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Ein Jahr Taliban in Afghanistan: Kubra Khademi feiert die Frauen

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Von: Michael Schleicher

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Das Gemälde  „Like a wave in this slope“ der afghanischen Künstlerin Kubra Khademi.
Kubra Khademi stellt starke Frauen ins Zentrum ihrer Arbeiten, hier hier im Gemälde „Like a wave in this slope“. © © Bertrand Michau / © VG Bild-Kunst, Bonn 2022

Vor einem Jahr übernahmen die Taliban die Macht in Afghanistan. Besonders leiden Frauen und Mädchen unter den Islamisten. Die afghanische Künstlerin Kubra Khademi feiert in ihrem Werk die Weiblichkeit.

Es ist ein bitterer Jahrestag, inmitten aller anderen Nachrichten von aktuellen Krisen, Kriegen: Vor einem Jahr übernahmen die Taliban die Macht in Afghanistan. Menschenrechte gelten den militanten Islamisten nichts; Frauen und Mädchen spüren das besonders brutal. So stellt etwa Beat Wehrle, Vorstandssprecher von Terre des Hommes, fest: „Die Rechte von Frauen auf Bildung, Arbeit und Bewegungsfreiheit sind stark eingeschränkt und in vielen Fällen sogar ganz aufgehoben. Eine ganze Generation von Mädchen wird ihre Schulausbildung nicht abschließen können. Nach wie vor gehen Frauen und Mädchen auf die Straße, um dagegen zu protestieren. Sie alle riskieren willkürliche Verhaftungen.“

Kubra Khademi wurde 1989 in Afghanistan geboren

Diese und alle anderen Frauen feiert Kubra Khademi. Die Künstlerin, 1989 in der afghanischen Provinz Ghor geboren, musste 2015 aus ihrem Land fliehen, nachdem eine Fatwa gegen sie erlassen worden war: Am 26. Februar 2015 wurde sie zum „Symbol des weiblichen Widerstands gegen religiösen Fanatismus“, wie es im gerade erschienenen Buch „Kubra Khademi – Political Bodies“ (Hirmer Verlag, München, 160 Seiten; 29,90 Euro) heißt. Lediglich acht Minuten (danach musste die Performance abgebrochen und Khademi in Sicherheit gebracht werden) spazierte die Künstlerin damals durch Kabul. Über ihrer Kleidung trug sie einen Harnisch: Brüste, Po und Bauch wurden durch die Metallrüstung geschützt, aber auch betont. Das war zu viel für die Männer in den Straßen. Eine Filmsequenz dokumentiert, dass es nicht nur Taliban waren, die Kubra Khademi hier bedrängten, beschimpften, bedrohten. Die Künstlerin rettete sich nach Paris, wo sie heute lebt und arbeitet.

Körper sind politisch. Leider, noch immer. Die Afghanin musste das am eigenen Leib erfahren. In ihrem bildnerischen Werk begegnet sie dieser an sich traurigen Erkenntnis allerdings mit Selbstbewusstsein, Humor und mit enormem Wissen um Kunstgeschichte sowie Mythologie. Das macht ihr Schaffen nicht nur politisch relevant, sondern hebt es zugleich über Aktuelles hinaus. Khademi malt Frauen. Meist mit Gouache-Farben auf Papier. Meist nackt. Diese Nacktheit ist jedoch selten sexuell gemeint – sondern vielmehr Ausdruck einer Selbstverständlichkeit, über die im Jahr 2022 eigentlich nicht mehr diskutiert werden sollte: Seht her, hier sind wir! „Ich möchte maximal auf ihrer weiblichen Identität insistieren“, erklärt die Malerin. Ihre Frauen seien „triumphierend und sehr präsent.“

Kubra Khademi: Ihr Werk ist hochpolitisch und feministisch

Dadurch entwickelt sie einen – stilisierten, harmonischen – Gegenentwurf zur Männerwelt, die nicht nur in Afghanistan unerbittlich den Takt vorgibt. „Für unser Haus ist es nur konsequent, nach Persönlichkeiten der Frauenpower wie Frida Kahlo oder Angela Davis endlich für Kubra Khademi eine weltweite verlegerische Verbreitung zu garantieren“, sagt Hirmer-Verleger Thomas Zuhr. „Sie ist eine Künstlerin, die durch ihre klare und befreite Bildsprache in ihrem hochpolitischen, feministischen Werk für wichtige und neue Denkanstöße sorgt.“

Hoffnung für Afghanistan?

Die im Buch versammelten Gemälde wirken indes lediglich auf den flüchtigen Blick naiv. Freilich weiß die Künstlerin um die Macht ihrer Bilder, wenn sie Frauen (mit besonderem Augenmerk auf Mütter) nicht nur in Alltagssituationen zeigt, sondern bekannte Sujets aus Kunstgeschichte und Religion mit weiblicher Besetzung malt: eine Frau, die wie Moses das Meer teilt; eine Pietà, bei der eine Mutter die Tochter beweint, oder einen Blick in ein Parlament mit Politikerinnen, die liebevoll miteinander umgehen. Sehr liebevoll. Wappen und Flaggen verraten hier, wie groß die Hoffnung ist, die Kubra Khademi für ihre Heimat hat. Trotz allem.

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