Verleihung des Echo-Klassik-Preises

Harnoncourt: Ersten Fernseher mit 50 bekommen

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„Mein Leben ist so langsam geworden wie mein Gang“: Dirigenten-Legende Nikolaus Harnoncourt (84).

München - Dirigent Nikolaus Harnoncourt im Merkur-Interview über den Echo-Preis, Seniorenhandys, seine Internet-Aversion und seinen baldigen 85. Geburtstag.

Vor dem Interview geht es erst einmal in die Werkstatt. Neue Holzstühle stehen dort, auf der Werkbank liegt schon die nächste Rückenlehne. Filigrane Tiere hat er aus dem Holz geschnitzt, auf den unbearbeiteten Flächen steht mit Bleistift geschrieben „Biene“ oder „Maus“. Hier, im Erdgeschoss eines uralten Pfarrhauses unweit des österreichischen Attersees, ist das andere Reich von Nikolaus Harnoncourt.

Dorthin wird der Vater der Klassikszene nach dem Gespräch wieder zurückkehren. Ob er sich mal verletzt hat? „Dauernd, einmal ging’s knapp an einer großen Schlagader vorbei.“ An diesem Sonntag erhält der Dirigent im Münchner Gasteig den Echo-Preis fürs Lebenswerk, am 6. Dezember feiert er seinen 85. Geburtstag.

Der Echo fürs Lebenswerk: Schmeichelt das? Ist es Genugtuung – oder Ihnen auch verdächtig?

Harnoncourt: Na ja, zu diesem Zeitpunkt ist es mir schon verdächtig. Ich mache ja noch Sachen. Wenn das, was ich ab Montag mache, nicht mehr zum Lebenswerk gehört – da stimmt doch was nicht, oder?

Beim Echo feiert sich die Branche mit einer groß vermarkteten Superstar-Parade. Gibt es mehr Klassikstars als früher?

Ich schau’ sehr ungern zurück. Aber Stars gab es doch schon immer, nehmen Sie so jemanden wie Karajan.

Er war als Klassik-Medienstar singulär, jetzt gibt es eine ganze Riege…

Ja gut, aber gewisse Medien gab es früher doch gar nicht. Ich habe meinen ersten Fernseher mit 50 geschenkt bekommen. Unsere Kinder sind ohne Fernseher aufgewachsen, wir hatten ein Riesenradio, so eine Mahagoni-Kiste, die besaßen schon meine Eltern. Die Zeitungen hatten damals eine größere Macht. Jetzt gibt es dieses Internet, von dem ich übrigens überhaupt nichts verstehe.

Komisch, Sie haben sogar eine Homepage.

Ich habe noch nie irgendeine Homepage gesehen, geschweige denn das Gerät bedient, das so etwas macht! Ich greif’ nicht einmal zum Telefon, außer meine Frau ist gerade auf der Toilette. Gut, ich habe ein Seniorenhandy. Darauf gibt es nur große Ziffern, und wenn ich beim Gehen in Ohnmacht falle, kann ich auf die Eins drücken, dann klingelt’s bei meiner Frau und im Falle der Zwei bei meiner Tochter. Das ist mein Beitrag zur elektronischen Kommunikation.

Weil Sie das gewöhnt sind oder aus Opposition?

Opposition, nein. Ich mag’ halt nix Neues. Ich will Neues entdecken, aber ich will nicht von dem Neuen entdeckt werden. Zugegeben: Wenn mein Enkel etwas nachgoogelt, wie er sagt, kann man schnell etwas erfahren. Aber wenn so etwas das Wissen ersetzt… Am Schluss glauben die Leute, sie müssten gar nix mehr wissen, weil eh alles irgendwo zu googeln ist. Habe ich jetzt Reklame gemacht?

Zu spät, Google ist schon ein zu mächtiger Weltkonzern.

Uije.

Ihr großes Thema ist der in Ihren Augen beklagenswerte Zustand der Klassikszene, der kulturellen Situation überhaupt. Helfen die neuen Medienstars vielleicht doch bei der Gesundung der Szene?

Ich hoffe es. Ich beklage auch oft die Erziehungssysteme. Die Kinder wachsen auf ohne Kunst. Es gibt nur ein Ziel, und das heißt: funktionieren. So schnell wie möglich brauchbar werden. Die werden zu Arbeitsameisen erzogen.

"Ich bin auch gerne der Entertainer"

Die Säle und Theater sind doch ganz gut gefüllt.

Ich sehe aber auffallend viele weiße Haare. Das war früher nicht so. Anders ist es vielleicht in asiatischen Ländern.

Sie haben jetzt eine Mozart-CD mit Lang Lang veröffentlicht. Viele sind überrascht, weil man denkt, der Unterschied zwischen diesem Entertainer und Ihnen, der jede Note umdreht, könnte nicht größer sein.

Ich bin auch gerne der Entertainer! Vor kurzem habe ich wieder in einem Konzert Erklärungen abgegeben, dann lacht das Publikum. Ich hätte kein Problem damit, Kabarettist zu sein. Gut, aufgrund des Alters klappt das nun schwerlich… Lang Lang ist bei weitem nicht der bloße Entertainer, sondern ein hochmusikalischer, kluger Mensch, vergleichbar für mich mit Friedrich Gulda. Vor der Mozart-Aufnahme kam Lang Lang hierher, wir haben einen Saal in der Musikschule von St. Georgen bekommen und ein tolles Klavier, und dann haben wir uns ein Jahr vor der Aufnahme mit den Konzerten befasst. Eine hochinteressante Phase. Ein Klaviertiger ist der wirklich nicht.

Sie sprechen gern und oft zum Publikum. Würden Sie das auch Ihren Kollegen raten?

Unbedingt! Wenn es überhaupt eine Zukunft des Musiklebens geben sollte, dann sollte man so etwas tun. Wenn ein Dirigent nur seine Sachen runterpinselt, und sei es noch so gut, dann ist er ein Verwandter des Klaviertigers, ein Pult-Chamäleon oder ein Pult-Virtuose oder wie Sie das nennen wollen. Da das Repertoire dauernd wiederholt wird, glauben die Zuhörer, die Werke seien ihnen bekannt. Sie fragen sich: „Wie spielt er Beethovens Fünfte?“ Aber nicht: „Was ist das überhaupt?“ Nicht das Werk selbst ergreift sie, sondern das Wie. Manchmal lese ich zum Beispiel einen wütenden Brief Beethovens vor, dass ihn das Komponieren nicht mehr freut. Und plötzlich hören die Leute ganz anders zu. Sie brauchen einen, der ihnen etwas vermittelt, damit sie im Herzen gepackt werden. Das ist verloren gegangen durch die scheinbare Bekanntheit vieler Werke.

Der Komponist Wolfgang Rihm sagt, Musik sei gar nicht „besprechbar“. Sie müsse aus sich selber heraus wirken.

Das ist halt nicht meine Meinung. Musik ist eine Sprache in Klängen. Und was ich darf oder nicht, habe ich mir noch nie vorschreiben lassen…

1986 haben Sie mit dem Cello-Spiel aufgehört. Vermissen Sie die Zeit als Instrumentalist?

Es tut mir manchmal leid, dass ich nicht mehr spielen kann. Es gab eine Zeit, da habe ich bei Orchesterproben, wenn mir etwas nicht gefallen hat, vom Solo-Cellisten das Instrument genommen und die Phrase vorgespielt. Das hatten die Orchester im allgemeinen sehr gerne. Nur einmal, in San Francisco, hat der Cellist gemeint: Mein Instrument spiele nur ich, niemand sonst.

Sie haben einmal gesagt, in der Kindheit hätten Sie zu wenig Zeit für Ihre zu vielen Interessen gehabt. Ist das noch immer so?

Ja. Aber mein Gott, was heißt Zeit? Mein Leben ist so langsam geworden wie mein Gang. Ich bin früher der Schnellste gewesen auf der Straße, heute bin ich der Langsamste. Immerhin: Ich geh’ noch.

Sie haben sich damals viel Zeit genommen mit dem Concentus Musicus, bevor Sie mit den Interpretationen an die Öffentlichkeit gingen. Würde der Markt heute noch so eine Zeit des Reifens erlauben?

Je mehr Zeit uns durch den technischen Fortschritt vorgegaukelt wird, desto weniger haben wir unterm Strich. Früher hat man von Salzburg nach Wien drei Tage gebraucht, und es blieb den Menschen trotzdem Zeit, um so etwas Aufwendiges zu tun wie Briefe zu schreiben. Mozart hat Tage, Wochen in der Kutsche gesessen – und konnte in seiner kurzen Lebenszeit trotzdem diese vielen Werke komponieren. Heute dauert es von Salzburg nach Wien drei Stunden, und man hat trotzdem keine Zeit für irgendetwas. Zeit haben oder nicht ist ein psychologisches Problem.

Sehen Sie sich eigentlich als Musikforscher?

Nein. Es gibt halt bestimmte Phänomene. Zum Beispiel hat Beethoven in seine Partituren Horn-Töne hineingeschrieben, die nicht spielbar sind. Das klingt so merkwürdig zwischen den anderen wunderbaren Tönen. (Macht es vor.) „Sssssss.“ Da kommt viel Luft mit, es surrt und summt. Warum will Beethoven das? Er muss das ja nicht schreiben. Viele solche Sachen gibt es. Dazu muss ich nicht forschen, ich muss nur wissen, was einer damals zu Verfügung hatte und warum er bestimmte Dinge tat. Das ist normale musikalische Kenntnis. Die verlange ich von einem Profi. Ich kann ja auch nicht einen Menschen einen Tunnel bauen lassen, der nicht weiß, was er tun muss, damit einem die Steine nicht auf den Kopf fallen.

Vor fünf Jahren haben Sie in unserem Gespräch gesagt: „Ich fühle keinen Unterschied ob 79, 80 oder 81.“ Und jetzt?

Na ja, das geht so graduell. Den Unterschied zwischen 80 und 85 fühle ich schon. Es geht so langsam dahin. So wie Kinder wachsen, da merkt man auch nicht die einzelnen Tage. Ich hätte gern einiges wieder, was ich noch mit 79 hatte. Aber ich muss mich damit abfinden. Ich habe ein ganz großes Glück, dass ich noch gut hören kann. Und dafür muss ich wirklich dankbar sein.

Das Gespräch führte Markus Thiel.

TV-Aufzeichnung der Echo-Verleihung am Sonntag im ZDF, 22 Uhr; Preisträger sind unter anderen noch die Sänger Anna Netrebko und Piotr Beczala, der BR-Chor und Dirigent Yannick Nézet-Séguin.

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