1. tz
  2. München
  3. Kultur

Bayerns Corona-Regeln empören die Kultur-Szene - „Ob Söder jemals im Theater war?“

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Markus Thiel

Kommentare

Isarphilharmonie
Nur ein versprengtes Häufchen darf trotz vieler Beschränkungen in den Konzertsälen wie hier in der Münchner Isarphilharmonie Platz nehmen. © Tobias Hase

Ministerpräsident Markus Söder will der Gastronomie weiterhin 2G gestatten, bleibt in der Kultur aber bei 2G-Plus inklusive Maskenpflicht und 25-Prozent-Belegung. In der Szene ist man fassungslos.

München - Laute Gespräche am Wirtshaustisch, manch einer beugt sich noch dem Gegenüber entgegen, um besser zu verstehen – der Horror für Aerosolforscher, auch wenn alles mit 2G-Regel passiert. Und im Konzertsaal? Gähnt die Leere, weil nur 25 Prozent Besucherinnen und Besucher darin Platz nehmen dürfen, die geimpft oder genesen plus geboostert oder getestet (2G plus) und dann auch noch maskiert sind.

Nach dem Willen von Bayerns Ministerpräsident könnte dieses Ungleichgewicht bestehen bleiben: Markus Söder (CSU) möchte wie berichtet aus der Linie seiner Kolleginnen und Kollegen in anderen Bundesländern ausscheren und der Gastronomie weiter 2G gönnen – während er der Kultur weit darüber hinausgehende Corona-Regeln zumutet. (Lesen Sie dazu auch unser Interview mit Serge Dorny, Intendant der Bayerischen Staatsoper.)

Corona in Bayern: Kultur sauer über schärfere Regeln als für die Gastronomie

Auf heftige Kritik ist diese Haltung am Wochenende in Bayerns Kulturszene gestoßen, die sich bis an die Existenzgrenze (und darüber hinaus) benachteiligt fühlt. Der Tenor: Man wolle keinesfalls gegen die Gastronomie stänkern. Aber eine derartige Ungleichbehandlung sei nicht mehr hinnehmbar – gerade vor dem Hintergrund, dass es in Theatern, Opernhäusern und Sälen weitaus sicherer sei als in Restaurants. Und dies nicht nur wegen der restriktiveren Bestimmungen, sondern auch aufgrund effektiverer Lüftungs- und Hygienekonzepte.

„Wann Söder zuletzt wohl im Theater war?“, twitterte zum Beispiel Sanne Kurz, Kultursprecherin der Landtags-Grünen. „Ob er jemals im Theater war? Ob das Virus in bayerischen Theatern (2G plus, Maske) gefährlicher ist als in bayerischen Wirtshäusern (2G, keine Maske), wo das gute Bier alles desinfiziert? Ob der Verfassungsrang Kultur nur Wirtshauskultur meint?“

Unverständnis herrscht auch bei den Münchner Philharmonikern. Die bekommen wie andere Anbieter zu spüren, dass manchmal nicht einmal die erlaubten 25 Prozent der Tickets verkauft werden können. Die Pandemie-Regeln haben offenbar die Kultur endgültig mit dem Malus „macht krank“ belegt. „Uns ist nicht klar, warum an einen Saal wie die Isarphilharmonie mitsamt neuester Lüftungstechnologie strengere Maßstäbe angelegt werden, als das in anderen Bereichen mit vermutlich ungünstigeren Lüftungsbedingungen und ohne Maskenpflicht der Fall ist“, teilt Philharmoniker-Intendant Paul Müller auf Anfrage mit.

Bayerns Kultur in der Pandemie - Münchner Philharmoniker: „Die Konzertsäle sind sicher!“

Gerade vor dem Hintergrund zusätzlicher Sicherheitsstandards in der Kultur sei eine höhere Auslastung als 25 Prozent zu rechtfertigen – wie in anderen Bundesländern. „Der bundesweite Blick scheint aber gar keine Rolle zu spielen.“ Für das Orchester steht fest: „Die Konzertsäle sind sicher! Dass die momentan geltenden Regeln einen anderen Eindruck suggerieren, ist ärgerlich genug.“

Andreas Schessl, der für sein Unternehmen MünchenMusik vor Gericht gegen die Ungleichbehandlung vorgeht, sieht sich in seiner Klage bestätigt. „Nach wie vor sind wir sehr darüber enttäuscht, dass gerade von der Kultur immer wieder Sonderopfer erzwungen werden“, sagt er. Wenn Bayerns Ministerpräsident skeptisch sei, dass die von Bund und Ländern beschlossene 2G-plus-Regel für die Gastronomie sinnvoll sei, müsse man fragen: „Aber für die Kultur schon? Da kommt man als Veranstalter an seine Grenzen.“

Ungewöhnlich deutliche Worte kommen aus Augsburg vom Staatsintendanten des dortigen Theaters. „Wider alle wissenschaftliche Erkenntnisse und Studien“ werde die Kultur seit Beginn der Pandemie „bewusst zurückgesetzt“, sagt André Bücker unserer Zeitung. „Das ist doch alles nicht mehr nachvollziehbar, was hier an Regeln erlassen wird.“ Er sei fassungslos und könne nur den Kopf schütteln. „Warum ist das euch so komplett egal, was mit der Kultur in unserer Gesellschaft passiert? Ich hoffe, man hat genug Besen bestellt, um am Ende die Scherben zusammenzukehren.“ *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

Auch interessant: 14.500 EM-Zuschauer? Kulturamts-Chef ist „maximal erstaunt“ - und rügt weiteren „absurden Vorgang“

Auch interessant

Kommentare