Der Punker kommt nach München

Billy Idol: "Ich sagte zu Gott: "Verpiss dich!""

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Billy Idol.

München - Billy Idol ("Rebel Yell") hat sich aus dem Drogensumpf herausgekämpft. Am 25. Juli tritt er im Rahmen des Sommernachtstraums im Olympiapark auf. Wir sprachen mit ihm über seine dunkle Seite und seine Jugend. 

Zu viel Ruhm und zu viele Drogen lösten bei Billy Idol einst eine Abwärtsspirale aus. Doch der Sänger aus der Nähe von London hat sich Stück für Stück wieder hochgekämpft. Seine Musik ist ein Hybrid aus Punk, Rock ’n’ Roll, Folk-Rock und Jazz-Rock. Vergangenes Jahr ist Idols Comeback-Album Kings & Queens Of The Underground erschienen, flankiert von seiner Autobiografie Dancing With Myself.

Im Song „Whiskey And Pills“ besingen Sie Ihre dunkle Seite. Mit welchen Gefühlen blicken Sie auf Ihr bisheriges Leben zurück?

Billy Idol: Es ist nicht so, dass ich mit negativen Gefühlen auf die dunkle Zeit in meinem Leben zurückblicke, sondern eher mit einem weinenden und einem lachenden Auge. In meiner Drogenphase schrieb ich eine Menge tolle und erfolgreiche Songs. Rückblickend war es sogar eine ulkige Zeit (lacht). Mein Lebensgefühl als junger Mann lässt sich am besten beschreiben mit einem imaginären Gespräch mit Gott: Ich stehe an der Himmelspforte, und Gott sagt zu mir: „Ok, Billy, das war’s dann wohl!“ Und ich antworte arrogant: „Verpiss dich!“ (lacht schallend). Ein Junkie lebt in einer anderen Dimension.

Wie viel Kontrolle haben Sie über Ihre dunkle Seite?

Idol: Nicht sehr viel. Mit den Drogen habe ich es definitiv übertrieben. Sie können die böse Seite in mir herauskehren. Ich hoffe, dass ich das inzwischen im Griff habe. Aber ich habe immer noch eine Menge Spaß und bin unheimlich gerne Künstler. Es ist ein wirklich erfülltes Leben.

Wie viel Geld gaben Sie in Ihrem Leben für Drogen aus?

Idol: Ich habe es nie nachgerechnet, es dürfte eine Zahl mit ziemlich vielen Nullen sein. Heute mache ich so was nicht mehr. Heute gebe ich die Kohle lieber für nützliche Dinge aus, zum Beispiel für die Produktion meines Albums Kings & Queens Of The Underground.

Punk war der Ausdruck eines Generationenkonflikts. Welche Konflikte hatten Sie mit Ihren eigenen Kindern, Willem und Bonni?

Idol: Meine Eltern haben die Wirtschaftskrise der 1930er-Jahre, den Zweiten Weltkrieg und den Wiederaufbau miterlebt. Gerade weil sie so schwer zu kämpfen hatten, gaben sie uns Kindern die Chance und das Recht, zu träumen. Als Teenager träumte ich von einem Leben jenseits aller gesellschaftlicher Regeln. Meine Eltern konnten meine lässige Einstellung und meine Liebe zur Musik nicht verstehen. Zwischen mir und meinen Kindern dagegen gibt es keinen Generationenkonflikt. Meine Tochter geht aufs College, und mein Sohn ist ebenfalls Musiker, er hat eine eigene Band und macht Electronic Dance Music unter dem Namen Willem Wolf.

Ihr Vater ist kürzlich gestorben. Waren Sie bei ihm, als er ging?

Idol: Leider nicht. Er bestand darauf, dass ich meine Tournee, meine Platte und mein Buch zu Ende bringe. Er sagte: „Wenn du etwas zugesagt hast, musst du auch liefern.“ Er war alte Schule. Er mochte die Musik auf dieser Platte, besonders den Song Save Me Now. Vater hatte Lungenkrebs und schlief am 7. August ein, kurz davor hatte er noch meinen Song The Ghost In My Guitar gehört. Ich war also irgendwie bei ihm, als er starb. Ich glaube, wir werden spirituell in Kontakt bleiben. Das letzte Mal sah ich ihn im Juli, als ich meiner Mutter dabei half, einen Treppenlift im Haus zu installieren. Sie selbst ist auf fremde Hilfe angewiesen.

Sind Sie als Rockstar zu einem Leben als Berufsjugendlicher verdammt, oder fangen Sie an, erwachsen zu werden?

Idol: Der Umstand, dass ich jetzt auf mein Leben zurückblicke und vieles reflektiere, besagt doch, dass ich erwachsen geworden bin, sowohl als Künstler als auch als Person.

Sie hatten einmal die Chance, einen Song gemeinsam mit Lou Reed zu schreiben, das scheiterte jedoch am Geld. 

Idol: Ich glaube, er verlangte 75 Dollar für eine halbe und 100 für eine ganze Stunde. Damals erschien es mir albern, fürs Songschreiben Geld zu bezahlen. Ich als Punkrocker habe das nie getan, wenn ich mit anderen Leuten Songs gemacht habe. Wir schrieben eine Nummer, und wenn sie dann aufgenommen wurde, teilten wir uns das Geld. Lustig, wie sich Leute entwickeln, wenn sie so lange im Musikgeschäft sind. Diese Erfahrung lehrte mich, meine eigenen Songs zu schreiben. Nichtsdestotrotz liebe ich Lou Reed. Hätte ich damals tatsächlich etwas mit ihm gemacht, würde heute jeder sagen, Lou Reed hat das geschrieben.

Was können wir von Ihren Konzerten erwarten?

Idol: Wir bringen eine Menge toller neuer Songs mit. Das macht es für mich sehr spannend. Mein Gitarrist Steve Stevens spielt besser denn je. Er fordert mich heraus, noch besser zu werden. Ich kann es kaum erwarten, mit meinen Fans Party zu machen. Um fit zu bleiben, fahre ich viel Fahrrad und gehe in die Muckibude. Um einen Song wie Rebel Yell jeden Abend singen zu können, brauchst du enorm viel Kraft. Ich möchte immer alles geben, weil ich die Musik so sehr liebe.

Olaf Neumann

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