Kindergarten am Hauptbahnhof: Kleine Weichensteller!

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Kinder des AWO-Kinderzentrum Perlacher Forst am Münchner Hauptbahnhof

Der Münchner Hauptbahnhof als Ausflugsziel für eine Kindergartengruppe? Viel zu gefährlich? Im Gegenteil: höchst spannend und informativ. Wir waren mit den Kids auf Entdeckungsreise.

„Das ist ein Jakobs-Drehgestell“, klärt uns der kleine Fabian fachmännisch auf. Erstaunte Blicke, anerkennendes Nicken, Schulterklopfen. Der Fünfjährige erntet unterschiedlichste Reaktionen, nachdem er die Verbindungsachse zwischen zwei Zug-Waggons richtig identifiziert hat. Dass er die einzelnen ICE-Baureihen im Schlaf herunterbeten kann, wundert dann schon niemanden mehr. Die Angestellten der Deutschen Bahn, die uns an diesem Tag einen kindgerechten Einblick ins Innenleben des Münchner Hauptbahnhofs ermöglicht haben, sehen in ihm schon einen potentiellen künftigen Kollegen. Dagegen fragen sich die begleitenden Kindergärtnerinnen und die anderen fünf Kids, ob sie nicht doch öfter mit der Märklin-Eisenbahn hätten spielen sollen.

Aber an diesem besonderen Tag spielen wir lieber mit richtigen Zügen. Einsteigen, bitte! Nicht so schnell. Erst einmal am Fahrkartenautomaten ein Ticket lösen. Die Bahn-Mitarbeiter Dirk Eger und Ivica Lovric erklären den kleinen Fahrgästen, welche Tastenkombinationen schnell zum – im wahrsten Sinne des Wortes – ausdrücklichen Erfolg führen. Geschafft! Auch wenn das Wunschziel Hamburg ein ferner Traum bleibt, reagieren die Kinder vom AWO-Kinderzentrum Perlacher Forst doch mit freudiger Erwartung auf den einfahrenden Doppeldecker-Regionalexpress. Sobald alle normalen Fahrgäste ausgestiegen sind, entert die Kindergartengruppe den Führerstand. Ivica Lovric erklärt die einzelnen Armaturen und Gerätschaften, die der Lokführer zu bedienen hat.

Kindergarten am Hauptbahnhof

Als es darum geht, was passiert, wenn ein Zugführer einschläft oder ohnmächtig wird, lauschen die Kids gebannt. Dann kommt nämlich die sogenannte „Sifa“ (Sicherheitsfahrschaltung) zum Zug. Der Lokführer muss während der Fahrt dauerhaft ein Pedal betätigen, das innerhalb von 30 Sekunden einmal kurz losgelassen werden muss, um zu signalisieren, dass er noch wach ist. Unterlässt er dies, gibt das System erst eine optische und danach eine akustische Warnung aus. Wird auch dieses Piepsen ignoriert, geht das System davon aus, dass der Lokführer nicht mehr handlungsfähig ist und führt automatisch eine Zwangsbremsung aus.

Von der Theorie zur Praxis: Eine halbe Stunde später stehen wir in einem kurzen Regionalzug auf einem Nebengleis und warten auf das Signal zum Start unserer Rangierfahrt. Lovric führt gleich einmal die Sicherheitsfahrschaltung, vielfach auch noch unter dem recht drastischen Namen „Totmannschalter“ bekannt, gewissermaßen am lebenden Objekt vor. Die Kinder erleben live, wie ein abgelenkter, unaufmerksamer Zugführer plötzlich abrupt ausgebremst wird. Die Weiterfahrt nach Pasing verläuft dann ohne zusätzliche Zwischenfälle. Auf dem Rückweg noch ein kurzer Zwischenstopp an einer Diesel-Tankstelle für Züge – viel weniger los als an den Tankstellen, die Otto-Normalbenzin-Verbraucher sonst ansteuert. Umso mehr Menschen bevölkern dafür den Hauptbahnhof, als wir von unserem Ausflug zurückkehren.

Dann lieber schnell weiter in weniger überlaufene Gefilde – in Bereiche, die Nicht-Betriebsangehörige sonst nie zu sehen bekommen! Für die zwei Mädchen, die vier Jungs und die erwachsenen Begleiter machen die Bahn-Angestellten eine Ausnahme. Wir alle dürfen ins Allerheiligste, ins Stellwerk an der Hackerbrücke. Hoch überm Gleisbett mit seinen unzähligen Schienensträngen kommen einem die ein- und ausfahrenden Züge fast so vor wie Modelleisenbahnen. Die Kids drücken sich die Nasen an den Scheiben platt. Dann dürfen sie zur Tat schreiten und eine echte Weiche stellen. Voller Ehrfurcht und mit aller gebotenen Vorsicht drücken die mutigsten zwei Jungs schließlich die zwei Knöpfe, die ihnen zuvor gezeigt wurden. Es funktioniert! Der Zug wechselt das Gleis. Kurz nach diesem Erfolgserlebnis wechseln wir das Stockwerk und steigen dem Stellwerk aufs Dach. Welch ein grandioser Ausblick zum krönenden Abschluss!

Nur die sichere Identifikation von Jakobs-Drehgestellen ist aus dieser Höhe etwas schwierig. „Aber das dort, das ist ein ICE 3, Baureihe 403“, erklärt der kleine Fabian und grinst breit vor lauter Glück. Denn für ihn gibt‘s nichts Schöneres als so einen Vormittag am Münchner Hauptbahnhof.

(A. Wulkow)

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