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Marianne Faithfull wird 75 und öffnete ihr Poesie-Album

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Von: Michael Schleicher

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Marianne Faithfull auf der Bühne
Marianne Faithfull liest auf ihrem neuen Album britische Lyrik. © FRANCOIS GUILLOT

„As Tears go by“ und „The Ballad Of Lucy Jordan“ waren ihre größten Hits. Marianne Faithfull überstand Drogenexzesse mit den Rolling Stones, Brustkrebs und eine schwere Corona-Infektion. Ob sie nochmal singen kann, ist fraglich. Am 29. Dezember 2021 feiert die britische Künstlerin 75. Geburtstag. Zuletzt erschien ihr Album „She walks in Beauty“.

Natürlich hat sie dieses Album nicht dem Tod abgetrotzt. Gleichwohl fehlte nicht viel, und Marianne Faithfull hätte die Veröffentlichung von „She walks in Beauty“ nicht erleben dürfen. Die britische Künstlerin ist im vergangenen Jahr sehr schwer an Corona erkrankt, das Schlimmste stand zu befürchten. Doch sie hatte Glück – und obendrein sehr gute Mediziner in London, die ihr Leben retteten. So konnte sie nicht nur im Frühsommer die Veröffentlichung ihrer neuen Platte feiern, sondern am 29. Dezember auch ihren 75. Geburtstag.

Marianne Faithfull leidet noch an den Folgen der Corona-Infektion

Gesund ist die britische Sängerin freilich bis heute nicht. „Vielleicht bin ich nie wieder in der Lage zu singen“, sagte Faithfull unlängst dem britischen „Guardian“. Ihre Ärztin habe prognostiziert, dass sich ihre Lungen wohl nicht von der Covid-19-Infektion erholen werden. „Kann sein, dass das Singen vorbei ist. Ich wäre unglaublich erschüttert, aber auf der anderen Seite: Ich bin 74.“ Trotz allem wolle sie „hoffnungsvoll“ sein. „Ich bin verdammt noch mal immer noch hier.“

Das ist sie – und zwar mit einer schier unglaublichen Präsenz. „She walks in Beauty“, benannt nach dem Gedicht von Lord Byron (1788-1824), ist Faithfulls Poesie-Album: besonders, berührend, beeindruckend. Zu schwebenden Arrangements liest sie britische Lyrik des 19. Jahrhunderts, neben Byron etwa von John Keats, Percy Shelley, William Wordsworth, Thomas Hood.

Die Aufnahmen fanden zu Beginn des ersten Lockdowns im vergangenen Jahr statt. Mit getragener, mitunter brüchiger, angenehm ruhiger und an passender Stelle pathetischer Stimme spricht die Sängerin und Schauspielerin (Wer sie in „Irina Palm“ nicht gesehen hat, hat etwas verpasst. Wirklich.) die Gedichte, spürt den Worten und ihrer Bedeutung nach.

Nick Cave übernahm die Klavier-Parts

Die Einspielungen schickte sie damals an den australischen Komponisten und Multiinstrumentalisten Warren Ellis, der die passenden Melodien und Atmosphären dazu webte. Nick Cave, in dessen Band Ellis unter anderem aktiv ist, übernahm die meisten Klavier-Parts, Brian Eno realisierte die Soundcollagen (wundervoll das Vogelzwitschern zur Eröffnung!) und Vincent Ségal spielte das Cello. Während sich die Musik oft anschleicht und behutsam in den Klangraum tastet, ist Faithfulls Interpretation der elf Texte sofort und auf den Punkt da.

Marianne Faithfull hat sich bereits mit Brecht und Weill beschäftigt

„She walks in Beauty“ ist indes nicht die erste Beschäftigung der Britin, die den österreichischen Schriftsteller Leopold Ritter von Sacher-Masoch (1836-1895) zu ihren Vorfahren zählt, mit Lyrik. Erinnert sei an ihre eindrucksvolle Auseinandersetzung mit Bertolt Brecht und Kurt Weill, die sich 1998 auf der Platte „The Seven Deadly Sins and other Songs“ niederschlug. Zudem tourte sie, als das noch möglich war, mit Shakespeare-Sonetten über britische Bühnen. Ihre Begeisterung für die englischen Dichter der Romantik reiche bis in ihre Teenager-Zeit zurück, verrät Faithfull im Pressematerial zum neuen Album. Der Literaturkurs ihrer Lehrerin Mrs. Simpson habe daran entscheidenden Anteil gehabt – doch ging sie schließlich mit 16 nach London und elektrisierte mit dem Song „As Tears go by“ von Mick Jagger und Keith Richards die Musikwelt. Die Zeichen standen fortan auf Rock’n’Roll statt Rezitation, auf Drogen statt Dichtung. „Ich habe all das nie vergessen“, zitiert die Plattenfirma Faithfull. „Nach all den Jahren habe ich nun wieder an diesen Fäden gezogen, und sie bedeuten noch immer etwas, berühren sogar noch mehr in mir – weil ich jetzt Lebenserfahrung habe. Lebens- und Nahtoderfahrung. Viele Male. Nicht nur einmal.“

Klingt düster – doch ist das Album sehr viel mehr als das. Im schönsten, eindrucksvollsten Beitrag, „Ode to a Nightingale“ von John Keats (1795-1821), hebt die vierte Strophe mit diesen Versen an: „Away! Away! For I will fly to thee/ Not charioted by Bacchus and his pards/ But on the viewless wings of Poesy.“ Nicht von Bacchus, dem Gott des Rausches, will Faithfull hinweggebracht werden, vielmehr entflieht sie auf den „unsichtbaren Schwingen der Poesie“. Beglückend, ihr dabei zuzuhören.

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