Wiedermann liebt den Shakespeare-Stoff

Neuer Macbeth-Regisseur: Das sind seine Lieblings-Bösewichte

+
Lässt Macbeth in München wiederauferstehen: Andreas Wiedermann liebt die Shakespeare-Stücke.

München - Im Gasteig wird demnächst das Shakespeare-Stück Macbeth neu erzählt - von Andreas Wiedermann. Uns hat der Regisseur verraten. welche Bösewichte er besonders gern mag.

„Unser Macbeth ist alt - die älteste Rolle auf der Bühne“, sagt Andreas Wiedermann (38). Der Regisseur nimmt sich demnächst Shakespeares schottisches Drama in der Black Box im Gasteig vor. „Das Stück ist so stark, dass ich relativ wenig Regie führe“, sagt der Theatermann. „Wir erzählen ein poetisches Märchen.“

Im Grunde, erläutert der tz-Rosenstrauß-Preisträger, sei das Drama auch ein Stück über eine kaputte Ehe. „Macbeth und seine Lady versuchen, über ihr gemeinsames Machtziel wieder zueinander zu finden. Aber sie vereinsamen umso mehr.“ Wie in der TV-Serie „House of Cards“. In der tz spricht der Regisseur über sein Macbeth-Personal, seine Lieblings-Bösewichter - und „House of Cards“ …

Macbeth: „Er ist einer der Oberschurken aller Theaterzeiten. Ich besetze ihn bewusst als alten Mann. Macbeth sieht seine letzte Chance, noch ganz nach oben zu kommen. Die Prophezeiungen der Hexen machen das zur fixen Idee. Das ist eine Art späte Genugtuung eines alten Mannes in seinem latenten Karrierewahn. Donald Trump lässt grüßen.“

Lady Macbeth: „Sie ist deutlich jünger, so Mitte 30, kommt gesellschaftlich gut an und ist auch bei uns eine Schlange. Das Paar hat keine Kinder, eines ist wohl kurz nach der Geburt gestorben, wie im Stück angedeutet wird. Ihr Mann ist zwar ein Recke auf dem Schlachtfeld, aber nicht im Bett. Was bleibt ihr in der damaligen Zeit also noch? Königin! Die Krone wird zum Kinderersatz.“

Macduff: „Die drei Gegenspieler Macbeths - von denen er zwei ermordet und der dritte ihn - werden bei uns von nur einem Schauspieler verkörpert. Weil gezeigt wird, dass Gewalt nur neue Gewalt hervorruft. Die ewige Wiederkehr der berühmten Shake­spear’schen Spirale. Macduff ist ein Terminator, der seine Erfüllung nicht in der Familie findet, sondern auf dem Schlachtfeld. Wichtiger als seine Lieben, die Macbeth allesamt auslöscht, sind ihm Ruhm, Ehre und Königstreue. Ein Patriot durch und durch mit allen negativen Seiten.“

Duncan: „Im Drama kommt der König, den Macbeth ermordet, viel besser weg als in der historischen Wahrheit. Bei uns ist Duncan ein junger, relativ schwacher Herrscher, weich und alles andere als eine markante Figur. Er ist flatterhaft und macht alles lieber, als zu regieren. Er ist bei uns ein flittriger Typ mit metrosexuellen Zügen.“

Banquo: „Das Gegenteil von Macduff. Zunächst Macbeths bester Freund, auch durchaus interessiert an der Macht - aber er nimmt das Schicksal nicht in die Hand, sondern vertraut sich ihm an. Die Lehre könnte sein: Wer sein Leben nicht selbst bestimmt, kommt unter die Räder seiner eigenen Biografie.“

Malcolm: „Duncans ältester Sohn spielt in unserer Version eine nicht unwichtige Rolle. Er ist ein Teenager. Bei ihm kriegt man das Gefühl nicht los: Wird er nach Macbeths Tod wirklich ein guter König? Er ist ein sehr junger Karrierist mit hochinformierter Ellenbogen-Mentalität. Einer, dem Bohlen gesagt hat: „Du musst die anderen beiseiteschieben.““

„Macbeth“: 14., 20. und 21. Januar in der Black Box im Gasteig, Tel. 54 81 81 81.

Wiedermanns Lieblings-Bösewichter im Werk des englischen Genies

Richard III.: „Die Mutter aller Bösewichter. Dieses frühe Stück atmet noch die mittelalterlichen Schauergeschichten. Richard ist so böse, dass er in seiner Boshaftigkeit und rhetorischen Versiertheit schon wieder charmant rüberkommen kann. Hoher Trash­faktor. Man schaut niemandem genussvoller bei seinem Morden zu. Richard kennt kein Gewissen. Nach dem Motto: Ich seh sch … aus, aber möchte wenigstens König sein. Er zieht das ohne mit der Wimper zu zucken durch.“

Othello: „Sehr schillernd. Wer ihn mit einem Weißen besetzt, liegt komplett falsch. Er kommt aus einer exotischen Gegend als kraftstrotzender, vitaler junger Mann ins spießig-karrieristische Venedig. Rassismus spielt eine große Rolle in dem Stück. Othello zieht es den Boden unter den Füßen weg - und er reißt mit seiner Eifersucht seine über alles geliebte Frau und sich in den Abgrund. Er sagt einmal: „Wenn ich dich nicht liebe, ist das Chaos wieder da.“ Er kommt aus dem Chaos - und kehrt wieder dahin zurück.“

Angelo (Maß für Maß): „Eine Art Johannes Calvin der Theaterliteratur. Ein absoluter Purist, der unter dem Deckmantel der Moral eine Nonne vergewaltigen will. Es ist ein Stück über Machtmissbrauch. Angelo bestimmt, ob der Bruder der Nonne freigelassen wird - und verlangt Gegenleistungen. Siehe Das Leben der Anderen.“

Das Grusel-Paar in Top-Verfilmungen

Polanskis Macbeth-Verfilmung.

Die sicher berühmteste Kinoverfilmung von Macbeth stammt von Roman Polanski. Sein Drama von 1971 (Titelpartie: Jon Finch) ist explizit blutrünstig. Es ist wahrscheinlich, dass Polanski hier den brutalen Mord an seine Frau Sharon Tate verarbeitete, die am 9. August 1969 hochschwanger von Mitgliedern der Manson Family ­abgeschlachtet worden war.

Wiedermann sagt: „Die Underwoods sind an Macbeth und seine Lady angelehnt, auch in ihrer hochemotionalisierten und gleichzeitig asexuellen Atmosphäre. Es herrscht kalte Glut. Der erotische Kick kommt über die Karriere – dieses Adrenalin ist ein immerwährender Bungee-Jump. Im Prinzip sind beide sehr impotente Figuren - von innen ausgehöhlt.“

Matthias Bieber

Auch interessant

Meistgelesen

Constanze Lindner: Kein Neid in Münchens Kabarett – im Gegensatz zum Schauspiel
Constanze Lindner: Kein Neid in Münchens Kabarett – im Gegensatz zum Schauspiel
Schauspiel-Legende Margot Hielscher gestorben
Schauspiel-Legende Margot Hielscher gestorben

Kommentare