Debüt beim BR-Symphonieorchester

Christian Thielemann zurück in München: „Ich bin jetzt auf dem Toleranz-Trip“

Christian Thielemann am Pult im Gasteig
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Statt Bruckners Fünfter vor vollem Saal dirigiert Christian Thielemann ein Geisterkonzert mit Schumann und Strauss.

Das Ensemble hat ihm gerade noch gefehlt. Tatsächlich debütiert Christian Thielemann erst in dieser Woche beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks. Ursprünglich sollte Bruckners Fünfte auf den Pulten liegen, jetzt dirigiert der 62-Jährige im Gasteig ein Geisterkonzert mit Ouvertüre, Scherzo und Finale von Robert Schumann sowie der Fanfare „Wiener Philharmoniker“ und der ersten Bläser-Sonatine, beides von Richard Strauss. Für den Chef der Staatskapelle Dresden und früheren Generalmusikdirektor der Münchner Philharmoniker auch eine emotionsbeladene Rückkehr an die Isar.

Warum debütieren Sie erst jetzt beim BR?

Das Orchester hatte mich schon oft gefragt. Auch von der Bayerischen Staatsoper gab es Gastierangebote. Doch als ich Chef bei den Münchner Philharmonikern war, habe ich mir immer gedacht: Ich muss einem Orchester treu sein. Gerade weil es seinerzeit zu einer Markenbildung kam. Und nach meinem Abschied aus München gab es ein Zeitproblem. Abgesehen davon kenne ich viele BR-Musiker – nämlich diejenigen, die regelmäßig in Bayreuth spielen.

Ist das jetzt eine Genugtuung? Weil Sie zurück in München sind, aber nun beim anderen Orchester?

Nein. Ich mag München sehr und vermisse es – gerade als Gegenpol zu Berlin. Jede dieser beiden Städte hätte gern das, was die andere hat. Mir gefällt die herrliche Lage und die gemütliche Mentalität. Es waren ja schöne Jahre mit den Philharmonikern. Am Schluss gab es einen Missklang. Aber es war damals geplant, dass wir uns über Gespräche wiederfinden sollten. Ich konnte ja nicht ahnen, dass ich bei der Dresdner Staatskapelle einspringen würde – und die mich drei Wochen später fragen, ob ich Chefdirigent werden wolle. Ansonsten wäre ich in München geblieben. Eine Partnerschaft wird schließlich nach Krisen umso stärker. Im Grunde kann ich nur Loblieder auf diese Stadt singen. Insofern ist es eine Genugtuung, überhaupt wieder in München zu sein.

Sie sind ein Mann der großen Orchesterbesetzungen, der Sahnetorten-Stücke. Wie geht es Ihnen in der Corona-Zeit mit den reduzierten Orchestern und Programmen?

Das ist gar nicht so schlimm. Ich habe zum Beispiel die Bläser-Sonatine von Strauss, die wir jetzt spielen, schon mit den Dresdnern aufgenommen. Ein tolles Stück. Das wird ein Fest, gerade mit den BR-Bläsern. Schumanns Ouvertüre, Scherzo und Finale dürfte das Orchester außerdem lange nicht gespielt haben. Da macht sich also eine kleine Goldgräberstimmung breit. Bruckners ursprünglich geplante Fünfte läuft uns ja nicht weg.

Strauss nannte seine Sonatine „Aus der Werkstatt eines Invaliden“. Ist das Tiefstapelei, oder probiert er wirklich Neues aus?

Er meinte damals ironisch: Ich komponiere keine Opern mehr, und damit mein Handgelenk nicht einschläft, schreib’ ich Euch was Nettes. Eine unerhörte Tiefstapelei eines äußerst charmanten Menschen. Das Werk mag man sofort. Aber wie oft beim späten Strauss erschließen sich erst beim dritten, vierten Hören alle wunderbaren Facetten und die geniale Instrumentierung. Das Stück hat etwas heiter Ergebenes, ohne oberflächlich zu sein. Als ich zum Beispiel erstmals seine späte Oper „Capriccio“ hörte, war ich fast ein bisschen enttäuscht. Erst mit der Zeit erschließt sich das. Diese Werke sind weniger für ein Publikum gedacht, das gleich den Effekt haben möchte.

Gibt es vielleicht Stücke, die eher Interpretenwerke sind? Pfitzners „Palestrina“, Haydns „Jahreszeiten“, Strauss’ „Capriccio“ – alles Werke, die den Dirigenten besser gefallen als ihrem Publikum?

Was für eine gemeine Frage. Aber es stimmt! Es hat wohl auch damit zu tun, dass das Publikum in diese Stücke gar nicht eintauchen kann, weil sie weniger gespielt werden. Und beim Strauss’schen Spätwerk liegt es noch daran, dass er immer überfeinerter, fast überraffiniert wurde. Als Interpret ergötzt man sich an diesen Details. Und der Kenner im Publikum auch. „Till Eulenspiegel“ dagegen fetzt sofort. Was noch hinzukommt bei den Spätwerken: Sie sind furchtbar schwer zu realisieren.

Es gibt keinen anderen Komponisten, der in seinen Werken so offensiv „Ich“ sagt, also Autobiografisches einfließen lässt. Ist das nicht eitel?

Ich finde den Strauss unglaublich sympathisch. Jeder, der was Übles über ihn sagt, hat bei mir schlechte Karten. Ich hab’ mir  mal überlegt: Welche drei Komponisten würdest du gern kennenlernen? Bei mir sind dies das Glückskind Mendelssohn Bartholdy, Liszt mit seinem weiten Herzen und ganz besonders Strauss. Der hätte nach einer „Capriccio“-Probe wahrscheinlich gesagt: „So, jetzt gehen wir ins Hofbräuhaus, trinken Bier, essen einen Schweinsbraten und spielen Skat.“ Wenn so einer „Ich“ sagt in seinen Werken, kann man ihm doch das nicht übelnehmen. Ich wünschte mir manchmal, ich hätte mehr vom Strauss. Aus seinem Munde wirken fest gefasste Meinungen nie kontrovers.

Warum wollen Sie eigentlich Wagner nicht kennenlernen?

Der hätte mich wohl enttäuscht. Ich hätte auch Angst vor einer Begegnung mit Beethoven und Bach. Vielleicht hätte ich mir dann gedacht: Das soll der große Beethoven gewesen sein? Der Schöpfer der Hammerklaviersonate und des Benedictus-Solo aus der Missa Solemnis?

Strauss hat beim Dirigieren kaum große Bewegungen gemacht. Ist das auch ein Vorbild in der Körpersprache? Sie reduzieren Ihre seit einigen Jahren ja auffällig.

Absolut. Ich habe irgendwann mit dem Gerudere aufgehört. Auch weil ich gemerkt habe: Das bin ja gar nicht ich. Ich war halt jung, überbordend vor Kraft und wollte das austesten. Die Veränderung kam auch durch Bayreuth. Wenn Sie dort „Tristan“ dirigieren bei 33 Grad, überlegen Sie sich sehr schnell, wie groß Sie dirigieren – damit Sie nicht schon nach dem Vorspiel mit dem Krankenwagen zur Hohen Warte gefahren werden. Mit weniger, so merkte ich, kommt man viel weiter. An den richtigen Stellen kann man ja loslegen.

Ist das eine besondere Form von Machtausübung, wenn man den kleinen Finger bewegt, und ein 90-köpfiges Orchester folgt sofort?

Jein. Es ist eher kein Machtgefühl. Man stellt fest, wie blöd man früher war. Das mag jetzt arrogant klingen: Aber für solche Reduzierungen muss man wirklich älter werden. Wenn ein junger Dirigent vor einem Orchester steht und wenig macht, heißt es gleich: Was für ein lahmer Vogel, der hat ja kein Temperament. Das Wesen eines kleinen Schlages ist, dass dieselbe Intensität wie bei einem großen vorhanden sein muss. Ein Pianissimo klingt auch erst, wenn es so intensiv wie ein Fortissimo ist. Für all das braucht es natürlich die richtigen Mitspieler, also gute Orchester.

Was vermissen Sie gerade am meisten?

Na, die privaten Kontakte. Einfach ins Restaurant gehen, zusammensitzen und mal nicht von Corona reden. Ich bin kein großer Reisefan. Aber gerade jetzt habe ich Lust darauf. Und ich habe Lust auf Lampenfieber. Im Grunde masochistisch. Aber dass es sich gerade gar nicht mehr einstellt, weil man nicht mehr auftritt... Ich hasse die Nachmittage im Hotel vor dem Auftritt, jetzt sehne ich mich nach dieser Unruhe. Auch nach dem Bonbonpapierknistern, nach den Hustern, nach dem ekstatischen Aufschrei am Schluss – oder auch nach einem Buh.

Kommen Sie denn zurück zum BR?

Das will ich hoffen! Es ist ganz komisch: Ich hatte ja lange kein Debüt. Das letzte war 2003 bei der Dresdner Staatskapelle. Ich habe übrigens nie an der Münchner Staatsoper dirigiert.

Dazu dürfte es in den nächsten Jahren auch nicht kommen während der Intendanz von Serge Dorny, mit dem Sie große Probleme vor seiner Fast-Intendanz in Dresden hatten.

Ach, wissen Sie, in der jetzigen Zeit können sogar Saulusse zu Paulussen werden. Adenauer sagte immer, „man muss jönne könne“. Ich habe keine Lust mehr auf Auseinandersetzungen, das Leben ist gerade merkwürdig genug geworden, wie wir sehen. Ich bin jetzt auf dem Toleranz-Trip.

Das Gespräch führte Markus Thiel.

Übertragung als Live-Stream
am 16. April, 20.30 Uhr, unter br-so.de, danach dort weiter abrufbar.

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