Ian Gillan im tz-Interview

Deep-Purple-Sänger: "Es ging immer nur um leichte Mädchen"

+
Ian Gillan.

München - Ein wenig wie einer dieser weltfremden, aber sympathischen Professoren wirkt Ian Gillan, als er unseren tz-Reporter zum Interview empfängt. Und dass, obwohl er einst als Feierbiest galt.

Ein Interview mit einem Rockstar am frühen Vormittag ist eher ungewöhnlich. Aber Ian Gillan, Sänger der legendären Band Deep Purple, ist ein Morgenmensch.

Auch an diesem Tag sei er seit sechs Uhr morgens wach und schreibe an einem Songtext, erzählt er. Entspannt und freundlich empfängt der 69-Jährige und wirkt wie einer dieser leicht weltfremden, aber sympathischen Professoren, wie man sie aus britischen Filmkomödien kennt.

Kaum vorstellbar, dass Gillan einst als besonders wildes Feierbiest der Rockszene galt. Über den ehemaligen Purple-Gitarristen Ritchie Blackmore lässt er keine Silbe fallen und irgendwie hat man keine Lust, ihm damit auf die Nerven zu gehen. Dazu ist Gillan einfach zu nett. Am 26. November tritt er wieder mit Deep Purple in der Münchner Olympiahalle auf.

Waren Sie schon in den 70ern ein Frühaufsteher?

Ian Gillan: Damals haben wir eigentlich gar nicht geschlafen. Ich ging ins Bett und stand gleich wieder auf.

Wie fühlt es sich an, als Rockstar 70 zu werden? 

Gillan: Wenn die Leute mich nicht ständig darauf ansprächen, würde ich es gar nicht merken. Obwohl: natürlich spürt man den körperlichen Verfall. Manchmal hört man beim Spazierengehen ein merkwürdiges Geräusch und hat Angst, das ist der eigene Rücken oder ein Gelenk. Aber dann sieht man, dass irgendetwas von einem Baum auf den Boden gefallen ist, und ist sehr erleichtert. Aber es wird mich beschäftigen, weil ich herausfinden muss, wann Schluss ist mit den Auftritten.

Sie wurden Jahrzehnte von der Kritik niedergemacht und seit einigen Jahren über den grünen Klee gelobt, insbesondere die Live-Auftritte ...

Gillan: Als wir anfingen, wollten wir einfach nur eine gute Zeit haben und unsere Musik genießen. Was man über uns sagte, war uns egal. Zu Beginn galten wir als angesagte Underground-Band, weil uns die Medien ignorierten. Wir haben immer gerne live gespielt, und manchmal wussten wir nicht recht, was um uns herum gerade passierte, aber das war ja das Interessante. Wir sind immer an allen Trends und Nicht-Trends vorbeigerauscht, und wir waren oft mit uns selbst beschäftigt.

Mit manchen Bandmitgliedern arbeiten Sie seit über 40 Jahren. Wie bekommt man das hin? Eine Band ist ja nicht wie ein Büro, wo man einen Kollegen, der nervt, ignoriert. 

Gillan: Wir sind sehr, sehr unterschiedliche Charaktere. Politisch ist bei uns das ganze Spektrum vertreten, wir unterstützen rivalisierende Fußballteams, unsere Lebensstile unterscheiden sich extrem. Es ist kompliziert, aber letztlich hält uns die Musik zusammen. Das ist der Klebstoff der Band. Ansonsten halten wir es wie im Büro – wenn man sich außerhalb der Bühne nervt, geht man sich eben aus dem Weg.

Gibt es einen Deep-Purple-Song, den Sie am liebsten nicht mehr singen würden?

Gillan: Eigentlich nicht. Smoke on the Water ist wohl unser bekanntestes Stück, ich singe es auf Tour jede Nacht, und es macht mir immer noch Spaß. Weil es jedes Mal ein bisschen anders ist. Ich habe mal mit Luciano Pavarotti gearbeitet, und er meinte zu mir: „Ich habe Smoke on the Water jetzt sechs Mal von dir gehört und jedes Mal klang es ein bisschen anders. Wenn ich eine berühmte Arie einmal etwas anders singen würde, als man es von der Platte kennt, würden sie mich ans Kreuz schlagen.“ Ich genieße diese Freiheit und deswegen macht es auch immer noch Spaß.

Ihre neueren Texte sind sehr ambitioniert. Nicht, dass die alten schlecht waren ...

Gillan: Es ging immer nur um schnelle Autos und leichte Mädchen, ich weiß schon. Man schreibt immer über das, was einen gerade umtreibt, und in den 70ern waren es eben schnelle Autos und leichte Mädchen. Man wird irgendwann erwachsen und beginnt, sich bei seiner Reise durch das Leben über andere Dinge Gedanken zu machen. Als junger Mann fühlt man sich unverwundbar, ist radikal und glaubt die Welt erobern zu können. Als ich jung war, wusste ich alles. Heute muss ich einsehen, dass ich sehr wenig weiß. Und das beschäftigt mich. Ich denke mehr nach und das schlägt sich in den Texten nieder. Heute treiben mich politische Themen um, tiefe menschliche Beziehungen. Hoffentlich schreibe ich heute etwas geistreicher und subtiler, als ich es früher getan habe. Ich habe keine Scheu mehr, „poetisch“ zu schreiben, und ich freue mich jeden Tag darauf. So ist das mit dem Alter. Das Körperliche verblasst und die Spiritualität wird wichtiger.

Zoran Gojic

auch interessant

Meistgelesen

Die Fantastischen Vier in der Oly-Halle: Mit fantastischen Grüßen
Die Fantastischen Vier in der Oly-Halle: Mit fantastischen Grüßen
Hansi Kraus im Interview: „Wurde von meiner Familie betrogen“
Hansi Kraus im Interview: „Wurde von meiner Familie betrogen“

Kommentare