Welche Schmuckstücke sehen wir im Deutschen Museum nicht?

Schätze des Deutschen Museums: Ein Abendkleid aus Glas

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Schlanke Taille: Textilrestauratorin Charlotte Holzer zeigt an einer originalgetreuen Nachbildung aus gewöhnlichem Stoff den Schnitt des Glasfaserkleides.

In unserer Serie stellen wir in Schätze des Deutschen Museums vor, die den Besuchern zumindest derzeit verborgen bleiben. Heute: Eine ganz besondere Robe.

München - Was für eine Taille! Infantin Eulalia von Spanien muss sehr zierlich gewesen sein, ihr Korsett quälend eng geschnürt – sonst hätte sie nicht in diesen Glasfaserrock gepasst. 50, vielleicht 55 Zentimeter misst der Bauchumfang. Das Diktat der Mode der 1890er war erbarmungslos! Doch abgesehen von den Maßen ist der Rock wenig atemberaubend. Zerschlissen und gelbstichig liegt er in der Restaurierungswerkstatt des Deutschen Museums. Kaum vorstellbar, dass dieser – mit Verlaub – Fetzen eine Attraktion der Weltausstellung in Chicago 1893 war. Ein Geschenk für eine Prinzessin.

Weltausstellung mit Kristall-Palast

Eulalia ((1864–1958) war die jüngste Tochter von Königin Isabella II. von Spanien. Während einer diplomatischen Reise in die USA besuchte sie die Weltausstellung. Dort präsentierte sich die Libbey Glass Company aus Ohio mit einem „Kristall-Palast“ – einer Welt aus Glas. Die Firma stellte Glühbirnen und Gläser her. Doch im „Kristall-Palast“ waren sogar die Stoffe aus Glas. Oder besser: Glasfaser. Ein Werbe-Coup!

Eine Souvenirkarte von der Weltausstellung in Chicago 1893 zeigt das Glasfaserkleid von Infantin Eulalia. Es war im Ausstellungs-Pavillon der Libbey Glass Company an einer Schaufensterpuppe zu sehen.

Das spektakulärste Ausstellungsstück war ein Abendkleid aus Glasfasern. Firmenchef Edward Libbey ließ zwei Kopien davon anfertigen. Eines für eine seinerzeit berühmte Broadway-Schauspielerin. Und eines für Eulalia. Mit dem Präsent für die Infantin wollte der Unternehmer die Gunst des spanischen Königshauses gewinnen – und Hoflieferant werden.

Glasspinnen: Ein schillernder Material-Mix

Angefertigt hatte die Kleider der Glasbläser Hermann Hammesfahr. Das Verfahren nennt sich Glasspinnen. Schon im frühen 18. Jahrhundert führten fahrende Glasbläser auf Jahrmärkten das Glasspinnen vor. Dabei erhitzten sie eine Glasstange über dem Bunsenbrenner, zogen einen Faden ab – und ließen ihn über ein Spinnrad laufen. So entstanden feine gläserne Fäden. Hammesfahr verwob diese auf einem Webstuhl mit Seide – ein schillernder Material-Mix!

Heute sind nur noch zwei der drei Libbey-Kleider erhalten. Sie zeugen von der handwerklichen Glasfaserproduktion. Denn ab 1930 wurden Glasfasern maschinell hergestellt. Sie finden heute vor allem im technischen Bereich Anwendung. Und manchmal in der Mode: Der Designer Zac Posen etwa kleidete die US-Schauspielerin Claire Danes bei der New Yorker Met Gala 2016 in seine Kreation „Galactic Cinderella“ – ein illuminiertes Glasfaserkleid.

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Das Oberteil ist verschollen

Von Eulalias Kleid ist nur noch der Rock übrig, das Oberteil ist verschollen. Seit 1924 ist er im Besitz des Deutschen Museums. Bei Bombenangriffen im Zweiten Weltkrieg wurde er schwer beschädigt.

Seinen früheren Glamour wieder erlebbar zu machen, ist die Aufgabe von Charlotte Holzer. „Als Textilrestauratorin musste ich mich erst in das Thema Glas einarbeiten“, sagt die 30-Jährige, die ihre Doktorarbeit an der TU München schreibt. Bislang sind Methoden zum Erhalt historischer Glasfasern kaum erforscht. „Das ist erstaunlich“, sagt Holzer. „Die Verarbeitung von Glasfasern mit textilen Techniken reicht bis ins 18. Jahrhundert zurück.“ 

Das Original in der Werkstatt: Der einst bläulich weiß schillernde Glasfaser-Stoff ist stark beschädigt.

Ludwig I. hatte Tapeten aus Glasfasern

So gab es zum Beispiel Tapeten aus Glasfasern. König Ludwig I. ließ um 1840 den Thronsaal der Residenz mit Polstermöbeln ausstatten, die mit Glasfaser-Geweben bezogen waren. „Reines Dekor“, sagt Holzer. „Sitzen konnte man darauf nicht, weil die Glasfasern bei Punktbelastung brechen.“ Das tat dem Reiz der Möbel keinen Abbruch, schließlich durfte in Gegenwart des Königs ohnehin keiner sitzen.

Auch Eulalia konnte sich mit dem Kleid nicht setzen – die Fasern wären gebrochen. „Allerdings ist unklar, ob Eulalia das Kleid überhaupt getragen hat“, sagt Holzer. In den Memoiren und Büchern der Infantin – sie war Schriftstellerin – konnte Holzer dazu nichts finden. „Eulalia hat über ihre USA-Reise geschrieben und über ihren Besuch der Weltausstellung in Chicago 1893. Aber das Glasfaserkleid hat sie nicht erwähnt.“

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Bislang war der Rock noch nie im Deutschen Museum ausgestellt. „Mit den Jahren war der Erhaltungszustand zu sehr beeinträchtigt“, erklärt Holzer. Für das Frühjahr 2019 ist nun in der Glastechnik eine Ausstellung geplant. Aber nur für kurze Zeit: „UV-Licht ist Gift für die im Kleid verarbeitete Seide.“

Bettina Stuhlweissenburg

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