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Bayerische Staatsoper: Serge Dorny über die nächste Saison und die drohende Schließung

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Von: Markus Thiel

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Nationaltheater
Spätestens ab 2030 muss das Münchner Nationaltheater für eine Generalsanierung schließen. © Wilfried Hösl

Seit bald einem Jahr amtiert Serge Dorny als Intendant der Bayerischen Staatsoper. Tatsächlich hat der 60-Jährige mit Generalmusikdirektor Vladimir Jurowski einiges umgekrempelt an einem Haus, das sich zu gern der Kulinarik ergeben hat. Zumutungen im positiven Sinne, wie er es sieht. Umso bemerkenswerter, dass sich der gebürtige Belgier in der kommenden Saison auch den Filetwerken des Opernrepertoires zuwendet (Premierenübersicht am Ende des Interviews).

Serge Dorny
„Ein Konsens ist nicht notwendigerweise interessant“: Serge Dorny, Intendant der Bayerischen Staatsoper. © Marcus Schlaf

Unter den Premieren finden sich drei Schlagerstücke, dazu kommt der Verdi-Schwerpunkt bei den Wiederaufnahmen: Ist das eine Wiedergutmachung für Kulinariker, die in Ihrer ersten Saison fast nur Stücke aus dem 20. und 21. Jahrhundert vorgesetzt bekamen?

Vladimir Jurowski und ich fanden es wichtig, in unserer ersten Saison das Repertoire-Angebot zu erweitern, neue Farben und Akzente zu setzen und auch Unbekanntes in den Spielplan zu nehmen. Die kommende Spielzeit mit dem Motto „Gesänge von Krieg und Liebe“ vereint zwei Themen, die eng miteinander verbunden sind. Und die heute eine andere Aktualität bekommen als während der Entstehung der Planungen. Dies zeigt, wie relevant Oper war und ist.

Zugleich bringen Sie im Repertoire gute alte Produktionen wie Cavallis „La Calisto“, Verdis „Don Carlo“ oder die „Elektra“ von Strauss. In Lyon haben Sie einmal legendäre Inszenierungen wiederbelebt – ist das in München nun auch der Fall?

Ich halte die drei genannten Inszenierungen für großartige Produktionen mit Referenzcharakter und von einer unglaublichen Modernität. München hat ein reiches Repertoire. In jeder Spielzeit möchten wir daher auf etwas anderes zurückgreifen. Manche Stücke kann man jedes Jahr spielen, andere alle zwei, drei Jahre. Es ist wie mit einem Baukasten, der zahlreiche Kombinationen möglich macht und aus dem man verschiedene übergreifende Themen destillieren kann. Dadurch kommt es zum Beispiel wie während der kommenden Opernfestspiele zu einem Strauss-Schwerpunkt. Außerdem: Was heißt alt, was neu? Es gibt manche Premieren, die wirken alt, wenn sie herauskommen. Und bei der „Elektra“ von Herbert Wernicke würde man nicht glauben, dass sie von 1997 ist.

Wie halten Sie es mit übergreifenden Saisonlinien?

Wir planen einen Zyklus mit Mozarts Da-Ponte-Opern und beginnen im kommenden Herbst mit „Così fan tutte“. Auch im Wagner- und Strauss-Fach wird einiges erneuert werden. Es ist immer eine Frage der Notwendigkeit.

Die Regisseure der ersten beiden Premieren, Benedict Andrews und Kornél Mundruczo, sind Theater- und Filmspezialisten. Ist das eine neue Programmatik?

Film ist ein Medium, das einen anderen Rhythmus hat und das sich dadurch nicht ohne Weiteres auf die Bühne transferieren lässt. Diese beiden Regisseure haben zunächst Theater und Oper gemacht und sind dann zum Film gekommen. Sie verstehen also die Gesetzmäßigkeiten des Theaters. Aber eine Programmatik soll das trotzdem nicht sein. Mich interessieren das Handwerk und die Handschrift dieser Künstler. Es werden auch andere kommen. Künstler wie Andrews und Mundruczo bieten neue Farben für München.

Welche Farben fehlen denn in München?

Ich möchte, dass hier verschiedene Theaterästhetiken einander begegnen. Es gibt viele Bühnen- aber auch Dirigiersprachen, also viele Identitäten, die man mit passenden Werken zusammenbringen muss. Natürlich kann manches auch scheitern. Aber dieses Risiko ist notwendig. Wenn man nur auf Sicherheit geht, macht man ein Theater, das schon am nächsten Tag vergessen ist.

Nach fast einem Jahr Intendanz: Ist das Münchner Publikum anders, als Sie gedacht haben?

Ich war und bin begeistert von diesem Publikum, wie es sich die Oper angeeignet hat. Das habe ich in vielen Städten nicht so erfahren, nicht in Paris, nicht einmal in Wien.

Also reagiert das Publikum auch entsprechend, wenn es „seine“ Staatsoper mal nicht so gut findet?

Ein Konsens ist nicht notwendigerweise interessant. Ich kenne Besucherinnen und Besucher, die mehrfach in eine Produktion gehen, um neue Aspekte zu entdecken. Es gibt ein großes Stammpublikum, das sehr neugierig ist. Und das Angebot dieses Repertoirehauses mit seinen 45 Werken pro Saison ist so breit, dass jeder etwas finden kann.

Es gibt zwei Münchner Superstars, Anja Harteros und Jonas Kaufmann, die auch in der kommenden Saison dabei sind. Allerdings nicht in Premieren: Ist es leichter, sie ins Repertoire zu stecken, weil sie nicht so viel proben wollen?

Anja Harteros wird in den darauffolgenden Spielzeiten in Premieren zu erleben sein. Auch Jonas Kaufmann bekommt eine Neuproduktion, gleich zu Beginn der neuen Spielzeit tritt er außerdem in der Wiederaufnahme von „Peter Grimes“ auf.

Dem Nationaltheater droht eine Sanierung. Wie sicher ist es, dort zu spielen? Kann dem Haus eine plötzliche Schließung drohen wie dem Theater in Augsburg?

Das Haus benötigt eine Renovierung. Seit der Wiedereröffnung gab es zwar technische Arbeiten, aber keine Generalsanierung. Bis ungefähr 2030 können wir das Nationaltheater noch spielfähig halten – wenn es zuvor eine kleinere Sanierung für absolut notwendige Maßnahmen gibt. Das wird 2025 sein. Wir planen dafür eine um sechs Wochen verlängerte Sommerpause. Und dann hoffen wir, dass das Gebäude noch fünf weitere Jahre durchhält. Das Problem ist nur: Angesichts der Krisen will der Freistaat Bayern im Bereich Wissenschaft/Kultur etwas mehr als 90 Millionen Euro einsparen. Aber beispielsweise allein der Kauf von Materialien für Bühnenbilder verteuert sich gerade enorm. Die Bayerische Staatsoper möchte weiterhin ein so großes Angebot wie möglich herausbringen. Aber wir müssen uns der ökonomischen Realität stellen. Deshalb gibt es auch viele Koproduktionen, etwa im Falle von „Lohengrin“, „Hamlet“ oder „Krieg und Frieden“.

Wie viel Angst haben Sie davor, dass Sie Ihre Pläne für die kommenden Spielzeiten gar nicht realisieren können?

Wenn man nur mit Angst lebt, kommt man nicht voran. Wir müssen Vertrauen haben, ohne naiv zu sein. Und wir müssen ambitioniert bleiben, auch wenn man die Ambition nicht zu 100 Prozent durchsetzen kann. Ambitionen ermöglichen Träume. Kunst wird immer Menschen zusammenbringen und Räume öffnen, in denen wir unsere Gefühle teilen können und Dialoge ermöglicht werden. Gerade der Krieg in der Ukraine hat noch einmal verdeutlicht, wie wichtig der Dialog untereinander ist. Wo gibt es noch Orte wie in der Kultur, an denen wir uns alle treffen können?

Das Gespräch führte Markus Thiel.

Die Premieren der Saison 2022/2023:
Oper:
„Così fan tutte“ von Mozart am 26. Oktober 2022 (Dirigent: Vladimir Jurowski, Regie: Benedict Andrews).
„Lohengrin“ von Wagner am 3. Dezember 2022 (François-Xavier Roth, Kornél Mundruczo).
„Dido and Aeneas“ von Purcell/ „Erwartung“ von Schönberg am 29. Januar 2023 (Andrew Manze, Krzysztof Warlikowski).
„Krieg und Frieden“ von Prokofjew am 5. März 2023 (Vladimir Jurowski, Dmitri Tcherniakov).
„Hanjo“ von Hosokawa am 5. Mai 2023 (Lothar Koenigs, Sidi Larbi Cherkaoui).
„Matsukaze“ von Hosokawa am 6. Mai 2023 (Johannes Debus, Lotte van den Berg).
„Il ritorno d’Ulisse in Patria“ von Monteverdi am 7. Mai 2023, Opernstudio (Christopher Moulds, Christopher Rüping).
„Aida“ von Verdi am 15. Mai 2023 (Daniele Rustioni, Damiano Michieletto).
„Hamlet“ von Dean am 26. Juni 2023 (Vladimir Jurowski, Neil Armfield).
„Semele“ von Händel am 15. Juli 2023 (Stefano Montanari, Claus Guth).
Ballett:
„Tschaikowsky-Ouvertüren“ am 23. Dezember 2022 (Choreografie: Alexei Ratmansky, Dirigent: Mikhail Agrest).
„Schmetterling“ am 31. März 2023 (Sol León/Paul Lightfoot).
„Heute ist morgen“ am 23. Juni 2023.

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