Bayreuth-Kritik

Höhenflug im Graben: Der "Holländer"

Bayreuth - Ein Kapitalismusdrama mit angezogener Handbremse: Das ist der "Fliegende Holländer" in Jan Philipp Glogers Inszenierung, die im vergangenen Jahr Premiere hatte und jetzt die diesjährigen Festspiele eröffnete.

Für die Wiederaufnahme hat Gloger noch etwas gefeilt und intensiviert, vor allem aber zwei neue Sänger eingebaut: Ricarda Merbeth als Senta ist deutlich dramatischer gelaunt als Adrianne Pieczonka im Vorjahr, singt mit flackernder Stimme und Diven-Ausstrahlung. Tomislav Muzek als neuer Erik besinnt sich mehr auf gute Vokal-Erziehung als Vorgänger Michael König, dessen Jägersbursche anno 2012 deutliche Neandertaler-Züge zeigte.

Dass die Bayreuther an Samuel Youn als Holländer festhalten, hat schon seine Berechtigung: Im oberen Register, bei seinen Laserstrahltönen – das alles signalisiert Verlässlichkeit und Unerschütterlichkeit. Auch wird seine Stimme breiter, doch warum sich Senta gerade nach diesem Neutralo-Mann sehnt, bleibt offen.

Franz-Josef Selig (Daland) und Christa Meyer (Mary) sind dagegen luxuriös besetzt. Der Mann im Graben sowieso: Christian Thielemann lässt hören, dass er der Pultmann mit der größten Bayreuth-Erfahrung ist. Seine Interpretation des klanglich heiklen Frühwerks schmiegt sich geradezu ins Festspielhaus. Gut dosiertes Pathos, viel Lyrisches, noch mehr Sängerkontakt: Das ist große Kapellmeister-Kunst.

Markus Thiel

 

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