Kabarettist in den Kammerspielen

Gerhard Polt: Keiner wühlt schöner im Dreck

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Gerhard Polt.

München - Hat der alte Hexenmeister uns doch wieder einmal rumgekriegt! So gut, so locker, so witzig, so unfehlbar treffend war der Polt lange nicht mehr. Seine neue Revue Ekzem Homo in den Kammerspielen zeigt ihn auf der Höhe seines Könnens und seiner Eigenart.

Das kann kein anderer. Zweieinhalb Stunden wird man blendend unterhalten, zum Denken herausgefordert, mit den Tücken von Nachbarschaft konfrontiert, der Zumutung von Mitmenschen, die laubblasen und grillen, Musik machen und Partys feiern. Alles in einem von Sina Barbra Gentsch locker im Umriss hingestellten Dreier-Reihenhaus, wo der Mensch, so Gerhard Polt, „ja sehr schnell Nachbar“ ist.

Polts ewiger Anstoßnehmer eignet sich nur schlecht als Mitmensch, sieht sich immer im Recht – egal, ob er seinem Buam seine schräge Vorstellung von Demokratie beibringt, seinem Nicht-Vertrauen in die Pflegeversicherung schon mal gegensteuert, indem er ein reizendes dunkelhäutiges Flüchtlingsmädchen (Funke Konate) bei sich aufnimmt – man weiß ja nie –, in der Badewanne unter der Duschhaube champagnertrinkend über die Vorzüge von Netzwerken redet oder sich mit der Schneekanone weiße Weihnachten in den eigenen Vorgarten pustet.

Jetzt muss endlich über seine Mitspieler geredet werden. Nach dem Krach und der Auflösung der alten Biermösl-Blosn hatte es etwas im Karton gescheppert. So schnell war trotz reichlich Well-Brüdern nicht wieder eine stimmige Formation beieinander. Jetzt ist ein neuer gemeinsamer Ton da. Christoph, Michael und Karli, „Die Wellbuam aus’m Biermoos“, kommen gut und ganz selbstverständlich mit Polt ins Spiel. Und das, wie man’s kennt, auf allen Instrumenten, von Alphorn über Dudelsack, Quetsche, Harfe, Flöten.

Stefan Merki aus dem Kammerspiele-Ensemble scheint geradezu gewartet zu haben auf diesen unkonventionellen und doch so professionellen Haufen. (So gut er’s kann und so sehr man ihm das Solo gönnt – die Transvestitennummer passt nicht ganz in den Stil.)

Das Programm ist auf wunderbare Weise bei allem Ernst der Themen in der Machart heiterer, alberner, komödiantischer, als man es auch schon erlebte. Vor allem, als die Truppe merkte, wie gut sie ankam, wie hingerissen das Publikum bei jeder Pointe mitging, gerieten sie in einen richtigen Rausch aus Gstanzln, bei denen sogar der regieführende Intendant drankam. Und Polt riskierte in seinem letzten Monolog, den er im breitesten Wiener Schmäh hinschleimte, eine raffiniert versteckte Hommage an seine Bayern. Österreicher, das müsst ihr aushalten.

Warum der Polt so einmalig ist? Weil er durch nichts aus seinem Schwerpunkt zu bringen ist. Immer ganz bei sich. Pur wie ein Glas Wasser. Und wenn hier schon von Nachbarschaft die Rede ist – ihn hielte man gut aus in der Nebenwohnung.

Wann hat es größeren Applaus gegeben? – Karten gibt es jedenfalls erst wieder zu den März-Terminen am 3., 9., 17., 22., 25. Vorverkauf ab 16. Februar, Tel. 23 39 66 00.

Beate Kayser

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