Aus Istanbul nach Haidhausen

Die Brezngaudi: Memo, der Bäcker-Philosoph

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Die vier von der Backstube: Chef Memo Balci (v.l.), Bäcker Martin Dolanjski, ­Aushilfskraft Robert Abradu Dansu und Lehrling Erol Kolbeck

München - Manchmal, wenn der Memo (35) aus seiner Backstube rauskommt und dasitzt, bei einem Cappuccino vor seiner Bäckerei, kann er philosophisch werden.

Vor allem, wenn’s um Brezn geht. Der Memo macht die Brezn alle selber, das sieht man ihnen an, jede schaut anders aus. Man kann mit ihm leicht ins Sinnieren kommen über die tiefgründige Seele und die Unverwechselbarkeit einer jeden Brezn. Er sagt: „Eine selbergemachte Brezn ist wie eine Unterschrift. Keine Brezn gibt es zwei Mal. Eine g’scheite Brezn ist Kunst.“ Memo Balci, Bäcker. Professor der Brezologie.

Hätte er sich auch nicht träumen lassen, dass sein täglich Brot mal Semmeln und Brezn sein würden. Als er vor mehr als 20 Jahren hierherkam. Aus Istanbul nach Haidhausen.

Ein sonniger Nachmittag im März. Stadtauswärts, auf der Prinzregentenstraße, stehen die Pendler wieder im Stau. Die Sonne gegenüber lugt gerade noch über das Kirchenschiff von St. Gabriel herüber, auf den Laden vom Memo und seiner Schwester, der Yurdi. Im Sommer sind es zehn Jahre, dass sie ihre Bäckerei hier haben.

Der Memo ist 35, er heißt eigentlich Mohammed, er musste Mohammed heißen, die Eltern wollten das so. Er war das vierte Kind und der erste Bub, vor ihm kamen die drei Schwestern. Die Necla, die Belma, die Yurdi. Memo, das war einfach kürzer, für seine Freunde, da wo er groß wurde, in Istanbul. Bis er 13 war. Bis der Vater rief.

Der Papa war schon eine Zeit in München, er hatte Arbeit im rechts der Isar, in der Apotheke. Er holte seine Frau und die beiden jüngsten Kinder zu sich, den Memo und die Yurdi, die war 15. Keiner von ihnen sprach ein Wort Deutsch.

Aber sie lernten schnell. „Weil wir dazugehören wollten“, sagt die Yurdi, „wir wollten uns integrieren in diese Gesellschaft und etwas aufbauen.“ Das glückte ihnen auch.

In der Wörthschule machten die beiden ihren Abschluss, danach lernte sie Bürokauffrau, er Konditor und Bäcker, er machte seinen Meister. Dann fand er diesen Laden, fünf Gehminuten hinterm Prinzregentenplatz. Früher war die Frau Motz hier, ihre Bäckerei war eine Institution im Viertel, hier zwischen Haidhausen und Bogenhausen. Als die Frau Motz zugemacht hatte, kam der Memo: „Ich hab den Laden gesehen und gewusst, da will ich rein.“

Yurdi und Memo Balci vor ihrer Bäckerei in Haidhausen

Er nannte den Laden Chocolatte. Schokomilch. Klingt gut. Ob auch das Geschäft gut werden würde, wusste er nicht. „Als ich hier im August 2004 aufgesperrt hab, hatte ich keine Ahnung, was das wird“, sagt er. „Und dann haben sie uns den Laden eingerannt. Um halb zehn hatten wir alles verkauft.“ Es lief so gut, dass der Memo bald die ganze Verwandtschaft brauchte und einen Familienbetrieb aufbaute. Mit der Mama, die wie heute auch noch die Butterbrezn und die Leberkässemmeln macht. Mit der Yurdi, die ihren Büro-Job beim KautBullinger hinschmiss, für alles, was hier nun anfiel. Und mit der Necla, mit 44 Jahren der ältesten Schwester, die mit Mann und Tochter nachgekommen war, die auch heute noch an der Theke steht.

Jeden Tag gibt’s hier 350 Brezn, 600 Semmeln, 80 Brote. 200 Croissants, 180 Schnecken, 20 Kuchen. Alles selbergemacht. Und ein Lächeln gibt’s immer obendrauf, ganz umsonst. Deswegen kommen die Stammkunden jeden Tag.

Drüben in der Wörthstraße, gegenüber von ihrer alten Schule, haben sie noch eine kleine Filiale, und manchmal fahren sie auch noch zurück, einmal im Jahr nach Istanbul. Zur Belma, der einzigen Schwester, die in der Türkei geblieben ist. Selbst zurückziehen: Das wollen sie nicht mehr. „In Istanbul wär’s uns zu chaotisch. Das hier ist unsere Heimat.“ Und dann sagt die Yurdi noch in bestem Münchnerisch: „Irgendwia hammas gschafft.“ Die Sonne hinter St. Gabriel ist verschwunden, der Memo geht wieder in die Backstube, er räumt zusammen für heute.

Morgen früh gibt’s wieder g’scheite Brezn.

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