Fraunhofer Institut untersucht Ausbreitung von Aerosolen

Corona-Studie macht Hoffnung: Kaum Ansteckungsgefahr in Konzertsälen und Theatern

Fast leerer Münchner Herkulessaal
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Nur 50 Zuhörer im Herkulessaal - eine übertriebene Vorsichtsmaßnahme, wie die Studie nahelegt.

Die Hälfte der Plätze in Konzertsälen und Theatern lassen sich gefahrlos belegen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Fraunhofer Instituts. Die Forscher gehen sogar noch weiter.

Als im vergangenen Sommer die Besucher der Salzburger Festspiele ihre Plätze einnahmen, wurde es manchem mulmig. Nur ein Sitz Abstand zum nächsten, der Saal im Schachbrettmuster mit bis zu 1000 Zuhörern besetzt – kann das gut gehen? Keinen einzigen Corona-Fall musste das Festival melden. Und eine Studie des Fraunhofer Instituts liefert nun dazu eine weitere wissenschaftliche Untermauerung.

Die Ansteckungsgefahr in Konzertsälen und Theatern sei viel niedriger als befürchtet, ist ein Ergebnis. Mehr noch: Die Hälfte der Plätze könne unter bestimmten Voraussetzungen fast ohne Ansteckungsgefahr belegt werden. Durchgeführt wurde diese Studie im Dortmunder Konzerthaus. Dazu wurde eine spezielle Puppe in den Saal gesetzt, die künstliche Aerosole ausstieß. Überdies nahmen Mitarbeiter des Konzerthauses und Mitglieder der Philharmoniker als Freiwillige teil. Die Aerosole wurden gemessen, die Resultate dürften bei Kulturpolitikern für große Überraschungen sorgen.

Dortmunder Ergebnisse offenbar übertragbar auf andere Säle

Auch bei dicht sitzendem Publikum mit Mund-Nasenschutz gibt es laut Fraunhofer Institut kaum Ansteckungsgefahren durch Aerosole. Die Forscher betonen, dass dies nicht spezifisch für den Dortmunder Raum sei. „Die Ergebnisse lassen sich sehr gut auch auf andere Konzert- und Theatersäle bundesweit übertragen“, erklärt Professor Heinz-Jörn Moriske, Leiter der Kommission Innenraumlufthygiene im Umweltbundesamt. „Voraussetzung ist eine ähnliche Größe und Belüftungsanlage wie in Dortmund.“

Wichtig sei immer, dass die Luft nach oben abgesaugt wird. Das gesamte Volumen müsse dabei wie in Dortmund in rund 20 Minuten austauschbar sein. Da viele Häuser über eine ähnliche Lüftung verfügen, gilt die Studie also auch dort. Sogar für eine hundertprozentige Auslastung finden die Forscher Argumente: Je mehr Menschen sich im Raum befinden, desto schneller steigen durch die Wärme Aerosole nach oben. Wolfgang Schade, Professor am Fraunhofer Heinrich Hertz Institut in Goslar, empfiehlt dennoch, den Platz vor einem Zuhörer frei zu lassen. „Dann kann man eine Infektion nahezu ausschließen“, sagte er dem Deutschlandfunk. Der Mund-Nasenschutz, darauf wird in der Studie hingewiesen, sei weniger erforderlich für das Sitzen im Saal, sondern vielmehr bei Engpässen wie an Eingängen oder Garderoben.

Für Intendanten und Saal-Manager kommen die Ergebnisse nicht unbedingt überraschend. Die Bayerische Staatsoper und der Münchner Gasteig nahmen bekanntlich im Herbst an einer Pilotstudie des Freistaats teil – bis diese durch den Lockdown abgewürgt wurde. Bei entsprechenden Hygiene-Konzepten, so ergab die Untersuchung, könnten problemlos 500 Plätze besetzt werden.

Argumente für eine bevorzugte Behandlung der Kultur

Die aktuelle Expertise des Fraunhofer Instituts entfaltet Brisanz mit Blick auf die Öffnung der Theater, Kinos und Konzertsäle. Noch vermeidet die Politik geradezu krampfhaft, davon zu sprechen oder dies in Aussicht zu stellen. Die Ergebnisse lassen sich aber nicht anders interpretieren, als dass eine Beschränkung auf 200 oder nur 50 Besucher, wie sie in Bayern praktiziert wurde, nicht notwendig bis übertrieben ist.

Damit liefern die Wissenschaftler Argumente, die Kultur im Vergleich zu Restaurants oder Läden womöglich bevorzugt zu behandeln. Das käme dem Publikum zugute, erst recht Künstlerinnen und Künstlern. „Das beste Hilfsprogramm, das man bieten kann, ist, dass man Konzerthäuser und Theater wieder aufmacht“, sagte der Dortmunder Konzerthaus-Intendant Raphael von Hoensbroech im WDR. „Weil die dann ein Einkommen und eine Lebensgrundlage haben.“

In Nordrhein-Westfalen hat die Landesregierung reagiert und Arbeitsgruppen mit Vertretern von Kulturinstitutionen einberufen, die sich mit Strategien zur Wiedereröffnung nach dem Lockdown beschäftigen. Ähnliches ist von Bayern nicht bekannt.

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