1. tz
  2. München
  3. Kultur

Campino erklärt 40 Jahre Tote Hosen: „Es geht nicht um Champions League, sondern um Haching im Regen“

Erstellt:

Von: Michael Schleicher

Kommentare

Toten Hosen-Sänger Campino
Campino erzählt anhand von Songzeilen über 40 Jahre Tote Hosen. © Christian Beutler/dpa

Die Toten Hosen feiern 40. Geburtstag. Sänger Campino ist an den Münchner Viktualienmarkt gekommen, um über das Jubiläum der Düsseldorfer Band zu sprechen.

Vor 40 Jahren haben Campino, Andreas von Holst, Andreas Meurer, Michael Breitkopf und Trini Trimpop die Punkrockband Die Toten Hosen in Düsseldorf gegründet. Am Freitag, 27. Mai 2022, erscheint das Jubiläumsalbum „Alles aus Liebe: 40 Jahre Die Toten Hosen“ (Warner Music/JKP) – und am 18. Juni 2022 feiern die Hosen den Runden im Olympiastadion. Zum Interview haben wir Zeilen aus Hosen-Songs mitgebracht, um mit Campino zurückzublicken.

Die erste Liedzeile, die ich ausgesucht habe, lautet „Einmal rund um den Häuserblock/ danach wird die Karre aufgebockt“. Die Band läuft nun deutlich länger als einmal um den Block. Haben Sie das damals geahnt?

Campino: Hätten wir doch eher über den Käfer singen sollen! (Lacht.) Nein, das haben wir absolut nicht kommen sehen, es hat uns aber auch nicht beschäftigt. Wir waren gut im Hier und Jetzt – diese Einstellung unterscheidet sich wenig zu heute. Die Lieder kamen direkt aus unserem Leben, so wie das hoffentlich noch immer der Fall ist. Es ist natürlich ein ganz anderer Alltag geworden. „Opel-Gang“ entsprach unserem Gefühl damals: Man hatte nicht viel, träumte von teuren Sportwagen, machte dennoch das Beste draus: Nahm also das, was vor der Haustür stand, und versuchte, es aufzumotzen. Im Rückblick können wir das alles mit einem Lachen, einer Lässigkeit betrachten.

Das Stichwort „Lässigkeit“ bringt uns zur nächsten Zeile: „Wir scheißen auf den Sieg/ weil es um was anderes geht“. Braucht’s diese Einstellung, um Erfolg zu haben?

Campino: Es ist eher die Einstellung, die man sich zulegen sollte, wenn man aus einer Stadt wie Düsseldorf kommt, wo bei der Sportmannschaft, die man liebt, die Niederlagen proportional deutlich häufiger vorkommen als die Siege. Vielleicht redet man sich dadurch auch nur Mut zu. Das Credo „Siege sind nicht wichtig“ sollte man einfach verinnerlichen, wenn es eh nicht so oft dafür reicht. Aber auch übertragen auf die Toten Hosen hätte eine Aussage wie „Es kann immer nur um den Sieg gehen“ nie gepasst. Damit hätten wir schlecht gelebt.

„Weil es um was anderes geht.“ Worum geht es der Band?

Campino: Um Leidenschaft. Nicht immer technisch schön, aber stets bemüht. Übersetzt in das Bild des Fußballs geht es nicht um Glamour, nicht ums Champions-League-Finale, sondern darum, auch mal im Regen zu stehen und Unterhaching zu beobachten, wie sie sich gegen einen Lokalrivalen durchschlagen. Dieser Wahnsinn, dass man samstags irgendwo steht, die Woche vergisst, weil man sich in das hineinsteigert, was auf dem Platz passiert: Das ist es, was mich fasziniert, was ich übrigens bei jedem Fußballmatch finden kann. Ich bin mindestens so gerne bei irgendwelchen Dorfspielen, wie ich ins Stadion gehe, um eine Profi-Mannschaft zu sehen.

Campino im Gespräch zu „40 Jahre Die Toten Hosen“ mit MM-Kulturchef Michael Schleicher.
Sprachen über die ersten 40 Jahre der Toten Hosen: Campino und Michael Schleicher, Kulturchef von „Münchner Merkur“ und „tz“. © Oliver Bodmer/Münchner Merkur

Zurück zur Musik. „Du bist zu alt für Popmusik!“ Ernsthaft?! Kann man das je sein?

Campino: Ich denke nicht, dass sich das am Alter festmacht, sondern an der inneren Einstellung. Natürlich kann es den Punkt geben, dass man sich in neue Gefilde begibt, so wie man etwa auch seinen Klamottenstil ändert und dann meinetwegen mit 40 anfängt, Jazz zu hören. Einfach, weil man denkt: Das passt besser. Für uns war der Song „Popmusik“ 2005 ein erstes Auseinandersetzen mit dem Vorwurf, wir würden langsam zu alt für das, was wir tun. Es hat Spaß gemacht, sich dem Ganzen mit Ironie zu nähern.

Aus demselben Lied stammt die Zeile „All die Drei-Minuten-Wunder/ sie kommen nie mehr zurück“. Spüren Sie, wenn ein Song das Zeug zum Hit hat?

Campino: Das spüre ich sehr häufig – ich liege aber auch sehr häufig daneben. (Lacht.)

Zum Beispiel?

Campino: Dass ein Lied wie „Wannsee“ (vom Album „Laune der Natur“, 2017; Anm. d. Red.) derart abgefeiert wird und nie dem Vorwurf ausgesetzt war, ein bisschen schlageresk zu sein, verstehe ich bis heute nicht so ganz. Andere Lieder, bei denen wir wiederum total sicher waren, sie würden gut ankommen, wurden deutlich strenger beurteilt. Das ist vielleicht das Geheimnis: Jeder interpretiert ein Lied auf seine Art.

Stört Sie das als Texter?

Campino: Manchmal kann ich nicht begreifen, dass die Leute meine Beweggründe nicht erkennen.

„Du merkst nicht, wie die Tage vergeh’n ...“

Campino: „... nichts bleibt für die Ewigkeit!“

Bleiben wir beim ersten Teil: 40 Jahre Tote Hosen – merken Sie, dass vier Jahrzehnte vergangen sind?

Campino: Ja! Und das ist ein gutes Zeichen. Denn wenn uns diese 40 Jahre als Ewigkeit vorgekommen wären, wäre es ein harter Weg gewesen und wir hätten vermutlich längst aufgehört. Im Rückblick war nicht alles top, aber aufregend war es schon.

Fühlen Sie sich alt?

Campino: Man selbst nimmt gar nicht wahr, dass man altert, das hat Zeit eben so an sich. Ich bin neulich im Flugzeug von einer älteren Frau angesprochen worden: „Sind Sie nicht Andreas Frege?“ Mein erster Gedanke war, das müsse die Mutter von jemandem sein, den ich von früher kenne. Tatsächlich erzählte sie mir dann, dass wir damals in Mettmann zusammen in dieselbe Klasse gegangen sind. Es war ein Schock. (Lacht.)

Das Lied heißt „Nichts bleibt für die Ewigkeit“ – denken Sie manchmal darüber nach, was von den Hosen bleiben wird?

Campino: Ich fände es natürlich schön, wenn ein paar Melodien populär blieben und sich manche daran erinnern. So wie manchmal Songs aus den Zwanzigern ausgebuddelt werden. Aber es kann nicht unser Antrieb sein, irgendeine Art von Vermächtnis zu hinterlassen. Dieser Anspruch würde sich fürchterlich hochtrabend anfühlen. Wir sind mit diesen Liedern als Soundtrack für unser Leben sehr gut durchgekommen – und der letzte Lacher ist vielleicht unsere Verabredung auf dem Düsseldorfer Südfriedhof. Die Vorstellung, dass irgendwann einmal Grundschulklassen auf dem Südfriedhof die lokalen Helden der Stadt besuchen, finde ich vollkommen okay. (Lacht.)

Welche Lieder sollten die Band überdauern?

Campino: Da habe ich keine Präferenzen. Es gibt Stücke wie „Nur zu Besuch“ oder „Draußen vor der Tür“, bei denen ich den Eindruck habe, Menschen berührt zu haben. Es ist für mich immer ein besonderes Geschenk, wenn Leute zu mir sagen, dass sie meine Gefühle aus einem Lied teilen oder es ihnen durch eine schwierige Zeit geholfen hat. Das ist schön.

Ein Titel, von dem ich mir denken könnte, dass er bleibt, ist „Hier kommt Alex“. Da singen Sie „Jeder Mensch lebt wie ein Uhrwerk, wie ein Computer programmiert“ – 1988 war das geradezu prophetisch.

Campino: Alex ist ja der Protagonist aus dem Roman „A Clockwork Orange“ von Anthony Burgess. Von diesem Buch und von Huxleys „Schöne neue Welt“ war ich immer schon fasziniert. Das Motiv des vom System kontrollierten Bürgers und von einigen Burschen, die dagegen rebellieren, war für uns spannend – im Grunde ist das ein Leitmotiv der Punkszene, sei es in Düsseldorf oder London. Deshalb haben wir uns mit Freude in die Arbeit geworfen, diese Musik fürs Theater zu schreiben. (Campino und Gitarrist Andreas von Holst schrieben dieses und andere Lieder für Bernd Schadewalds Inszenierung von „A Clockwork Orange“ 1988 an den Kammerspielen Bad Godesberg. Die Musik erschien mit einigen anderen Songs auf dem Album „Ein kleines bisschen Horrorschau“; Anm. d. Red.)

Ist diese Neugierde auf andere Sparten – sei es als Band oder einzeln wie etwa Ihre Arbeit mit Filmemacher Wim Wenders – ein Grund dafür, dass Sie sich als Künstler entwickelt haben?

Campino: Wenn jemand das Wort „Künstler“ im Zusammenhang mit meiner Person oder uns als Band ausspricht, wird mir immer ein bisschen schwindelig. Wir haben mit den Toten Hosen oft noch das Gefühl, uns eher bei den Handwerkern einzureihen, die sicherlich auch einen ordentlichen Tisch hinkriegen. Ob man das schon zu Kunst zählen kann, weiß ich nicht. Aber wir hatten eine unheimliche Freude, unsere Nase in Dinge zu stecken, die uns nichts angehen – und über unsere Grenzen zu gehen. Das aber nicht nach dem Motto „Jetzt wagen wir mal was“, sondern einfach weil es uns diebischen Spaß macht!

„Ich glaube, dass die Welt sich noch mal ändern wird“. Sind Sie Optimist?

Campino: Das war von uns früher ironisch gemeint. Eigentlich war „Wünsch dir was“ 1993 eine zynische Abrechnung mit Helmut Kohls „blühenden Landschaften“. So war der Song angelegt. Dann wurde er veröffentlicht – und wir bekamen wahnsinnig viele Briefe von Menschen, die sich bedankten, dass wir endlich mal was Positives schrieben. Ich wurde hier von der Interpretation überholt, habe mir aber gedacht: Wenn die Menschen das so sehen, will ich nicht der Spielverderber sein. Ich habe mich daher ergeben: Das Lied ist ein positiver Beitrag und vermittelt Zuversicht!

„Hauptsache zusammen und mit dem Kopf durch die Wand!“ Ist das die Zeile, die über 40 Jahre Hosen stehen könnte?

Campino: (Denkt nach.) Gelegentlich. Gott sei Dank haben wir es nicht immer versucht. Denn manchmal waren die Beulen sehr schmerzhaft – und die Tür war eh oft nur zwei Meter links oder rechts. Wir mussten vor allem lernen, uns nicht immer vor uns selbst beweisen zu wollen, sondern uns so zu akzeptieren, wie wir sind.

Auch interessant

Kommentare