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Der Nächste bitte: Wer wird Chefdirigent der Münchner Philharmoniker?

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Von: Markus Thiel

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Münchner Philharmoniker
Orchester ohne Spitze: Mit der Chefwahl könnten die Münchner Philharmoniker ihre Neuerfindung komplettieren. © Judith Buss

Wer wird Nachfolger von Valery Gergiev bei den Münchner Philharmonikern? Ein paar Namen drängen sich förmlich auf - alles Dirigenten, die in diesen Wochen in der Isarphilharmonie gastieren.

Ein Schaulaufen und -dirigieren ist das. Wie kurzfristig angesetzt wirkt es und ist doch – bedingt durch die längerfristige Saisonplanung und Einspringerlösungen für Valery Gergiev – eher ein Zufallsprodukt. Denn wer auch immer Chefdirigent bei den Münchner Philharmonikern wird und damit Nachfolger des geschassten Russen: Die Wahrscheinlichkeit ist sehr hoch, dass der Name unter diesen Pultmännern zu finden ist, die derzeit beim Orchester gastieren.

Im Grunde sehen sich die Philharmoniker in einer komfortablen Lage. Alle möglichen Thronfolger haben sie schon ausprobiert. Allerdings müsste das Orchester (und mit ihm die politische Entscheidungsebene) von einer Sache Abstand nehmen: sich schon wieder Ruhm zu erkaufen, und dies mit teuren Stars, deren Namen zwar Renommee suggerieren, die aber nie eine familiäre Bindung zum Ensemble oder zum Publikum entwickelten. James Levine betraf das, Lorin Maazel, letztlich auch Gergiev, der sich zwar für seine Philharmoniker einsetzte, aber – auch vor dem Ukraine-Krieg – an der Isar nie so geliebt wurde wie etwa Mariss Jansons beim BR-Symphonieorchester.

Gergiev-Erbe: Zwei Dirigenten rücken fast automatisch ins Visier

Wichtigste Figur in der jetzigen Übergangszeit ist Philharmoniker-Intendant Paul Müller. Dem überlassen die Stadtmütter und -väter schon mangels eigener Kompetenz die Suche. Müller war es allerdings auch, der Gergiev seinerzeit beim Orchester durchdrückte – obwohl es schon damals kritische Stimmen wegen der mangelnden Eignung des Stars gab. Als Nachfolger des Putin-Freundes rücken zwei Kollegen automatisch ins Visier. Der eine, Klaus Mäkelä, ist Mitte Juni wieder zu Gast. Der 26-Jährige zählt zu den höchstgehandelten jüngeren Dirigenten, das zeigen allein seine Posten. Der Finne ist Musikdirektor beim Orchestre de Paris sowie Chefdirigent der Philharmoniker in Oslo. Was bedeutet: Er ist (noch) nicht frei – oder er müsste zumindest ein Amt abgeben. In Gesprächen über Mäkelä geraten selbst altgediente Musiker (auch aus anderen Orchestern) ins Schwärmen: Ein solches Talent tauche nur alle paar Jubeljahre auf.

Ähnliches gilt für den Kollegen Krzysztof Urbański. Der 39-Jährige steht Ende Juni wieder am Pult der Philharmoniker. Was den Polen, der unter anderem Erster Gastdirigent beim NDR Elbphilharmonie Orchester war, zusätzlich interessant macht: Er hat gerade, nach seinem Abschied vom Indianapolis Symphony Orchestra, keinen Chefposten. Umso schneller müsste die Stadt „zuschlagen“, will sie verhindern, dass ihr nicht ein anderes Ensemble zuvorkommt.

Beiden Dirigenten ist gemeinsam (auch wenn sie 13 Lebensjahre auseinander liegen), dass sie zu einer jüngeren, anderen Generation der Pultmänner gehören: stilistisch polyglott, neugierig, mit einem breiten Repertoire von der Wiener Klassik bis in die Moderne und zugleich aufgeschlossen gegenüber neuen Vermittlungswegen, was die sogenannte E-Musik betrifft. Gerade dies ist für die Münchner Philharmoniker vordringlich, erfinden sie sich doch in der Interimsspielstätte Isarphilharmonie neu. Dies zum Beispiel mit ungewöhnlichen Konzertformaten, die andere Publikumsschichten anlocken (was bereits sichtbar wird) und zu denen ein Pultmann alter Schule nur bedingt passt.

Vor allem aber könnten die Münchner Philharmoniker damit eine echte, frische Alternative bieten zum Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks. Das ist gerade durch Probleme beim Management ins Schlingern geraten und vertraut in Sachen Dirigenten weiter auf hochpreisige (Alt-)Stars, man denke nur an den künftigen Chef Sir Simon Rattle.

Ein wenig in diese Kategorie fällt auch Daniele Gatti. Der Italiener stand gerade in München am Pult und begleitete die Philharmoniker auf einer Kurz-Tournee nach Hamburg und Paris – beide Male als Einspringer für Gergiev. Obwohl Gatti Musikdirektor der römischen Oper ist, liegen die Stärken des 60-Jährigen im Symphonischen, und hier im großen romantischen Repertoire. Ein Erneuerer ist er also nicht unbedingt. Und noch ein Malus: Sein überstürzter Abschied vom Concertgebouworkest Amsterdam und die damit verbundenen #MeToo-Vorwürfe wurden öffentlich nie geklärt. Gatti scheint derzeit aber vor allem nach dem Chefposten bei der Staatskapelle Dresden zu schielen. Fragt sich nur, ob er dort als Nachfolger von Christian Thielemann auch bei allen sächsischen Entscheidungsträgern willkommen ist.

Tugan Sokhiev als Anti-Gergiev

Eine verführerische Lösung, und dies verbunden mit einer besonderen Pointe, böte Tugan Sokhiev. Bekanntlich hat der Russe gerade seine Ämter am Bolschoi-Theater in Moskau und beim Orchestre du Capitole de Toulouse niedergelegt. Durch Putin-Nähe ist der 44-Jährige nie aufgefallen. Umso mehr stieß er sich daran, dass man von ihm eine öffentliche Distanzierung verlangte. „Die Tatsache, dass irgendjemand mein Engagement für den Frieden infrage stellen und denken kann, dass ich als Musiker jemals für etwas anderes als den Frieden auf unserem Planeten eintreten kann, ist schockierend und beleidigend“, sagte er. Gerade sein Fall zeigt, welche Folgen die derzeit grassierenden Gesinnungsprüfungen haben können.

Sokhiev ist vor einigen Wochen bei den Münchner Philharmonikern eingesprungen. Auch hier wurde spürbar, welch herausragender Dirigent am Werk ist. Sein Vorteil gerade: Er ist ohne Chefposten, könnte also problemlos und ohne große Verzögerung an die Spitze des Ensembles rücken. Und er wäre – gerade durch den von ihm offen thematisierten und vorangetriebenen Karriereknick – eine Art Anti-Gergiev.

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