Unser Redakteur war live bei der Eröffnung

Die Elbphilharmonie ist Hamburgs neue Perle

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Das Eröffnungskonzert in der Elbphilharmonie.

Hamburg - Die Elbphilharmonie ist am Mittwochabend festlich eröffnet worden. Bundespräsident Joachim Gauck spricht von einem „Feiertag des Bürgersinns“. Unser Redakteur war live dabei. 

Bis zu zwei Meter über dem Normalwert, das bedrängte vielleicht den Fischmarkt und andere niedrig gelegene Gebiete. Aber das neue Wahrzeichen, das von seinem Kaispeicher-Sockel gebieterisch über Hamburg schaut, kratzte das wenig. Eine leichte Sturmflut ausgerechnet zum Finale des Eröffnungskonzerts am Mittwochabend, das passte irgendwie in die ganze Geschichte der Elbphilharmonie. Nichts ist hier mehr normal seit zehn Jahren. Die Baukosten, die Skandale und, viel schöner und von unsterblich verliebten Medien und Besuchern in diesen Tagen heftig akklamiert, die Architektur, die Kartennachfrage und, am allerwichtigsten, die Akustik (sehen Sie hier eine Fotostrecke des Eröffnungskonzerts).

Und die hat es tatsächlich in sich. Ein weiteres Meisterstück von Yasuhisa Toyota, aber kein Warmumsherzklang, keine gepolsterte Fülle, so der Eindruck aus dem zweiten Stock des Seitenblocks. Der japanische Star knüpft an seine fernöstlichen Säle an. Modern tönt das, alle Partiturebenen lassen sich, so etwa im Finale von Brahms’ zweiter Sinfonie, perfekt orten. Aber nicht als isolierte Ereignisse, sondern als Verzahnung. Soli sind präsent, stechen aber nie heraus wie in Beethovens „Prometheus“-Ouvertüre, das erste öffentlich aufgeführte Stück im neuen Saal. Eine enorm flexible Raumwirkung auch, wie mit dem zwischen den Jahrhunderten springenden Programm vorgeführt wurde. Die „Elphi“ wird kostbarem Countertenor-Wohllaut von Philippe Jaroussky ebenso gerecht wie Orchestertankern des Komponisten Bernd Alois Zimmermann. So gesehen eine echt hanseatische Angelegenheit, diese Akustik: eher Pils statt Bordeaux.

Die große Saal-Sause fiel dementsprechend aus. Eine Viertelstunde nach Mitternacht (!) wurde der Eröffnungstag mit einem Feuerwerk im Hafen begrüßt. Am Vormittag traten sich 320 aus aller Herren und Frauen Länder angereiste Journalisten im kleinen Konzertsaal zur Pressekonferenz auf die Füße. Und draußen ließen sich später vom „Schietwetter“ mit Regen und Wind Passanten nicht abhalten: Hingerissen wurde die (schon tags zuvor geprobte) Lichtshow bejubelt, die für Besitzer ohne Tickets eine im Doppelsinn blendende Entschädigung offerierte.

360-Grad-Video vom Backstage-Konzert in der Elbphilharmonie 

Und dann gab es sogar noch eine Absage fürs Konzert. Camilla Tilling, ohnehin schon für Anja Harteros eingesprungen, warf krankheitsbedingt das Handtuch. Für sie wurde Sopranistin Hanna-Elisabeth Müller, bis kürzlich im Ensemble der Bayerischen Staatsoper, eingeflogen. „Hoffentlich hat sie ihren Ausweis dabei“, witzelte Elbphilharmonie-Intendant Christoph Lieben-Seutter. Die Sicherheitsvorkehrungen mit Anfragen bei Polizeibehörden, gestaffelten Kontrollen vor und im Haus plus Autoverbot im näheren Saal-Umfeld dürften das Format des G20-Gipfels haben. Passt auch, Hamburg durfte für das Polit-Spektakel im Juli schon mal üben.

„Haben wir klasse hingekriegt“, das unausgesprochene Eigenlob schien am Mittwoch den Verantwortlichen aus jeder Körperpore zu dringen. Ein Gebäude, „das Zuversicht widerspiegelt“, sei dies – womit Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz auch derzeitige gesellschaftliche Systemgefährdungen im Visier hatte. Dass sich der SPD-Politiker mehr als einmal für seine Verhandlungsführung lobte – geschenkt: Ohne Scholz, der unverhohlen bundeskanzlerisch auftrat, und seine im Oktober gestorbene Kultursenatorin Barbara Kisseler wäre dieser Eröffnungstag nicht möglich gewesen. „Es war eine schwere Geburt, aber die Hamburger haben das Kind akzeptiert.“ Eine sehr hanseatische Umschreibung des Baby-Tamtams.

Bundespräsident Joachim Gauck platzierte in seiner Festrede auch ein paar Spitzen. So viel habe er von Hamburgs Sorgenkindern gehört. „HSV, St. Pauli, jetzt ist endlich ,Elphi‘ aufgewacht.“ Ein Feiertag des Bürgersinns sei diese Eröffnung, über die man auch die Fehler, die in der Vergangenheit gemacht wurden, nicht vergessen dürfe.

Architekt Jacques Herzog, mit Partner Pierre de Meuron fürs Wunderwerk verantwortlich, schien sich immer noch zu wundern. „Das übertrifft alles an Komplexität, was wir jemals gemacht haben. Diese Widersprüche zusammenzubringen, ist ein Ausweis für die Leistungsfähigkeit in einem demokratisch regierten Land.“ Und dies, obgleich die Elbphilharmonie in ihrer ersten Zeit Minderheitenprojekt sein muss. Mit dem Organisieren von Zusatzkonzerten kommt Intendant Lieben-Seutter samt Team kaum nach. Scheinen auf der Homepage freie Karten auf, sind die binnen Minuten weggekauft.

Und ein Seitenhieb durfte im Eröffnungstaumel auch sein. „Niemals kämen wir auf die Idee, die Bundesrepublik Deutschland darum zu bitten, uns ein Konzerthaus zu bauen“, sagte Scholz lächelnd. Will heißen: Wenn’s Probleme gibt, schultern wir die selber. Hallo, Berliner Senat mit Flughafen, Staatsoper und Stadtschloss: Verstanden?

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