinnen.

Eine besondere Rolle könnte dabei der „Kaiser“ spielen. Die Nachricht, dass Franz Beckenbauer die deutsche Bewerbung mit präsentiere, hat „eingeschlagen wie eine Bombe“, stellte Ude zufrieden fest. Auch Seehofer freute sich über den „großen und uneigennützigen Dienst“ Beckenbauers, der schon die Fußball-WM 2006 nach Deutschland geholt hatte. „Das hat Wucht“, betonte Seehofer.

In einem kleinen Hotelzimmer im 14. Stock eines Hotels an der Strandpromenade von Durban gab der „Kaiser“ Reportern dann eine kurze Audienz. Beckenbauer sagte: „Ich bin Bayer und Münchner und möchte, dass meine Landsleute die Spiele daheim erleben können.“ Er wünsche sich, dass die Entscheidung noch nicht gefallen sei. „Ich hoffe, ich kann bei den Mitgliedern, die ich schon sehr lange kenne, noch ein bisschen Promotion machen.“

Das lange als einsamer Favorit gehandelte Pyeongchang jedenfalls reagierte irritiert auf die Nachricht. Die Südkoreaner sind genervt, dass München in den vergangenen Wochen aufgeholt hat. Man wolle der olympischen Bewegung und dem Wintersport helfen, in neue Regionen zu expandieren, beteuerte deren Chef Yang Ho Cho erst am Montagabend wieder. „New Horizons“ – neue Horizonte heißt das Konzept der Südkoreaner, die es als ganz selbstverständlich ansehen, dass Pyeongchang es im dritten Anlauf schaffen muss, die Winterspiele 2018 zu bekommen. Mit einer ganzen Armada an Funktionären und Journalisten sind die Südkoreaner nach Durban gereist.

Den Auftritt von Franz Beckenbauer zu kontern, dies zumindest dürfte den Asiaten nun nicht mehr gelingen. Schon die Tatsache, dass München die frühere Eiskunstläuferin Katarina Witt als Frontfrau engagiert hatte, ärgerte Pyeongchang. Im Gegenzug holten sie ihren Eislaufstar, die 20-jährige Olympiasiegerin Kim Yu-Na, ins Boot. „Es fällt überhaupt auf, dass die Koreaner großen Aufwand darauf verwenden, unsere Schritte zu verfolgen, um nirgendwo ins Hintertreffen zu geraten“, stellte Ude fest.

Auf die Unterstützung der Politik können die Bewerber zählen. Bundespräsident Christian Wulff ist zusammen mit Rosi Mittermaier, Christian Neureuther und Georg Hackl angereist. Südkoreas Präsident Lee Myung Bak ist ebenfalls da, um die Bewerbung Pyeongchangs zu stärken. Frankreichs Staatschef Nicolas Sarkozy indes kam nicht und hat stattdessen Premier Francois Fillon geschickt. Womöglich, weil er die Niederlage Annecys fürchtet, wird gemunkelt. Die Hauptstadt des Départements Hochsavoyens, eine gute Autostunde südlich von Genf, gilt als krasser Außenseiter. Es gibt kaum einen Beobachter in Durban, der die Franzosen mit Chancen sieht. Die meisten gehen davon aus, dass Pyeongchang und München das Rennen unter sich ausmachen.

Für die deutsche Delegation wird es heute ein langer Tag werden. Um 8.45 Uhr ist sie als Erste dran, den IOC-Mitgliedern zum letzten Mal ihre Bewerbung vorzustellen. Lange hatte man an der finalen Präsentation gefeilt, Filme gedreht, Texte geschrieben und diese mit den Bildern abgestimmt. Neben IOC-Vize Bach, Bundespräsident Wulff, Katarina Witt, OB Ude, Bewerbungschef Bernhard Schwank und den IOC-Mitgliedern Claudia Bokel sowie Walther Tröger werden nun auch die Skirennfahrerin Maria Höfl-Riesch, die Paralympics-Siegerin Verena Bentele, der Jodler Willi Rehm und der „Kaiser“ auf dem Podium sitzen. Eine Stunde hat das IOC für die Präsentation eingeplant. Was dann folgt, ist Warten. Darauf, dass auch Annecy und Pyeongchang ihre Bewerbungen zeigen und die Evaluierungskommission des IOC ihre Ergebnisse vom Besuch der Kandidatenstädte vorträgt.

Olympia skurril

Olympia skurril

Nach einem Test der Abstimmungsgeräte wird es um 15.35 Uhr ernst. Auf ihrer Fernbedienung stimmen voraussichtlich 96 IOC-Mitglieder geheim über die Winterspiele 2018 ab. Deutsche, Franzosen und Südkoreaner sind ausgeschlossen, IOC-Präsident Rogge enthält sich. Gibt es im ersten Wahlgang keine absolute Mehrheit, kommt es zur Stichwahl der zwei Bewerber mit den meisten Stimmen.

Kurz nach 17 Uhr wird Rogge das Ergebnis verkünden. Sollte München gewinnen, muss OB Ude gegen 18 Uhr den Host-City-Vertrag unterzeichnen – jenes Regelwerk, das die Gegner der Spiele mehrfach kritisierten, weil es die Pflichten recht einseitig der Bewerberstadt aufbürdet. Danach hätten München, Garmisch-Partenkirchen und Berchtesgaden gut sechseinhalb Jahre Zeit, ihr „Fest der Freundschaft“ (so lautet der Bewerbungsslogan) in Oberbayern vorzubereiten.

Am 9. Februar 2018 könnte im Olympiastadion die Eröffnungsfeier stattfinden. Zuvor aber muss IOC-Präsident Rogge heute nach dem Öffnen des Umschlags und der üblichen Kunstpause den Namen „Munich“ nennen. Vielleicht stehen die Chancen, dass er dies tut, sogar ganz gut. Die Entscheidung über die Fußball-WM 2006 fiel vor elf Jahren schließlich auch an einem 6. Juli.

Matthias Kristlbauer

auch interessant

Meistgelesen

Frau von Lkw gerammt: „Da ist man auch als Polizist betroffen“
Frau von Lkw gerammt: „Da ist man auch als Polizist betroffen“
Kindesentführung am Münchner Flughafen vereitelt
Kindesentführung am Münchner Flughafen vereitelt
Dutzende Pendler sauer: Zugführer fährt ohne Fahrgäste los
Dutzende Pendler sauer: Zugführer fährt ohne Fahrgäste los
Über diese Twitter-Panne der Münchner Polizei lacht das Netz
Über diese Twitter-Panne der Münchner Polizei lacht das Netz

Kommentare