1. tz
  2. München
  3. Kultur

Apple TV+: Denzel Washington spielt Macbeth

Erstellt:

Von: Michael Schleicher

Kommentare

Szene aus der „Macbeth“-Verfilmung von Joel Coen mit Denzel Washington in der Titelrolle.
Denzel Washington spielt Macbeth in der Verfilmung des Shakespeare-Dramas von Joel Coen für Apple TV+. © Alison Rosa/Apple TV+

Denzel Washington spielt Macbeth. Regisseur Joel Coen verfilmte Shakespeares Tragödie für den Streamingdienst Apple TV. An Weihnachten kommt sein Film in die Kinos. Unsere Kritik:

Das ist ein Krieg ohne Schlacht. Ein grausamer Kampf, der sich vor allem in Worten abspielt, in den Gesprächen der Gegner und Verbündeten. Joel Coen hat Shakespeares „Macbeth“ verfilmt, jene Tragödie, die 1623 erstmals gedruckt wurde und vom rasanten Aufstieg der Titelfigur bis zum König Schottlands erzählt sowie von ihrem Ende. Die Produktion ist die erste, die Joel Coen ohne seinen Bruder und kreativen Sparringspartner Ethan realisiert hat. Gemeinsam bereicherte das Duo die Filmgeschichte etwa um so fabelhafte Werke wie „Barton Fink“ (1991), „Fargo“ (1996, ein Oscar), „The Big Lebowski“ (1998) oder „No Country for old Men“ (2007, drei Oscars). Doch auch im Solo ist Joel Coen nun eine eindrucksvolle Arbeit geglückt. Sein „Macbeth“ kommt am 25. Dezember 2021 in die Kinos und läuft ab 14. Januar 2022 bei Apple TV+. Auf der Bühne ist „Macbeth“ aktuell am Münchner Volkstheater zu sehen.

Apple TV+ zeigt „Macbeth“ als Schwarz-Weiß-Drama

Der 67-jährige Coen wählt einen stark stilisierten Zugang zu Shakespeares Drama, das 1606 in London uraufgeführt wurde. Sein „Macbeth“ ist in Schwarz-Weiß gedreht, zudem nutzt Coen einen beinahe quadratischen Bildausschnitt, wie er aus der Stummfilmzeit bekannt ist. Bereits durch ihre Machart kündet die Arbeit damit von jener abgeschlossenen Welt, in der sich Macbeth und seine Lady bewegen – in der sie letztlich gefangen sind.

Mehrfach wurde die Tragödie fürs Kino adaptiert, von Regisseuren wie Orson Welles (1948), Akira Kurosawa (1957) und Roman Polanski (1971). Zuletzt brachte Justin Kurzel seine Interpretation des Stoffs auf die Leinwand. Er zeigte 2015 den Krieg als Vater allen Seins, um klar zu machen, wie Macbeth wurde, was er ist: ein Traumatisierter, vom Wahn Getriebener, ein psychisches Wrack. Michael Fassbender gestaltete damals einen Mann, der weder den Kampf seiner Schotten gegen die Norweger vom Beginn noch alle anderen Kriege je wieder loswerden wird.

Ganz anders begegnen nun Coen, sein Hauptdarsteller Denzel Washington und seine Ehefrau Frances McDormand in der Rolle der Lady Macbeth der Geschichte jenes Feldherrn, dem Hexen prophezeien, dass er König werden wird, und der in der Folge den Thron durch Mord an sich reißt: Sie stellen die Sprache ins Zentrum des Films; ins Kino kommt die Originalfassung mit Untertiteln. Shakespeares Verse sind hier nur minimal gekürzt – und entfalten eine enorme Wucht. Verstärkt wird diese durch die kluge Arbeit von Bruno Delbonnel, der die Kamera sehr ruhig führt, auch das übrigens ein Unterschied zu Kurzels Ansatz: Die langen Einstellungen unterstreichen in Coens „Macbeth“ den artifiziellen, albtraumhaften Charakter der Geschichte und lassen den Worten Raum, um ihre Brutalität zu entfalten.

Denzel Washington und Frances McDormand überzeugen in den Hauptrollen

Vor allem zu Beginn zeigt Delbonnel die Sprechenden in Brustbildern – bis Macbeth sich entschließt, mit Gewalt zu holen, was ihm geweissagt wurde. Als er zum Mord an König Duncan schreitet, verlässt die Kamera zum ersten Mal deutlich ihre bis dato bevorzugte Einstellung und folgt Denzel Washingtons Beinen auf dem Weg zu den Gemächern des Herrschers. Einen ähnlichen Ausschnitt wird Coen später wählen, als Lady Macbeth ihr Seele im Suizid zu retten versucht.

Das erste Verbrechen der Titelfigur, diese Tat, die der Grundstein ist fürs innere Gefängnis, aus dem der Tyrann nicht wird entfliehen können, wird obendrein auf der Tonspur zum Leitmotiv: Macbeths Schritte geben fortan den Rhythmus des Films vor. Ihr Dröhnen begegnet dem Publikum immer wieder – etwa beim Tropfen des Bluts aus Duncans Wunden, auch als sich das Heer im Wald von Birnam gegen Macbeth sammelt oder wenn dieser dem Wahnsinn nahe durch sein Schloss irrt. Ein Schloss übrigens, das von geradezu klinischer Reinheit ist – nichts kündet hier von den Verbrechen und der Grausamkeit seiner Bewohner. Diese findet sich fast ausschließlich in Shakespeares Worten und im Takt der Taten: Das Geräusch, das Macbeth auf dem Weg zum ersten Mord verursachte, wird ihn bis in den Untergang begleiten. Mit brutaler Präzision. Unbestechlich. Vor allem aber: unabwendbar.

Auch interessant

Kommentare