Kritik zur Wiederaufnahme

Bayerische Staatsoper: Bergs „Wozzeck“ mit Vladimir Jurowski - die beste Serie seit der Premiere

Anja Kampe als Marie mit einem Kinderstatisten.
+
Anja Kampe machte ihre erste Marie zum Zentrum des Abends (Szene mit einem Kinderstatisten).

Die Wiederaufnahme von Alban Bergs „Wozzeck“ wird zum Triumph für den künftigen Generalmusikdirektor.

  • Vladimir Jurowski, ab 2021 Chefdirigent der Bayerischen Staatsoper, dirigiert dort erstmals Bergs „Wozzeck“.
  • Gespielt wird eine Corona-Fassung des Komponisten Eberhard Kloke.
  • Anja Kampe singt ihre erste Marie und wird zum Zentrum des Abends.

Zwölf Jahre sind es seit der Premiere. Und noch immer hält sich die wohl beste Staatsopernarbeit von Regisseur Andreas Kriegenburg taufrisch: Wer hätte gedacht, dass Alban Bergs „Wozzeck“ zum Repertoire-Juwel werden würde? Musikalisch bedeutet die jüngste Wiederaufnahme einen erheblichen Sprung. Erstmals steht Vladimir Jurowski, ab Herbst 2021 Generalmusikdirektor des Hauses, am Pult – und plötzlich klingt alles wie neu ausgehört.

Das hat auch zu tun mit der Pandemie-bedingt reduzierten Fassung. Geschärfter ist das, was der Komponist und Dirigent Eberhard Kloke mit der Partitur anstellte, konturierter, eine – schon aufgrund der wenigen Streicher – Emanzipierung der Bläser. Spätestromantische Süffigkeit kann sich da schwerlich einstellen, und es würde auch nicht zu Jurowskis Zugriff passen. Ganz abgesehen von seinem Interpretationskonzept: Es verblüfft, wie selbstverständlich sich Jurowski in der Partitur bewegt, wie er immer bei seinen Musikerinnen und Musikern ist, lotst, kontrolliert, mit Einsätzen Sicherheit vermittelt.

Fast durchgehend Idealbesetzungen

Eine bestechende, fast unmerkliche Steigerungsdramaturgie ist zu erleben, ein kühles Feuer, aber keine frostige Intensität. Fast körperlich kann das vom Hörer nachvollzogen werden. Exemplarisch ist diese Aufführung in ihrer inhaltlichen Durchdringung und (was vielleicht wichtiger ist) handwerklichen Umsetzung. Für Jurowski ist das Stück nicht neu, 2017 war Ähnliches bei den Salzburger Festspielen zu erleben – obgleich damals die Wiener Philharmoniker nur schwer von ihrer Kulinarik abzubringen waren.

Ein Debüt gibt es dafür jenseits der Rampe: Anja Kampe singt ihre erste Marie. Und es scheint, dass die Temperatur augenblicklich steigt, sobald sie die Bühne betritt. Wie schon in anderen Produktionen macht diese Sopranistin ihre Figur zum Zentrum des Abends. Auch weil sie in Ausdruck, Spiel und Klanggebung ein weites Spektrum ausschreitet. Stufenlos bewegt sich ihre Marie vom Diseusenton bis zur Heroinen-Entäußerung. So kraftvoll, so vielschichtig ist dies, dass man am Ende eines nicht begreifen mag: warum sich diese Frau vom Loser an ihrer Seite morden lässt. Oder ist es doch verkappter Suizid?

Simon Keenlyside hat die Titelpartie in München schon gesungen. Den Wozzeck gibt er in Spiel und vokaler Ausstattung als angemessen verkniffenen, auch virilen Angstbeißer. Auch die meisten übrigen Besetzungen – John Daszak (Tambourmajor), Wolfgang Ablinger-Sperrhacke (Hauptmann), Ursula Hesse von den Steinen (Margret) und Tansel Akzeybek (Andres) – bewegen sich dicht am Ideal. Gut möglich, dass dies die beste Serie seit der Premiere wird.

Auch interessant

Kommentare