35 Künstler-Stars widmen sich in einem Bildband dem Thema Berge

Dieses Buch ist der Gipfel!

Ein Bild als Mahnung: Manfred Bockelmann erinnert mit „Mantelgebirge“ (2021) an die mehr als eine Million Kinder und Jugendliche, die durch den Naziterror ermordet wurden.
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Ein Bild als Mahnung: Manfred Bockelmann erinnert mit „Mantelgebirge“ (2021) an die mehr als eine Million Kinder und Jugendliche, die durch den Naziterror ermordet wurden.

35 Künstlerinnen und Künstler haben sich auf Einladung von Mari Otberg mit dem Thema „Berg“ auseinandergesetzt. Das Ergebnis, der Bildband „Ain‘t no Mountain high enough“, kann sich sehen lassen.

In dieser Berglandschaft wachsen Vergissmeinnicht. Man sieht sie nicht, doch sie sind da. Manfred Bockelmann hat das Gebirge gezeichnet, das in Wahrheit ein Sträflingshemd ist. Eines, wie es Gefangene im Konzentrationslager der Nationalsozialisten tragen mussten. Als würde noch ein Mensch darin stecken, liegt das Kleidungsstück auf dem Boden, wirft – einer Bergkette gleich – Falten. Im Hintergrund skizziert der Künstler deren Ränder wieder und wieder schemenhaft, als würde sich Gipfel an Gipfel fügen. Berge von Leichen in unserem Keller der Geschichte. Ein Bild als Mahnung: Vergesst sie nicht.

Es ist eines der eindrucksvollsten Werke im Band „Ain’t no Mountain high enough“, der nun im Hirmer Verlag erschienen ist. Auf Einladung der deutschen Künstlerin Mari Otberg (!) haben 35 Kolleginnen und Kollegen aus aller Welt sich mit dem Thema Berg auseinandergesetzt. Mit diesem Sehnsuchtsort, diesem Ruhepol mitten in der Landschaft. Aber auch: mit diesem Schreckensbild. Denn bei Bergen denken wir heute nicht mehr nur an die fröhliche Brotzeit am Gipfelkreuz und das berauschende Gefühl, dem Himmel ein bisschen näher gekommen zu sein. Die Assoziationen, die die Künstler in ihren Bildern und Fotografien zum Leben erwecken und die nicht nur im Buch, sondern bis 17. Oktober in der Ze Tux Gallery im österreichischen Tux zu sehen sind, gehen viel weiter.

In ihrem Namen findet sich ein Berg: „Greta Thunberg“ von Mari Otberg.

Mari Otberg porträtiert Greta Thunberg – und hinterfragt all die Müllberge, die wir produzieren. Erwin Wurm beleuchtet mit seiner Skulptur eines schwarzen Felsen, in dem ein Hammer steckt, wie wir uns selbst die massivsten Stellen unseres Planeten untertan machen. Im Bildband ist dem auf der gegenüberliegenden Seite die Zeile „Über allen Gipfeln ist Ruh“ mit vielsagenden drei Pünktchen am Schluss aus Goethes „Wandrers Nachtlied“ beigefügt – denn, darauf spielt Wurms Werk an, diese Ruhe wird allzu oft mit Gewalt erzeugt.

Die Lebensfreude springt dem Betrachter aus Esther Haases Fotografie „Thomas Stefan starring as Bear“ (2007) im wahren Sinne des Wortes entgegen.

Für die Fotografin Esther Haase indes ist die Welt der Gipfel noch immer ein herrliches Faszinosum. Prall gefüllt mit Wunderwesen von Riesen und Zwergen bis zu lila Kühen. „Für mich als Plattländerin gleichen die Berge einer unwirklichen Märchenlandschaft“, wird die 55-jährige Bremerin zitiert. Sie hat Thomas Stefan in ein Bärenkostüm gesteckt und ihn durch die Tiroler Schneelandschaft hüpfen lassen. Die Lebensfreude springt dem Betrachter aus „Thomas Stefan starring as Bear“ (2007) im wahren Sinne des Wortes entgegen.

Und recken nicht auch die Blümchen in Karin Kneffels „Blumen“ (2007) ihre Köpfchen ganz sehnsuchtsvoll zum schneebedeckten Gipfel im Bildhintergrund? Man glaubt der Malerin deshalb kein Wort aus dem Interviewschnipsel, der sich im Buch findet. Auf die Frage „Spielte die Alpenlandschaft in Ihrem Leben eine besondere Rolle?“ antwortete die einstige Meisterschülerin von Gerhard Richter im Jahr 1998 trocken: „Nein, höchstens als großes faszinierendes Hindernis auf dem Weg nach Süden.“

Mari Otberg (Hrsg.): „Ain’t no Mountain high enough“. Hirmer Verlag, München, 176 Seiten, 135 Abbildungen in Farbe; 29,90 Euro. Beim regionalen Buchhändler ums Eck gibt es das Buch hier
Die gleichnamige Ausstellung in der Ze Tux Gallery im österreichischen Tux, Vorderlanersbach 261, läuft bis 17. Oktober. Sa. und So. von 12 bis 18 Uhr und nach Vereinbarung unter 0043/1676/6231 855.

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