"Wäre sinnvoll"

Nudeln bald ewig haltbar? Experte im tz-Interview

München - Deutschland will das Mindesthaltbarkeitsdatum bei trockenen Nudeln, Reis, Tee, Kaffee und Hartkäse bis Ende 2015 abschaffen. Die tz sprach mit einem Experten darüber.

Die endgültige Entscheidung darüber muss aber die EU-Kommission treffen. Agrarminister Christian Schmidt (CSU) erklärte beim Treffen mit seinen EU-Amtskollegen in Brüssel, dass er einen entsprechenden Vorschlag Schwedens und der Niederlande unterstütze. Mit der Streichung des Mindesthaltbarkeitsdatums will die EU die Verschwendung von Nahrungsmitteln reduzieren. Denn jährlich werden in der EU 89 Millionen Tonnen Lebensmittel weggeworfen. „Viele Verbraucher verwechseln das Mindesthaltbarkeitsdatum mit dem Verfallsdatum“, so der Geschäftsführer des Handelsverbandes Deutschland (HDE). Aber sind mehrere Jahre alte Nudeln wirklich unbedenklich? Die tz sprach darüber mit dem Lebensmittelchemiker Dr. Ulrich Nehring aus Braunschweig.

Ist es vernünftig, das Mindesthaltbarkeitsdatum für Nudeln oder Reis abzuschaffen?

Dr. Ulrich Nehring: Ja, aus wissenschaftlicher Sicht spricht überhaupt nichts dagegen, denn solange Nudeln oder Reis trocken gelagert werden, gibt es da überhaupt keine gesundheitlichen Bedenken. Weil das Mindesthaltbarkeitsdatum oft falsch verstanden wird, werden häufig auch lange haltbare Lebensmittel weggeworfen, obwohl sie noch gar nicht verdorben sind. Insofern wäre eine Abschaffung des Mindesthaltbarkeitsdatum bei Lebensmitteln wie Reis oder Nudeln ein sinnvoller Betrag, um die Lebensmittelverschwendung einzudämmen.

Auch bei Tee und Kaffee soll das Mindesthaltbarkeitsdatum gestrichen werden – aber alter Kaffee schmeckt doch nicht mehr, oder?

Nehring: Es kann zwar Aromaverlust bei Kaffee oder bei bestimmten aromatisierten Tees geben. In einer geschlossenen Verpackung – und für die gilt das Mindesthaltbarkeitsdatum ohnehin nur – läuft man aber keine Gefahr, dass das Aroma binnen ein, zwei Jahren verloren geht.

Wäre es dann sinnvoll, auf die Produkte ein Herstellungsdatum zu schreiben statt des Mindesthaltbarkeitsdatum?

Nehring: Mit der Information können die meisten Verbraucher nichts anfangen! Wer weiß schon, wie lange ein Kaffee haltbar ist? Die Antwort ist ohnehin nicht so einfach, weil es dabei auf die Art der Verpackung ankommt. Auch die Sorte des Kaffees oder die Frage, ob es sich um ganze Bohnen oder gemahlenen Kaffee handelt, spielen eine Rolle. 

Da bei diesen Produkten die Haltbarkeit offenbar gar kein Problem ist – wie kam es dann, dass überhaupt ein Mindesthaltbarkeitsdatum für sie entwickelt wurde?

Nehring: Vor über 40 Jahren hat man mal gesagt, wir wollen, dass der Verbraucher informiert ist und schrei­ben das pauschal vor. Damals gab es die Diskussion um Lebensmittelverschwendung noch nicht. Es gab nur wenige Ausnahmen – Spirutuosen, Salz Zucker. Auch für Schokolade wurde zunächst kein Mindesthaltbarkeitsdatum vorgeschrieben.

Es kommt ja immer wieder vor, dass Motten in die Nudeln kommen…

Nehring: Das kann bei falscher Lagerung vorkommen, aber das hat nichts mit dem Mindesthaltbarkeitsdatum zu tun! In einem Lagerhaus oder Schrank mit Mottenbefall verderben auch die ganz frischen Nudeln.

Wie halten Sie es privat: Haben Sie Nudeln oder Tee schon immer länger aufbewahrt als empfohlen?

Nehring: Ehrlich gesagt: Ja. Ich achte bei solchen lange haltbaren Produkten nicht immer auf das Mindesthaltbarkeitsdatum.

Generell: Wie erkenne ich verdorbene Lebensmittel?

Nehring: Wir sollten hier von der Natur lernen: Tiere verlassen sich aufs Riechen und Schmecken, um Ungenießbares zu erkennen. Man sollte seine Sinne beim Essen einschalten: Ist das Lebensmittel verfärbt? Hat sich die Sauce in einen festen und einen flüssigen Anteil gespalten, ist die Milch ausgeflockt? Es gibt allerdings auch Verderb, der nicht sichtbar ist, dann ist der Tastsinn gefragt: Ist das Brot hart, sind die Nudeln weich, ist das Fleisch schmierig? Und dann kommen natürlich noch der Geruchs- und Geschmacksinn: Schmeckt und riecht das Lebensmittel zum Beispiel erdig-schimmlig oder sauer? Dafür muss ich bewusst kauen und das Essen nicht einfach runterschlingen.

Was halten Sie generell vom Begriff der Mindesthaltbarkeit?

Nehring: Ich halte ihn für nicht wahnsinnig geschickt gewählt, weil ich glaube, dass viele Verbraucher denken, dass das Lebensmittel bei Überschreitung dieses Datums nicht mehr verzehrfähig ist – und das stimmt natürlich meistens nicht! Anders ist es bei der Angabe „zu verbrauchen bis“ bei leicht verderblichen Nahrungsmitteln wie Hackfleisch.

KR

Rubriklistenbild: © dpa

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