Geigerin im Interview

Batiashvili: „Ich habe Sorge um Europa“

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Aus Georgien nach Deutschland: Lisa Batiashvili lebt in München.

Die Geigerin Lisa Batiashvili spricht im Interview über Integration, die Arbeit mit Putin-Freund Gergiev und die politische Wirkung von Musik.

Die gebürtige Georgierin Lisa Batiashvili, Jahrgang 1979, ist nicht nur eine der bemerkenswerten Geigerinnen der Gegenwart, sondern findet auch klare Worte zu gesellschaftlichen Themen – etwa zur Situation Europas, zu ihrer Flucht aus Georgien und zu ihrer Verbundenheit mit der Krim. Lisa Batiashvili lebt in München und ist mit dem Oboisten François Leleux verheiratet.

Sie sind 1991 mit Ihren Eltern vor dem drohenden Bürgerkrieg nach Deutschland geflüchtet, weil der Westen ein Sehnsuchtsort war. Wie empfinden Sie Europa jetzt?

Inzwischen fühle ich mich in Deutschland zu Hause, ich habe auch einen deutschen Pass. Trotzdem betrachte ich die Situation anders als die Deutschen, die hier geboren sind, und kann auch offener darüber sprechen, weil ich mit der deutschen Geschichte nichts zu tun habe. Für meine Eltern und mich war und ist Europa ein Traumort. Ich kann einfach den Unterschied sehen, in welchem System ich groß wurde – und welche Möglichkeiten meine Kinder hier haben. Die Balance aus Demokratie, Willkommenskultur und dennoch einer Identität ist etwas Besonderes. Europa darf seine Werte nicht verlieren. Ich habe ein bisschen Sorge um Europa.

Inwiefern?

Für mich war immer klar, dass ich ein Teil dieser Gesellschaft werden möchte. Viele Einwanderer sind nicht bereit, ihre Gewohnheiten aufzugeben. Das ist das Hauptthema heute: Wie kann man sich als Neubürger an die neue Kultur anpassen, ohne seine Identität aufzugeben?

In welchem Bereich mussten Sie sich verändern, als Sie hierher kamen?

Ich war schon immer eine eher ungewöhnliche Georgierin. Ich habe deshalb auch immer geträumt, nach Europa zu gehen, weil ich mit einigen Charakterzügen der Georgier nicht einverstanden war. Das waren einfache Sachen wie Unpünktlichkeit oder eine gewisse Disziplinlosigkeit. Man fängt in Georgien häufig etwas an, führt es aber nicht zu Ende. Das Verantwortungsbewusstsein gegenüber der eigenen Arbeit ist nicht sehr groß, was natürlich auch am kommunistischen System lag. Meine Eltern waren sehr fleißig und legten großen Wert auf Freiheit und Individualität. Sie glaubten nicht an die Mentalität des Kommunismus, dass es jeder gleich machen muss.

In Ihrer neuen Heimat München hat die Bevölkerung geklatscht, als Kriegsflüchtlinge am Hauptbahnhof ankamen. Was haben Sie empfunden, als Sie diese Bilder gesehen haben?

Ich war unglaublich beeindruckt. Ich finde es bewundernswert, wie Deutschland sich trotz seiner traurigen Geschichte entwickelt hat. Das Land ist wirtschaftlich enorm stark, fördert die Kultur, hat hervorragende Orchester und Musikhochschulen. Und leistet humanitär viel mehr als jedes andere europäische Land. Ich hatte angesichts der jubelnden Deutschen am Hauptbahnhof zunächst ein sehr positives Gefühl. Ein paar Wochen später war mir klar, dass diese Geste nicht bis zu Ende gedacht war. Deutschland kann nicht das ganze Elend der Welt lindern. Man muss einen Plan haben, wie man den Menschen helfen möchte, auch wie vielen man helfen kann. Dies muss man seinem Volk erklären. Diese Offenheit des Gesprächs fehlt meiner Meinung nach hier.

Sie konnten anfangs noch kein Deutsch, als Sie hier ankamen. Was ist Ihr Integrationstipp?

Mich hat die Musik direkt in die Gesellschaft gebracht. Ich ging in Konzerte, lernte schnell Deutsch in der Schule. Mein Tipp wäre: Wir alle müssen Dankbarkeit spüren für das, was wir bekommen. Wenn man irgendwo hinkommt, wo es keinen Krieg gibt, dann ist das schon ein ganz großes Glück. In den USA ist jeder, der dort lebt, stolz darauf, ein Amerikaner zu sein. Dabei spreche ich natürlich nicht über die gegenwärtige politische Situation. In Europa ist aber ein solches Zusammengehörigkeitsgefühl kaum ausgeprägt. Daran sollte man arbeiten.

2014 haben Sie kurz nach der russischen Besetzung der Krim ein Konzert mit Valery Gergiev, einem Putin-Freund, gegeben. Als Zugabe spielten Sie das „Requiem für die Ukraine“ des Georgiers Igor Loboda, das Sie in Auftrag gegeben haben. Wie war die Reaktion des Publikums?

Es gab Standing Ovations. Das war für mich auch der Beweis, dass man als Künstler nicht schweigen darf. Als Georgierin, die die russische Dominanz selbst erlebt hat, war es für mich notwendig, auf das Unrecht in der Ukraine aufmerksam zu machen.

Und was meinte Valery Gergiev dazu?

Er hat darauf kaum reagiert. Er rechnet sicherlich auch damit, dass einige Leute gegen seine Meinung sind. Wenn man solch einen Diktator wie Putin unterstützt, dann darf man sich über Gegenwind nicht wundern. In der Folgezeit habe ich einige Konzertangebote mit ihm abgelehnt. Ich habe ja das Glück, mit anderen hervorragenden Dirigenten arbeiten zu können.

Was kann Musik politisch bewirken?

Wir Künstler können und sollen schon zeigen, dass wir keine Puppen sind, die die Zuhörer nur unterhalten. Wir sind nicht nur für die Musik da. Wenn nicht die Musiker, Künstler, Schriftsteller ihre Meinung sagen – wer sonst?

Bei den Osterfestspielen in Baden-Baden spielen Sie mit den Berliner Philharmonikern unter Simon Rattle Dvořáks Violinkonzert. Wann haben Sie erstmals bei diesem Orchester gastiert, und wie empfanden Sie die Begegnung?

Das war 2004 eine meiner wunderbarsten Erinnerungen. Ich hatte zwei Monate zuvor meine Tochter bekommen. Die saß dann in einem Maxi-Cosi im Parkett während der ersten Probe. Das ganze Orchester schaute während der Probe mit dem Beethoven-Konzert nur sie an, das hat die Atmosphäre gleich gelockert.

Das Gespräch führte Georg Rudiger.

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