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Dirigent Jakub Hrůša im Interview: „Für mich sind Konzerte wie Geschenke“

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Von: Markus Thiel

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„Orchester mögen keine Vorlesungen“: Jakub Hrůša dirigiert beim BR Schostakowitschs erste Symphonie, Brittens erstes Violinkonzert mit Isabelle Faust und ein Stück seines Landsmanns Miloslav Kabeláč.
„Orchester mögen keine Vorlesungen“: Jakub Hrůša dirigiert beim BR Schostakowitschs erste Symphonie, Brittens erstes Violinkonzert mit Isabelle Faust und ein Stück seines Landsmanns Miloslav Kabeláč. © Astrid Ackermann

Von einem kommenden Star kann keine Rede sein: Jakub Hrůša befindet sich bereits in der Gipfelregion des Klassikmarktes. Der 40-Jährige ist seit 2015 Chef der Bamberger Symphoniker sowie Erster Gastdirigent des Londoner Philharmonia Orchestra, der Tschechischen Philharmonie sowie der Accademia di Santa Cecilia in Rom. Der Tscheche gilt dank seiner steilen Karriere, die ihn als Gast zu Spitzenensembles führte, als ministrabel für viele Chefposten. Diese Woche steht er in der Isarphilharmonie am Pult des BR-Symphonieorchesters.

Was sagen Sie zur neuen Isarphilharmonie?

Für ein Urteil ist es noch zu früh. Um wirklich etwas sagen zu können, müsste ich auch einmal im Publikum gesessen sein. Ich bin in unserer Probe, während das Orchester gespielt hat, ein bisschen herumgelaufen. Es klang gut. Visuell merkt man, dass es ein Interimsbau ist – besonders, was die Hinterbühne betrifft. Ich würde daher verstehen, dass das BR-Symphonieorchester mit diesem Saal als eventueller Heimat, was ja gerade diskutiert wird, nicht zufrieden wäre.

Gerade kam „Die Nase“ von Schostakowitsch an der Bayerischen Staatsoper heraus, Sie dirigieren seine erste Symphonie. Bedauern Sie es manchmal, dass der Komponist die Wildheit seiner frühen Stücke nicht behalten hat?

Es ist fast immer so, dass die Komponisten im Frühstadium radikaler im Ausdruck sind und später zu einer Vertiefung finden. In Schostakowitschs frühen Werken ist alles, was ihn auch später ausmacht, deutlich – aber ohne Limit. Die erste Symphonie ist das Werk eines 19-Jährigen, das finde ich unglaublich. Sie ist als Abschlusswerk für das Konservatorium entstanden, und er musste zeigen, was er gelernt hat. Trotzdem hat er das absolut unakademisch gelöst, sehr persönlich – und erfüllte dennoch die ihm gestellte Aufgabe. In diesem Sinne ist Schostakowitsch ein Klassiker wie Beethoven: Er war revolutionär, hat aber nie gegen die Tradition gekämpft, sondern sie weiterentwickelt.

Ist Schostakowitsch für Dirigenten eine gefährliche Musik, weil sie so emotional aufgeladen ist und Übertreibung droht?

Bei den späteren Symphonien ist das so, bei der ersten noch nicht. Ich stelle mir grundsätzlich immer vor, dass der Komponist während meiner Konzerte im Saal sitzt. Ich habe Respekt vor ihm und will ihm dienen. Wenn ich radikal werden möchte, dann muss das immer dicht am Partiturtext bleiben. Emotionalität darf den Text nicht überdecken, sie muss aus der Struktur heraus kommen. Ich nehme die Musik sehr ernst, im Konzert allerdings kann und muss ich loslassen.

Das schaffen Sie?

Ja, für mich sind Konzerte wie Geschenke. Während der Probenzeit muss man sich der Verantwortung dem Werk gegenüber bewusst sein, wir müssen dafür das Beste in uns finden. Im Konzert ist die Tür zum Analytischen dann geschlossen. Man muss akzeptieren, was kommt. Das ist fast eine geistige Aufgabe.

In dieser Woche dirigieren Sie auch „Mysterium der Zeit“ von Miloslav Kabeláč. Empfinden Sie sich als Missionar für die Musik Ihrer Heimat?

Ja, in einem guten Sinne. Es gibt Stücke wie dieses, auch die „Asrael“-Symphonie von Josef Suk, von deren hoher Qualität ich absolut überzeugt bin. Und wenn ein Orchester noch nicht ganz dafür brennt, dann fordert mich das umso mehr heraus. Wobei ich nicht viele Worte in Proben verliere, Vorlesungen mögen Orchester nicht. Ich bin einfach offen und teile meine Überzeugungen.

Andererseits wurden und werden Sie mit tschechischer Musik identifiziert, die Sie bei vielen Ihrer Debüts dirigierten. Landet man als Missionar also doch in der Schublade?

Mir ist diese Gefahr bewusst. Bei Debüts ist das wohl so, aber das passiert ja vielen Dirigenten. Man wählt zunächst Stücke, zu denen man eine besondere Verbindung hat. Entscheidend sind dann die Wiedereinladungen. Beim BR bin ich zum dritten Mal, jetzt Schostakowitsch, zuvor Brahms… Bei den Berliner Philharmonikern habe ich Bruckner dirigiert. Es geht also auch schnell in andere Richtungen.

Günter Wand hat Schuberts große C-Dur-Symphonie erst mit 62 dirigiert. Gibt es Komponisten oder Werke, zu denen Sie noch keine Verbindung spüren oder die Sie sich aufheben?

Ja. Beethovens Missa Solemnis. Mahlers achte oder siebte Symphonie erwarten mich noch, und ich beeile mich nicht. Ich muss auch reifer werden, damit ich die zweite Wiener Schule um Schönberg und Berg schätzen lerne. Zurzeit studiere ich diese Werke lieber, als dass ich sie dirigieren. Für den Intellekt ist das eine wunderbare Mahlzeit… Bevor ich Chef in Bamberg wurde, habe ich ab und zu eine Bruckner-Symphonie getestet. Und ich war nie glücklich damit. Vielleicht weil ich das mit Orchestern gemacht habe, die nicht daheim waren auf diesem Gebiet. Mit der Bamberger Bruckner-Tradition fühlte ich mich plötzlich absolut zu Hause in dieser Musik. Man lässt sich eben auch überraschen.

Sie sind Chef in Bamberg, haben auch noch Posten als Erster Gastdirigent. Geht es Ihnen manchmal zu schnell mit der Karriere?

Nein. Ich wähle schon bewusst aus. Und ich habe das Glück, mit erstklassigen Orchestern arbeiten zu dürfen. Vor München hatte ich zum Beispiel zwei Wochen frei. Jetzt sind meine Frau und meine zwei Kinder mit mir hier, und sie genießen die Stadt. Das ist auch schön für mich. Ich fühle mich nicht überlastet wie ein Workaholic. Ich kehre ja als Gastdirigent immer wieder zu denselben Orchestern zurück. Und es ist schön, dass man dort seine Arbeit weiterentwickeln darf. Früher, als ich ständig debütierte, war das anders, da fühlte ich mich manchmal tatsächlich zu wenig konzentriert.

Wenn man Artikel über Sie liest, heißt es oft überrascht „der bescheidene Star“, der „Dirigent ohne Allüren und mit Bodenhaftung“. Kann es sein, dass die öffentliche Meinung hinter dem hinterherhinkt, wie sich Dirigenten der jüngeren Generation heute definieren?

Ich weiß nicht. Ich begann meine Karriere mit dem Wunsch, nicht einen Star-Status zu erreichen, sondern auf bestmögliche, schönste Weise Vertrauen und Respekt der Musikerinnen und Musiker sowie des Publikums zu erwerben. Für mich erfüllt sich gerade der Traum, dass ich von den besten Orchestern wieder eingeladen werde. Das ist für mich das schönste Kompliment: Wenn Orchestermitglieder mir sagen, dass das Musikmachen Sinn und menschlich gesehen Spaß gemacht hat, dass auch die Proben eine Richtung hatten. Ich als Dirigent brauche nicht viel mehr. Für mich ist es immer wichtig, dass es eine Sternstunde für das jeweilige Stück wird.

Wie kritisch sind Sie sich selbst gegenüber? Können Sie wirklich nach einem Konzert sagen: „Das war toll?“

Ich mag es nicht, meine Gestik zu beobachten. Und in den Proben bin ich auch kritisch zu mir und dem Orchester gegenüber. Aber vor Kurzem habe ich mir mit meiner Frau das Video eines Konzerts der Bamberger Symphoniker in Prag angeschaut. Gleich danach ist man immer kritisch. Nach zwei, drei Wochen dann sieht man so etwas und hat Tränen in den Augen, weil man sich sagt: Ist es möglich, dass damals so etwas Schönes wirklich geschah? Dieses Gefühl kann aber nur aus einer guten und tiefen Arbeit mit den Ensembles entstehen.

Wie streng sind Sie denn?

Ich komme zwar mit klaren Ideen, bin aber immer grundsätzlich daran interessiert, was mir das Orchester entgegenbringt. Manche Ensembles sind mir fremder, manche näher, aber ich will nie ein Orchester umkrempeln. Man kann nichts mit Zwang erreichen, sondern nur durch Glaubwürdigkeit. Auch ich musste das erst lernen, ich habe früher viel mehr kontrolliert. Es gibt zwei Arten von Kollegen. Je älter die einen werden, desto harmonischer, balancierter werden sie und bleiben trotzdem gute Probentrainer – wie Herbert Blomstedt. Andere werden immer unzufriedener. Man muss irgendwann verstehen: Im Grunde wollen Musikerinnen und Musiker nur eines, nämlich gut und sinnvoll arbeiten, um die Musik tief fühlen zu können.

Das Gespräch führte Markus Thiel.

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