Nachtkritik

Earth, Wind & Fire auf dem Tollwood: Im Boogie-Wunderland

Earth, Wind & Fire haben bei ihrem Konzert in der Toolwood-Arena eine mitreißende Show geliefert. Disco kann so einfach sein, findet unser Redakteur - eine Nachtkritik.

Wenn der Bass peitscht, die Gitarre groovt, die Percussions antreiben, die Stimme ihren Höhepunkt erreicht und der Boogie bis in die Zehenspitzen fährt - wie kann man da ruhig stehen bleiben, das Handy hochhalten und stoisch filmen? Einige haben das tatsächlich geschafft am Dienstagabend in der ausverkauften Tollwood-Arena, als die Funk- und Soul-Legenden Earth, Wind & Fire ihre Klassiker gespielt haben. Vermutlich sind das dieselben Menschen, die früher in der Disco selbst bei Krachern wie "September", "Boogie Wonderland" und "Fantasy" am Rande der Tanzfläche standen und scheinbar teilnahmslos das Geschehen beobachtet haben. Warum gehen die überhaupt in die Disco, warum in ein Konzert? Egal, der große Rest hat sich die Party auf dem Tollwood nicht verderben lassen und einfach um die Handy-Hochhalter herum getanzt. Willkommen im Boogie-Wunderland!

Earth, Wind & Fire haben 90 Minuten Disco der 1970-er-Jahre geboten, inklusive Schwof-Hits wie "After the love has gone", wo die meisten sich an ihre Begleitung kuscheln, die anderen an ihr Handy. Wenn die später ihre Videos anschauen, sehen sie erwachsene Frauen und Männer glückselig tanzen und singen. Und davor, auf der Bühne, zwölf Mann (inklusive Bläser-Trio) , die mächtig Dampf machen. Allen voran die lebenden Legenden Verdine White (das einzige verbliebene Gründungsmitglieder aus dem Jahr 1969) am Bass sowie Ralph Johnson (Gesang, Percussion) und der Falsett-Sänger Philip Bailey, beide seit 1972 dabei.

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Bailey prägt den Sound von Earth, Wind & Fire, noch heute erreicht er unglaubliche Höhen, was den Fans in der Tollwood-Musikarena immer wieder spontanen und lauten Zwischenapplaus und Jubelschreie entlockt. Gleiches wird dem agilen und zahnpasta-weiß lächelnden Verdine White zuteil, wenn er ein mitreißendes Bass-Solo zupft. Disco kann so einfach sein. Eine bestens eingespielte Band mit viel Percussion und Druck von den Bläsern, deren Mitglieder im Gleichtakt wippen und die sich manchmal, wie auf Kommando, alle mal um die eigene Achse drehen - fertig ist der Funk. Nebel- oder Pyrotechnik? Schnickschnack! Aufwendige Lightshow? Kokolores! Einfach coole Musik machen, so wie früher. Das funktioniert auch heute noch.

Earth, Wind & Fire haben die gute alte Disco-Zeit wieder auferstehen lassen. Eine Zeit, in der es noch keine Handys gab, eine Zeit, in der man sich hemmungslos dem Groove hingegeben hat. Das haben in der Tollwood-Arena fast alle wieder getan - die anderen werden's ja auf dem Handy sehen und sich später denken: "Wow, was für eine Stimmung! Hätte ich doch mitgemacht."

Armin Rösl

Rubriklistenbild: © tz/mm

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