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Früher war weniger Lametta: Janáčeks „Das schlaue Füchslein“ an der Bayerischen Staatsoper

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Von: Markus Thiel

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Elena Tsallagova und Angela Brower
Über ihre opulenten Bilder definiert sich die Inszenierung von Barrie Kosky, die aber dabei Wichtiges ausblendet. Hier eine Szene mit Elena Tsallagova als Füchslein (li.) und Angela Brower als Fuchs. © Wilfried hösl

Augenkitzel en masse gibt es bei dieser Premiere von Janáčeks „Das schlaue Füchslein“ an der Bayerischen Staatsoper. Und doch bleibt Barrie Kosky einiges schuldig. Der Abend lässt zumindest szenisch etwas kalt.

Was fehlt, ist der Mann mit dem Zylinder. Ein Conférencier, der mit biegsamen Beinen und Lästerzunge die nächste Nummer herbeizaubert. Vielleicht das bestrapste Männerballett, bei Barrie Kosky fast obligatorisch und meist saukomisch. Wer die Ohren verschließt, glaubt sich tatsächlich in einer seiner Revuen: Glamour-Vorhänge fahren hernieder, teilen sich, es glitzert, blitzt und funkelt gar schön. Ein Varieté der Nacht, ein opulenter Augenkitzler, nur dass hier alles wie in Zeitlupe passiert. Was nicht verwundert: Wir sind ja nicht in Offenbachs „Pariser Leben“, sondern in Janáčeks „Das schlaue Füchslein“.

Dass der von Melancholie umwehte 90-Minüter weit mehr mit Menschlichem zu tun hat, mit dem großen Zyklus des Lebens- und Liebeslaufs, auch mit mal unterdrückter, mal offener Sexualität, ist seit der Uraufführung 1924 allen bewusst. Auch, dass es dafür keine putzigen Tiermasken braucht. Insofern ist Koskys Plan, endlich echte Menschen zu zeigen, längst Realität und Selbstverständlichkeit. Echt und wahrhaftig wird es in dieser Premiere der Bayerischen Staatsoper auch tatsächlich, stellenweise zumindest. Besonders in der Erstbegegnung von Füchsin und Fuchs. Genau gezirkelt ist das und berührend. Ein Werk des wissenden Figurenbeschäftigers und Charakterformers Kosky, dafür mag man ihn. Andernorts darf die Comedy durchbrechen. Den Hühnerstall zeigt er als sitzende Chorus-Line mit grellgelbem Federvieh. Und später, wenn die Säfte steigen, stechen Beine durch den Cabaret-Vorhang und deuten ein Kopulationsballett an.

Staatsopern-Debüt von Dirigentin Mirga Gražinytė-Tyla

Umso erstaunlicher, dass Kosky einiges entgeht. Die stückwichtige Beziehung zwischen Förster und Füchslein, die komplexe Erotik, dieses vergebliche Sehnen nach dem andern, die (vermeintliche) eigene Unerfülltheit, all das ist hier so gut wie nicht zu erfahren. Wie auch, wenn die Figuren meist wie im Kasperltheater bauchhoch aus der Unterbühne ragen und ihre Rollen verlautbaren.

Munter ist das alles, irgendwie kurzweilig, sehr versiert und mit großem Bühneninstinkt serviert. Und doch (oder gerade deswegen) lässt einen Koskys „Füchslein“ merkwürdig kalt. Zu großen Teilen definiert sich die Aufführung über ihre prachtvolle Ästhetik, über die Bühne von Michael Levine und die Kostüme von Victoria Behr.

Auch Mirga Gražinytė-Tyla kann sich bei ihrem Staatsopern-Debüt nur bedingt dagegen behaupten. Das, was ihre Dirigate am Salzburger Landestheater so aufregend machte oder jetzt beim City of Birmingham Symphony Orchestra zu verfolgen ist, dringt zu wenig durch. In abgetönte Farben wird die Partitur getaucht. Weich, kantabel, schön geformt klingt das, von Janáčeks Bizarrerien, seinen offensiv eingesetzten Rhythmen spürt man nicht so furchtbar viel. Als souveräne Lenkerin des Staatsorchesters überzeugt Gražinytė-Tyla. Gut möglich, dass sie sich, man kennt sich ja noch nicht so gut, bei den künftigen Produktionen mehr aus der Deckung wagt – weitere Engagements sind offenbar schon vereinbart.

Elena Tsallagova als Füchslein heimst zu Recht den größten Applaus ein

Was man Kosky lassen muss: Als Motivator spielt er in einer eigenen Liga, man sieht’s und hört’s dem Bühnenpersonal an. Vor allem Angela Brower als Fuchs mit ihrer vokalen Emphase, ihrem schlanken, biegsamen Mezzo und ihrer großen Präsenz. Erst recht aber Elena Tsallagova, die in der Titelrolle den meisten Applaus einheimst. Man genießt eine lyrisch sozialisierte Stimme, die sich weiten und Raum erobern kann und die ihre Partie mit vokaler Energie geradezu elektrisch auflädt. Dazu eine Darstellerin, die sich vollkommen natürlich entfalten kann, die interessiert, sobald sie nur um die Bühnenecke lugt.

Wolfgang Koch gibt den Förster als gebrochenen älteren Herrn, zu dem der noch immer frische, flexible Bariton nicht ganz passen mag. Auch bei ihm spürt man eher das Potenzial, als dass er es wirklich ausspielen und -singen kann – oder will. Den Kollegen Martin Snell (Pfarrer/Dachs), Jonas Hacker (Schulmeister/Mücke), Milan Siljanov (Haraschta) glücken kleine, prägnante Charakterstudien. Etwas also, dass Kosky mit links inszeniert. Wer will, kann sich von seinem Varieté gefangen nehmen lassen. Doch das Lametta-Setting dockt nur bedingt ans Stück an. Problemlos ließe sich hier eine „Fledermaus“ spielen. Ein Hit, für den Kosky in zwei Jahren zurückkehren soll.

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