Jubiläum in der Olyhalle

40 Jahre Spider Murphy Gang: Wie gut, dass es die Rosi gibt!

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Teenie-Idole der 80er: die Spider Murphy Gang 1982.

Ihr größter Hit hat sie auf den Index gebracht – trotzdem oder auch deswegen kennt jeder die Spider Murphy Gang. Als bayerische Rock’n’Roller halten sich die Münchner seit 40 Jahren auf Deutschlands Bühnen.

München Günther Sigl und seine Bandkollegen haben in den 80ern unzähligen Haushalten in Deutschland neue Telefonnummern verschafft. Gelegentlich wurde die Bitte höflich von einem Anwalt an die Musiker herangetragen. Manchmal schickte die Spider Murphy Gang auch Blumen, vor allem, wenn ältere Damen Opfer der Telefonstreiche übermütiger Burschen geworden waren. Schuld an dem ganzen Schlamassel war eine junge Dame aus München, die Rosi. Rosi hat auch ein Telefon, und jeder kennt ihre Nummer – „unter 32 16 8 herrscht Konjunktur die ganze Nacht“, so heißt es in dem bekanntesten Song der Band.

Die 32 16 8 ist Deutschlands berühmtester Festnetzanschluss. Seit 1981 schallt „Skandal im Sperrbezirk“ durch die Republik, fast genau so lang, wie es die Spider Murphy Gang gibt. Und es gibt nur eine Sache, die die Münchner Band ein bisserl bereut: die Nummer mit Rosis Nummer. Denn die hat den vier Herren neben dem Durchbruch vor allem ein schlechtes Gewissen eingebracht.

Sigl, 70, sitzt in seiner Wohnung in Gräfelfing, überall hängen und stehen Instrumente, Gitarren und Ukulelen. „Wir haben uns Rosis Nummer natürlich nur ausgedacht“, sagt der Sänger der Spider Murphy Gang. „Auf ,Nacht‘ hat sie sich reimen müssen, da ging nur die Acht, mal zwei sind’s 16 und noch einmal verdoppelt 32. Das Ganze rückwärts, fertig.“ In München habe es die Nummer nicht gegeben, „da hamma scho gschaut“, sagt er. In anderen Städten gab’s die Nummer aber halt doch. Wer konnte ahnen, dass „Skandal im Sperrbezirk“ zum Riesenhit werden würde? „Da haben die Leut dann Telefonterror g’habt“, meint Sigl verlegen und schiebt nach: „Eigentlich müsst’ ma uns heut noch bei einigen entschuldigen.“

Feiert mit seinen Bandkollegen 40-jähriges Jubiläum: Günther Sigl.

Der Skandal um den „Skandal“ ist heute fast vergessen. Es ist die heiße Phase vor dem großen Jubiläum: zwei Abende in der Olympiahalle, Heimspiel am Samstag und Sonntag, vor 20 000 Fans, ausverkauft. Hacker Pschorr hat Jubiläums-Bierfilzl gedruckt, es wird wie verrückt geprobt, vor allem wegen der vielen Gäste, deren Stücke müssen sie einstudieren. Was Bühnenerfahrung angeht, macht der Spider Murphy Gang so schnell keiner was vor, im Schnitt spielen sie pro Jahr zwischen 70 und 100 Konzerte – und das seit 40 Jahren.

Es ist 1977, der gelernte Bankkaufmann Günther Sigl und seine Spezl Franz Trojan und Barny Murphy haben schon ein paar gemeinsame Jahre als Musiker auf dem Buckel. Die Freunde aus München spielen in „Ami-Clubs“, in amerikanischen Kasernen, sie spielen alten Rock’n’Roll und was die Amerikaner eben gern hören, ein bisserl Country, „Sweet Home Alabama“ und „Johnny B. Goode“. Dann wollen sie mit ihrer eigenen Musik Fuß fassen, in München bekannter werden: Zusammen mit Michael Busse an den Keyboards gründen sie die Spider Murphy Gang.

Ihre ersten Jahre verbringen sie als Hausband im Memoland in Schwabing. Sie bekommen einen festen Tag, jeden Sonntag treten sie auf, dort hört sie BR-Moderator Georg Kostya, der die jungen Musiker fortan unterstützt und in seiner Radioshow auftreten lässt. Er ist es auch, der der Band vorschlägt, auf Bairisch zu singen. Sie bekommen schließlich den ersten Plattenvertrag, 1980 erscheint die erste Platte, „Rock’n’Roll Schuah“. Der Durchbruch kommt ein Jahr später mit dem Album „Dolce Vita“ und „Skandal im Sperrbezirk“. Das Lied stürmt die Hitparaden in Deutschland, Österreich und der Schweiz, daran ändert auch die Tatsache nichts, dass es nicht im Radio oder Fernsehen gespielt wird und beim Bayerischen Rundfunk auf dem Index landet. Warum das Lied jahrelang im BR-Giftschrank stand, weiß die Band nicht genau. „Ich schätz, es ist das Thema generell gewesen – und das Wort Nutten“, vermutet der Sänger.

Die Spiders, die ja eigentlich bayerische Rock’n’Roller sind, surfen Anfang der 1980er erfolgreich auf der Neuen Deutschen Welle. „Dabei ging’s ja nie darum, dass wir Rockstars werden wollten. Wir wollten auftreten, von unserer Musik leben.“ Und das können sie: Die vier sind Teenie-Idole, fast jede Woche in der Bravo. „Nur zum Star-Schnitt haben wir’s nie gebracht“, sagt Sigl und lacht. Einmal, der Sänger und seine Familie lebten in einem Mietshaus in Laim, schleppte der Postbote einen ganzen Sack Fanpost in den dritten Stock. „Da war schon viel Gekreische, viel Schwärmerei, gerade am Anfang“, sagt Sigl. Es folgen ein Kinofilm und Goldene Schallplatten für Hits wie „Schickeria“, „Ich schau dich an“ oder „Herzklopfen“, die Spiders machen eine große Deutschland-Tournee und spielen in der Westfalenhalle in Dortmund und daheim in der Olympiahalle.

Doch mit dem Ende der Neuen Deutschen Welle will auch der Spider Murphy Gang der ganz große Hit nicht mehr gelingen. Seit dieser Zeit ergeben sich in der Band immer wieder Umbesetzungen: Michael Busse steigt 1986 aus, für ihn greift seitdem Ludwig Seuss in die Tasten. Zur selben Zeit steigt Willie Duncan als Gitarrist ein. Paul Dax löst 1992 Franz Trojan am Schlagzeug ab, seit 2016 sitzt Andreas Keller an den Drums. Aktuell spielen sie zu sechst.

Ein Erlebnis: die Spiders live beim Club-Konzert.

Ihre Auftritte führen sie natürlich nicht nur in große Hallen – oder in Gegenden, wo man des Bairischen mächtig ist. Immer wieder spielen die Spiders nördlich des Weißwurstäquators. In kleinen Clubs in Bremen, in Schleswig-Holstein oder im Saarland, wo eigentlich keiner Bairisch kann. „Bei ,Schickeria‘ kommen die meisten noch ganz gut mit“, sagt Sigl, „aber beim ,Frosch im Hals und Schwammerl in de Knia‘ beißt’s dann meistens aus.“ Viele halten die Spider Mur-phy Gang ja für eine Oktoberfest-Kapelle, was wohl daran liegt, dass ihre Hits häufig auf der Wiesn gespielt werden. Sie werden immer wieder für Oktoberfest-Ableger engagiert, zum Beispiel in Frankfurt, und das machen sie gern, auch wenn sie dort dann halt Rock’n’Roll spielen. „Des is total verruckt. Wir haben ja nie auf der echten Wiesn gespielt.“ Bisher hat sie halt keiner gefragt.

Auch ohne Wiesn-Engagement ist die Band gut beschäftigt und in aller Ohren, nicht nur mit dem „Skandal“. Es gibt ein Musical, ein Buch zum Bandjubiläum, und nach wie vor spielen die Spiders ausverkaufte Konzerte. Viele Fans halten der Band seit den Anfängen die Treue, für sie ist die Spider Murphy Gang die Band ihrer Jugend. „Da gibt’s welche, die kommen schon seit 30 Jahren oder länger zu den Konzerten“, sagt Sigl.

Besonders gern fährt die Band in die Schweiz. Dort werden sie als internationale Künstler hofiert, erzählt er, auch heute noch treten sie immer wieder auf Festivals mit den großen Namen der Musikszene auf, Status Quo und Simply Red. Einmal spielen sie in Zürich im Volkshaus, da fällt bei „Wer wird denn woana“ der Strom aus, und der ganze Saal singt weiter: „Mit so scheene blaue Augn wia du u uuuu“, bis der Strom wieder da ist. Pannen bleiben halt nicht aus, wenn man live spielt. Und live spielen, das wollen die Spiders schon noch eine Weile. Sigl sagt: „Mia miassn bloß gsund bleim, sonst macht’s uns ja Spaß.“

Spaß haben Sigl und Co. übrigens selbst nach 36 Jahren immer noch an ihrem großen Hit, sie singen ihn gern, trotz des Rosi-Schlamassels und auch, wenn er den Sänger heute stärker herausfordert als früher. „Eigentlich“, sagt Günther Sigl und grinst, „war das ein kritisches Lied gegen die Doppelmoral in der Gesellschaft. Aber den Skandal laut rausschreien, des war am End scho auch eine gute Idee.“ Sie werden also am Wochenende in der Olympiahalle wieder von Rosi und ihrer Nummer singen. Alles andere, seien wir ehrlich, wär auch ein Skandal.

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