Barocky Horror Picture Show

Christian Gerhaher glänzt im dunklen "Orfeo"

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Christian Gerhaher.

München - Christian Gerhaher glänzt in "L'Orfeu" im Prinzregententheater. Der 44-Jährige setzt mal wieder Maßstäbe, hat sich – ohne auf volle Töne zu verzichten – diese Rolle einverleibt.

Und dann sitzt man da und grübelt über dem Schlussbild. Christian Gerhaher würgt derweil lächelnd die Ovationen ab, reiht sich sofort in die Riege der Kollegen ein und zeigt: Die Ovationen gebühren allen.

Womit der Münchner Ausnahme-Bariton nicht ganz recht hat. Denn alle anderen verdienten großen Applaus und einige Bravorufe redlich, beim zweiten und den folgenden Vorhängen zunehmend stürmischer – aber die Begeisterung gebührt Gerhaher als Orfeo in Monteverdis Mutter aller Opern, L’Orfeo aus dem Jahr 1607.

Nix zu grübeln bei diesem Orpheus: Der 44-Jährige setzt mal wieder Maßstäbe, hat sich – ohne auf volle Töne zu verzichten – diese Rolle einverleibt, sticht schon rein altersmäßig heraus aus seinen blutjungen Kollegen. Das ist sinnvoll: Dieser Orpheus, sagt uns Regisseur David Bösch, passt nicht in die Welt – nicht in den extrovertierten Jubel über seine Hochzeit mit der allerliebsten Euridice (sinnlich und stimmsicher: Anna Virov­lansky), nicht in die Happy-Hippie-Zeit. Bösch siedelt seine Inszenierung, wie’s ein Hochzeitsbanner verrät, am 20.7.1974 an, also genau 40 Jahre nach dieser Premiere.

Mehr Hingucker als Hirnfutter ist der herrlich marode VW Bully, den die junge Rasselbande von der Zürcher Singakademie auf seine Stoßdämpfer testet. Der Wagen hält’s aus. Passt zur Robustheit von Monteverdis großer Musik, aus der Bösch alles Lichte verbannt. Die Bühne ist eine graue Rumpelkammer, als einzig sinnliche Elemente dienen die aufblasbaren überdimensionalen Blumen, die für das Hochzeitspaar meterhoch in den Himmel wachsen. Von der Musik, dem Freudentaumel, der naiven Idylle ist das so weit weg wie ein Bully-Motor von einem Ferrari Testarossa.

Aber: Das stört nicht. Weil das Konzept durchgehalten wird und mitreißt, weil die Personen stark geführt sind, weil sie so viel „Kuhwärme“ mitbringen. Das liegt auch am großartigen Prolog der Musica: Angela Brower singt und spielt ihre Rolle (auch die der Speranza) mit solcher ­Naivität und mitreißender Menschlichkeit, dass sie ruckzuck das ausverkaufte Haus verzaubert.

Apropos Zauber: Bösch bedient die dunkle Magie. Sein Team, Falko Herold (Kostüme und Video), Patrick Bannwart (Bühne) und Michael Bauer (Licht), zitiert in der Unterwelt munter in der Kunstgeschichte, zeigt Ork-Gestalten, weiße Todesbräute aus etwaigen Zombie-Filmen, haarige Zottelgestalten (herrlich eklig: Andrew Harris’ Pluto), von der Decke hängende Seelen wie aus einem Barock-Gemälde – das ist alles schaurig schön, faszinierend und kein bisschen abgegriffen. Prinzip: David Lynch statt Alfred Hitchcock, Grauen statt kalkulierte Spannung – Barocky Horror Picture Show. Inklusive Grab, in dem sich Orfeo verzweifelt herumwälzt und zum Schluss auch seine Euridice mitnimmt.

Und deshalb grübeln wir noch immer: Warum sind sie vereint im Grab? Warum fährt Orfeo nicht auf in den Himmel, sondern schlitzt sich die Pulsadern auf? Weil Bösch diesem naiven Glauben nicht traut, dass es himmlische Erlösung nach dem Leid gibt? Aber mit Erlösung, mit Wiedervereinigung der Liebenden hat dieses Ende im Grab auch nichts zu tun: Der Horror geht weiter.

Mit federnd leichter Lässigkeit geht’s hingegen im Graben zu. Fein, weil die Musik schwingt und klanglich betört. Aber ein bisserl seufzen darf man schon: Als Sir Ivor Bolton in der Jonas-Ära noch regelmäßig Barock mit den Staatsorchester-Spezialisten zelebrierte, waren Präzision und Passion stärker.

Egal: Insgesamt darf man ein musikalisches Fest, einen dunklen Psychotrip und einen einmaligen Hauptdarsteller sehen. So lässt man sich die Hölle schmecken. Vom Hellen erzählt uns Bösch ohnehin fast nichts.

Matthias Bieber

Wieder am 23, 25., 27. und 30. Juli im Prinzregententheater, Karten-Tel. 2185 - 1940.

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