Stehplatz, dritter Rang

Dieser Mann hat bald 1000. Opern gesehen

München/Seefeld - Josef Ilg ist begeisterter Operngänger. Der Seefelder nähert sich seinem 1000. Besuch in der Münchner Staatsoper.

Neulich war Josef Ilg wieder in der Staatsoper. Es muss so in etwa das 980. Mal gewesen sein. Wie immer: Stehplatz, dritter Rang. Neben ihm zwei Herren, sichtlich älter als er. Ilg zu ihnen: „Des is ja guad, so Veteranen aufm Stehplatz.“ „Ja“, antwortet da der eine: „Sehen brauch’ i ja nimmer, i mächt jetzt nur hörn, was der Petrenko macht.“ Sagt Josef Ilg: „Deshalb bin ich auch da! Hab’ ich schon hundert Mal gesehen. Ich nähere mich gerade meinem 1000. Opernbesuch in München.“ Schaut ihn der Alte an: „Dann san S aber erst auf dem dritten Platz. I hab’ scho an ,Don Giovanni‘ im Prinzregententheater mit dem George London ghört. Also i hab’ fei gut 2000.“ Beugt sich der Dritte zu den beiden herüber und sagt: „Wie alt schätzen S mi?“ Meint Josef Ilg: „Gute siebzge.“ Er dagegen: „Achtzge! 3000.“ Opern-Verrückte unter sich.

Josef Ilg, Jahrgang 1948, steht auf seiner Terrasse in Seefeld und muss herzlich lachen, als er diese Anekdote erzählt. Seit seiner Jugend ist er bei jeder Gelegenheit zur Oper nach München gefahren, nach der Vorstellung mit dem Vorortzug zurück gen Herrsching; von dort holte ihn sein Bruder mit dem Auto ab. Von seinem Heimatort in Dießen am Ammersee war’s immer eine kleine Reise. Doch nicht ein einziges Mal zu weit für ihn.

„Die allererste Oper, die ich gesehen habe, waren die ,Lustigen Weiber von Windsor‘ noch im Prinzregententheater“, erzählt er. Das muss nach 1960, vor 1963 gewesen sein. Da war er 12, 13 Jahre alt. Doch die Leidenschaft, die hatte ihn schon viel früher gepackt.

Der studierte Theologe ist Mesner-Sohn. Klar, dass er in einer Gemeinde wie Dießen, in der prächtige Haydn-Messen aufgeführt wurden, früh mit der klassischen Musik in Kontakt kam. Und schnell verstand der aufgeweckte Bub, dass nicht nur die Musik, sondern alles im Leben Inszenierung ist. „Ich merkte, dass man bestimmte Szenen und Vorgänge nicht passiv erleidet, sondern aktiv gestalten kann. So wie man eine Oper gestaltet.“ Mangels eines Fernsehers hörte er „sehr sehr viel“ Radio. Und hatte schon bald den Eindruck, dass die Klavier- oder Orchesterstimme nicht bloße musikalische Begleitung des Gesangs ist. „Sie sind ein genialer Subtext, der eigentlich noch viel mehr sagt als der Text selbst. Das hatte ich eigentlich schnell begriffen.“

Ist das der Grund, weshalb er sich die Vorstellungen immer wieder anschaut? Den „Wozzeck“ etwa – alle Inszenierungen –, oder die „Elektra“ – über 20 Mal. Will er den Subtext immer besser entschlüsseln, um immer mehr die Essenz herauszufiltern? Seine Antwort: Repetitio est mater studiorum – die Wiederholung ist die Mutter der Studien. „Die Oper ist ein ungeheuer reichhaltiger Fundus mit einem nahezu unerschöpflichen Repertoire an hermeneutischer Arbeit.“ Und je achtsamer man der Musik lausche, desto näher komme man ihrer Mehrdimensionalität.

Wenn man ihn bittet, eine der vielen Inszenierungen herauszugreifen, eine, die ihn ganz besonders berührt hat – dann macht Josef Ilg, der seine Antworten immer mit Bedacht wählt, eine besonders lange Pause. „Das ist eigentlich ungerecht. Aber ich fange mal mit der ,Elektra‘ an.“ Am Anfang der Oper die große Frage: Vater, wo bist du? Der Ruf nach dem Vater – „und das vor der vaterlosen Gesellschaft; das ist für mich ein Transzendenz-Erlebnis. Das ist Entgrenzung. Wenn ich Elektra höre, dann ergebe ich mich ihr“, schwärmt Ilg. Ganz anders wiederum beim „Tristan“ oder „Rosenkavalier“: „Da falle ich rein. Da bade ich. Bei ,Elektra‘ verneige ich mich. Das ist etwas anderes. Ein Entgrenzungserleben. Auch noch beim zwanzigsten Mal. Das ist eine Musik, die mich direkt und unmittelbar anspricht.“

In all den Jahren gab es dabei keine Aufführungen, die er bewusst ausgelassen hat. „Nein, wie käme ich, der ich keine Note komponieren kann, dazu, einen Komponisten und sein Werk auszuschließen?“ Und nachträglich? Da muss er schmunzeln und gibt dann zu: „Ich find’s wahnsinnig schön, aber ich find’s n Schmarrn, Tschuldigung: ,La bohème‘.“ Doch auch sie hat er sich mehrere Male angeschaut. Noch einmal müsste es aber nicht sein, selbst wenn Jonas Kaufmann singen würde.

Damals wie heute fährt er meist allein nach München. Ab und zu kommen seine Frau oder seine beiden Töchter mit, die mittlerweile selbst in der Landeshauptstadt studieren. „Aber sagen wir es mal so: Mit mir in die Oper zu gehen, ist wenig ergiebig, denn da rede ich nicht. Ich schweige die Pausen über.“ Dann ist er dem Stück voll hingegeben. „In der Regel habe ich da einen ziemlichen emotionalen Erhitzungszustand. Ich hab’ immer rote Ohren, wenn ich in die Oper gehe“, ruft er – und merkt gar nicht, dass die Ohren auch nur vom Erzählen über die Musik ganz rot geworden sind.

Und: immer stehend? „Da bin ich gut lutherisch: Hier stehe ich“, sagt er und lacht wieder sein tiefes Lachen. „Das ist eine innere Haltung.“ Auch noch beim 1000. Mal.

Katja Kraft

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