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40 Jahre nach dem Münchner Konzert: Legendäres Verdi-Requiem mit Riccardo Muti auf CD

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Von: Markus Thiel

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Riccardo Muti
Im Herbst 1981 debütierte Riccardo Muti beim BR-Symphonieorchester. Die Konzerte mit Verdis Messa da Requiem sind heute legendär. © Sigi Tischler/dpa

Er selbst, so pflegt er zu sagen, hat diese Aufführung nie wieder übertroffen. Nun erscheint Riccardo Mutis legendäres Münchner Verdi-Requiem von 1981 erstmals auf CD.

Beinahe wäre die Sache übel ausgegangen. Für den Tenor und damit für die ganze Aufführung: José Carreras, gerade eingesprungen für einen Kollegen, kämpfte sich schwer indisponiert durch die Vorbereitungen im Münchner Herkulessaal. In der Generalprobe schließlich gab seine Stimme nichts mehr her, Dirigent Riccardo Muti selbst half singend aus. Und das ist nur eine der Anekdoten, die sich um die Konzerte am 8.und 9. Oktober 1981 ranken. Eine andere betrifft den Mann am Pult. Muti empfahl später, man möge doch bitte seine parallel entstandene Aufnahme des Stücks für die EMI zur Hand nehmen, aus allen Hüllen die Platten entfernen – und durch die Münchner Version ersetzen.

Auch heute betont Muti noch gern: Diese Aufführungen der Messa da Requiem von Giuseppe Verdi hat er nie wieder übertroffen. Im Herbst 1981 debütierte er mit dem Stück bei Chor und Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks. Publikum und Kritik überschlugen sich. Was an Mutis extremistischer Deutung zwischen Mystik, opernhafter Intensität und Höllendonnern lag, aber auch an der Solistenbesetzung. Jessye Norman (Sopran), Agnes Baltsa (Mezzosopran), José Carreras (Tenor) und Yevgeny Nesterenko (Bass) – ein solches Quartett war und ist konkurrenzlos.

International kursierten längst Raubpressungen

Immer wieder strahlte der BR in den Folgejahrzehnten das Konzert aus. Eine Plattenaufnahme scheiterte an den Rechten: Bei Mutis EMI-Produktion mit dem Philharmonia Orchestra waren auch Baltsa und Nesterenko beteiligt. Unter den Klassikfreunden erreichte der Münchner Mitschnitt Kultstatus, international kursierten Raubpressungen, manche drangen auch illegalerweise aus dem BR selbst. Und nun, nachdem alle Beteiligten samt Rechtsnachfolger zugestimmt haben, gibt es eine offizielle CD. Am 8. Oktober, also exakt 40 Jahre nach dem Ereignis, erscheint dieses Verdi-Requiem beim hauseigenen Label BR Klassik. Es ist auch ein verspätetes Geschenk für Muti, der am 28. Juli seinen 80. Geburtstag feierte.

„Wie bekomme ich diese Aufführungsdynamik in den Griff?“ Martin Wöhr, seinerzeit Toningenieur und heute Vorsitzender des Freundeskreises des BR-Ensembles, kann sich gut an den Herbst 1981 erinnern. Erst mit der damals aufkommenden Digitaltechnik war es möglich, die Akustik im Herkulessaal wesentlich besser abzubilden. „Wie kann ich einen Klang finden, der sich vom Lautsprecher gleichsam loslöst, der Tiefe bekommt und das Gefühl des Dabeiseins erzeugt?“ – das war für ihn die bestimmende Frage.

Mitschnitt aus goldenen BR-Zeiten

Vor allem aber musste man lernen, mit Mutis Intensität umzugehen. Was den Saal fast sprengte, sollten die Mikrofone ja irgendwie verarbeiten können. „Wir haben daher manches heruntergepegelt.“ Was Wöhr auch berichtet: Um Muti gab es kein Genie-Gewese. Vielmehr habe sich alles in einer „angenehmen Arbeitsatmosphäre“ abgespielt. Und dass der Mitschnitt einen solchen Legendenstatus bekam, war Wöhr 1981 nicht klar. Immerhin habe man in dieser Zeit auch Wagners „Tristan und Isolde“ mit Leonard Bernstein aufgenommen – „wir hatten also einige solcher Großereignisse auf dem Terminplan“. Goldene BR-Zeiten gewissermaßen.

Wer die Verdi-Aufnahme heute hört, genießt keinen geglätteten Mitschnitt, sondern ein – etwas nachbearbeitetes – Klangfoto. Aber auch das macht den Reiz der Einspielung aus. Beim „Tuba mirum“ etwa platzt das Blech zwei Zehntelsekunden zu früh in den ersten großen Tutti-Akkord. Und Carreras singt tatsächlich am Anschlag – was die Dramatik, das Existenzielle des Werks nur noch steigert.

Überirdische Töne von Jessye Norman

Vor allem aber passen die Soli eigentlich gar nicht zusammen. Baltsa ist pure, gerade noch gebändigte Energie, Nesterenko ein einigermaßen geschliffenes Naturereignis. Und solche überirdischen, raumflutenden, auch im äußersten Pianissimo dreidimensionalen Töne wie die der Norman schaffte keine andere Sopranistin.

In späteren Interpretationen wurde Muti detailfreudiger, auch langsamer, weniger opernhaft – wie man zum Beispiel vor vier Jahren bei einer Wiederaufführung des Werks beim BR erleben konnte. Das Himmelsstürmende, die überwältigende Energie, die manchmal wie aus dem Augenblick entstehende Extremspannung hat er wohl tatsächlich nicht mehr erreicht. Neben der Londoner Einspielung unter Carlo Maria Giulini aus den Sechzigerjahren hat Mutis BR-Großtat also Referenzstatus. Wer diese Aufnahme nicht gehört hat, der kennt das Verdi-Requiem nicht.

Giuseppe Verdi:
Messa da Requiem. Chor und Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, Riccardo Muti (BR Klassik).

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