Lesebühne mit Musik

10 Jahre „Schwabinger Schaumschläger“: Bloß keine Comedy

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Mit Sinn für Blödsinn: Die „Schwabinger Schaumschläger“ Michael Sailer (v. li.) , Christoph Theussl und Moses Wolff.

Seit zehn Jahren veranstalten die „Schwabinger Schaumschläger“ ihre Lesebühne mit Musik. 

München - Kann eine Lesebühne Erfolg haben, die jeden Sonntag gleichzeitig mit dem „Tatort“ stattfindet? 2007 probierten es die Kleinkünstler Michael Sailer, Jaromir Konecny und Moses Wolff aus – und riefen die „Schwabinger Schaumschläger Show“ ins Leben. Zehn Jahre später ist die Show, in der 2012 Christoph Theussl den Platz von Konecny eingenommen hat, in der Münchner Kulturszene eine Institution.

„Inzwischen füllt sich der Laden von selbst“, sagt Michael Sailer, während er am Eingang der Kneipe „Vereinsheim“ den Eintritt kassiert. Um 19.30 Uhr haben gut 50 Zuschauer Platz genommen, um die 448. Folge der Show zu sehen. Das war nicht immer so: Am Anfang fiel einmal eine Show aus, weil niemand gekommen war, erinnert sich Moses Wolff. Doch es blieb bei diesem einen Ausfall: Seitdem gibt es nur während der Wiesn und bei großen Fußballspielen sonntags keine Show.

Der Abend folgt der immer gleichen Struktur und ist doch jedes Mal anders. Michael Sailer begrüßt die Gäste und erkundigt sich, wer heute zum ersten Mal da ist. Rund ein Drittel der Gäste meldet sich. Wie immer folgt die Frage: „Wo wart ihr denn die letzten 447 Mal?“ Die Stammgäste, laut Sailer etwa 30 Prozent des Publikums, kennen die Einleitung auswendig. Den anderen erklärt Sailer, was sie erwartet: „Eine Lesebühne mit Musik: Wir reden Blödsinn und spielen Blödsinn.“

Wie immer eröffnet Sailer die Show, heute mit einem seiner kurzen Bühnenstücke, das er vorliest. Er hat inzwischen Hunderte Texte im Repertoire und notiert sich, wann er was gelesen hat, damit er sich nicht zu schnell wiederholt. Immer wieder schreibt er auch neue Stücke – aber das ist nicht jede Woche zu leisten.

Für reichlich Abwechslung ist trotzdem gesorgt, denn die drei Gastgeber bestreiten nur einen kleinen Teil der Show selbst. Den Großteil der Zeit sprechen und singen Künstler, die die Schaumschläger eingeladen haben. Heute tritt als erster Gast Bumillo auf. Er leitet eine „München-Meditation“ an, bei der er einen Bürger der Stadt spielt, der beim Meditieren nur daran denkt, was er sich noch alles kaufen möchte: „I möcht immer mehr hammmmm…“ Dass es nicht immer nur witzig sein muss, zeigt der Hamburger Slam-Poet Wehwalt Koslovsky mit einer poetischen Brandrede für Europa.

Zwischen den Gastkünstlern haben immer wieder die „Schaumschläger“ ihre Auftritte. Bei Christoph Theussls „Liebe in Oberösterreich“ singen viele Zuschauer mit. Glattrasiert und mit dunkler Mähne hat der 40-Jährige eine leichte Ähnlichkeit mit Joachim Löw – nur dass seine Sprache nicht badisch, sondern österreichisch eingefärbt ist. Für musikalische Auflockerung sorgen auch „Zwoa Bier“ mit ihren Gitarren und Liedern in Mundart. Immer wieder bittet einer der Künstler einen anderen dazu, ihn musikalisch zu begleiten, mal geplant und mal spontan. Die Organisation der Veranstaltung übernehmen die Schaumschläger selbst, sogar die Technik: „Michi, mach mal bitte das Licht dunkler“, ruft Bumillo vor seiner „München-Meditation“ Sailer zu.

„Wir treten selbst bei vielen Shows auf, und wenn wir jemand toll finden, buchen wir ihn“, erklärt Autor und Schauspieler Moses Wolff. Der 47-Jährige Münchner ist ein gemütlicher Typ mit grauen Locken, Bart und Ohrring. Michael Sailer ergänzt: „Wir haben ein Auge und Ohr für Leute, die sonst unbeachtet ihr Leben fristen würden.“ Verheißungsvolle junge Künstler gibt es genug: Die Gäste der „Schaumschläger Show“ stehen ein Jahr im Voraus fest. „Wir können nicht viel Gage bieten, aber weil wir vom Kulturreferat der Stadt gefördert werden, können wir immerhin Fahrt und Übernachtung bezahlen“, sagt Theussl.

Oft bleibt es nicht bei einem Gastauftritt: „Die Guten laden wir einmal im Jahr ein, die sehr guten zweimal“, sagt Sailer. Einer der heute bekanntesten Kleinkünstler hatte hier seinen ersten Auftritt: Marc-Uwe Kling, der später mit seinen „Känguru-Chroniken“ – Geschichten um ein kommunistisches Känguru – deutschlandweit bekannt geworden ist. Inzwischen, so Sailer, sei Kling „zu groß“ für die Show.

Wichtig ist den „Schaumschlägern“ das Niveau der Beiträge. Die meisten Beiträge sind witzig, „aber Klamauk oder Comedy wollen wir nicht“, sagt Sailer. Sie bevorzugen den subtilen Humor: „Vieles, was bei uns aufgeführt wird, ist witzig, ohne dass man darüber laut lachen muss.“

Seit zehn Jahren gibt es die „Schaumschläger Show“ nun. Auf die Frage, ob es sie in zehn Jahren immer noch geben wird, antwortet Moses Wolff ohne zu zögern: „Ja, klar! Wir wachsen immer mehr zusammen, interagieren aber immer so, dass nichts gleich bleibt.“ Und Michael Sailer verspricht schon jetzt: „Zu unserem hundertsten Jubiläum schreibe ich mal einen richtig geilen Text.“

Der nächste Termin der „Schwabinger Schaumschläger Show“ ist am Sonntag, 11. Juni, ab 19.30 Uhr im Vereinsheim, Occamstraße 8. Mit dabei: der Regisseur und Merkur-Kolumnist Matthias Kiefersauer sowie Thomas Jurisch, Frank Klötgen und Uli Mauk.

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Von Sören Götz

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