„Blue & Lonesome“

Neues Album: Die Rolling Stones kommen nach Hause

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Auch auf der Bühne noch recht fit: Die Rolling Stones (v. re.) Keith Richards, Mick Jagger, Charlie Watts und Ron Wood Anfang Februar dieses Jahres bei einem Auftritt in Santiago de Chile.

München - Elf Jahre mussten Fans der Rolling Stones auf neuen Stoff warten, jetzt haben die Altrocker ihr neues Album „Blue & Lonesome“ rausgebracht - wir verraten euch wie es klingt und warum.

Update vom 9. Mai 2017: Die Rolling Stones kommen 2017 für drei Konzerte nach Deutschland - und spielen eins davon in München. Hier erfahren Sie, wann der Konzerttermin ist und wie Sie an Tickets kommen.

Es ist ja kein Wunder, dass die Leute sich Sorgen machen. In diesem Jahr haben David Bowie und Leonard Cohen Alben herausgebracht und sind kurze Zeit später gestorben. Die Abenddämmerung ist heraufgezogen im Zeitalter der Rockmusik. Und die Rolling Stones – die Rockband schlechthin? Veröffentlichen heute nach elf Jahren Abstinenz eine Platte, die ausschließlich aus Coverversionen alter Blues-Songs besteht. Da wird mancher hellhörig: Verabschieden die sich jetzt auch noch – und sei es aus dem Rampenlicht?

Ein stimmiger Abschluss zumindest wäre „Blue & Lonesome“, haben die Stones doch als Blues-Band begonnen. Hier schließt sich also ein Kreis. Doch irgendetwas stimmt nicht mit der Abschiedstheorie, denn Mick Jagger (73), Keith Richards (72), Charlie Watts (75) und Ron Wood (69) klingen in diesen Songs, die nicht ihre eigenen sind, so jugendlich wie sehr, sehr lange nicht mehr.

Um zu verstehen, was der Blues für derart saturierte Stars immer noch bedeutet, wie sehr er in ihrer DNA verankert ist, muss man sich in Erinnerung rufen, wie Mick Jagger und Keith Richards drauf waren, als sie einander 1961 begegneten auf einem Bahnsteig in der Kleinstadt Dartford bei London. Der Legende nach hatte Jagger zwei Platten dabei, eine von Chuck Berry, eine von Muddy Waters. Rock’n’Roll und Blues. Sie erkannten einander, so wie die Urchristen einander am Brotbrechen erkannt hatten: als Brüder im Glauben.

So kamen die Rolling Stones zum Blues

Eine kleine Szene hartgesottener britischer Fans existierte um den Blues, besonders jenen aus Chicago, der zumeist von mittellosen schwarzen Arbeitsmigranten aus dem Mississippi-Delta gespielt wurde, die ihr Glück im Norden versuchten: Howlin’ Wolf, Jimmy Reed, Little Walter. Er war simpel, wild, roh, laut, vom Leben gezeichnet. Gespielt von alten Männern zwar – aber genau das Richtige für zwei Kriegskinder, die ihre Kicks jenseits der heimischen Kultur suchten – und das Gemisch noch um jugendliche Arroganz und Sex bereicherten. Der dritte Blues-Verrückte, Brian Jones, benannte die Band schließlich nach einem Blues: „Rollin’ Stone“ von Muddy Waters.

Die orthodoxe Lehre wurde der Band, kaum hatte sie einen Plattenvertrag, bald ausgetrieben. Die Tinte unter dem Kontrakt war noch nicht getrocknet, da erklärte Manager Andrew Loog Oldham dem Pianisten Ian Stewart, dass er raus sei. Begründung: Stewarts Kinn sei zu markant, er passe optisch nicht. Die erste Single, ein Cover des Chuck-Berry-Songs „Come on“, klang der Band viel zu poppig – und Pop war der Feind. Doch bald schon sollten die Rolling Stones selbst mitspielen in diesem Pop-Business, erst zähneknirschend, dann virtuos. Freilich behielten sie bei allen Experimenten ihrer Karriere den Blues als Grundstruktur.

55 Jahre später wollen die Stones zeigen, wie das damals war, als sie noch rein waren wie weißes Papier. In drei Tagen hat Produzent Don Was „Blue & Lonesome “ aufgenommen, in Mono, mit ordentlich Hall, aber sonst komplett ohne Schnickschnack – so wie die Helden aus Chicago seinerzeit aus den Boxen schepperten. Anders als viele zeitgenössische Retro-Künstler, deren Musik wie ein blutleeres Faksimile der alten Ästhetik wirkt, klingen die Rolling Stones in diesem Gewand, als seien sie zu Hause angekommen.

Das Album: Stones erweisen ihren Vorgängern den ultimativen Respekt

Unglaublich, wie jugendlich Jagger im Eröffnungsstück „Just your Fool “ singt. Und wie gut er an der Mundharmonika ist, dem bevorzugten Solo-Instrument hier. „Mick ist einer der besten Blues-Harmonika-Spieler überhaupt“, hat sein Partner Keith mal gesagt – mit dem bösen Zusatz allerdings, er würde sich wünschen, Jagger würde auch mal so singen, wie er spielt. In „Commit a Crime“ von Howlin’ Wolf kann man dem Sänger da keinen Vorwurf machen, er giftet gefährlich: „I’m gonna leave you Woman, before I commit a Crime.“ Es ist allerdings nur vordergründig allein Jaggers Show. Die Band spielt zurückgenommen, unspektakulär, aber effektiv. Vor allem in langsameren Stücken wie „All of your Love“ oder „Hoodoo Blues“ köchelt sie einen unheilvollen Sound-Sud, Keith Richards’ und Ronny Woods Gitarren umtänzeln einander wie zwei Preisboxer.

So erweisen die Rolling Stones ihren Vorbildern den ultimativen Respekt – und damit auch ihrem eigenen Erbe. Das haben sie stets getan: Einen Fernsehauftritt in der amerikanischen TV-Show „Shindig!“ nahmen sie 1965 nur unter der Bedingung an, dass Howlin’ Wolf auch auftreten dürfe. Die Blues-Legenden waren in den USA weitgehend unbekannt. Erst die Stones und andere reimportierten ihre Musik und verhalfen ihnen zu Ruhm. „Es war Liebe“, sagt Jagger noch heute. „Und wir waren Missionare.“ Muddy Waters zeigte sich seinerzeit dankbar: „Die Stones haben meine Songs genommen, aber sie haben mir meinen Namen gegeben.“

Die Rolling Stones werden nun schon bestimmt seit 20 Jahren als Dinosaurier und Rock-Rentner bezeichnet. „Blue & Lonesome “ versucht nicht einmal, diese Attribute zu leugnen, und wird manchen ratlos hinterlassen, der die Band als Rocker schätzt. Aber so, wie die alten Knaben hier aufspielen, klingt niemand, der sich verabschieden will. Und schon gar nicht jemand, um den man sich Sorgen machen müsste.

The Rolling Stones: „Blue & Lonesome“ (Universal).

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