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Elke Heidenreichs Buch „Hier geht‘s lang“: So toll schreiben Frauen!

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Von: Katja Kraft

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Bestseller-Autorin und Literaturkritikerin Elke Heidenreich
Ihre eigene Lesegeschichte erzählt Elke Heidenreich in ihrem neuen Buch sehr launig nach. © To

Für Elke Heidenreich war Literatur immer ein rettender Anker in schweren Zeiten. Insbesondere auch die Bücher von Frauen. In „Hier geht‘s lang“ feiert sie weibliche Literatur. Und dies: sehr lesenswert!

Außer Lesen nix gewesen. So könnte man die ersten Lebensjahre von Elke Heidenreich zusammenfassen. Geboren 1943 in ein finanziell mies aufgestelltes, liebloses Elternhaus, geschlagen seit früher Kindheit mit einer kaputten Lunge. Für Erholungskuren fehlte das Geld. Elkes Medizin hieß: Kamillendampf unterm Handtuch inhalieren und viel liegen. „Liegen und lesen.“ So las sie sich durch Schule und Studium, durch Krisen, Ängste, finstere Stunden. Die Bücher waren ihr ein rettendes Geländer, wann immer sie fürchtete, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Ein Wegweiser, der im Nebel auftaucht, mit der erlösenden Aufschrift: „Hier geht’s lang!“

Das Buchcover von Elke Heidenreichs literarischer Liebeserklärung „Hier geht‘s lang“
Das Buchcover von Elke Heidenreichs literarischer Liebeserklärung „Hier geht‘s lang“ © Eisele Verlag

So hat sie ihr neues Büchlein überschrieben, das insbesondere Literatur von Frauen feiert. Es soll weder eine feministische Einordnung von Literatur noch der Versuch einer Literaturgeschichte von Frauen sein. Sondern eine tief empfundene Liebeserklärung für die Werke ihrer Geschlechtsgenossinnen. Männliche Autoren stellen weibliche Protagonisten zwar oft in den Mittelpunkt ihrer Romane – „aber Autorinnen geben intimere Einblicke in das Seelenleben oder auch die Sexualität von Frauen. Sie sind einfach näher dran.“

Elke Heidenreich feiert Schriftstellerinnen von Isabel Allende bis Christa Wolf

Und weil kaum jemand so leidenschaftlich wie Elke Heidenreich nach Büchern schmachten kann, gelingt ihr mit trockenem Witz, was ihr immer gelingt: Sofort möchte man die Adressatinnen ihres literarischen Liebesbriefes kennenlernen. Möchte in die nächste Buchhandlung hasten und sie alle kaufen: die Werke von Isabel Allende und Jane Bowles bis Christa Wolf und Marguerite Yourcenar. Oh ja, es sind viele Autorinnen, denen sie ihr Herz geschenkt hat. Elke Heidenreich liest polyamor.

Natürlich möchte sie, was jeder Verliebte möchte: der ganzen Welt zeigen, wie außergewöhnlich die Person ihres Herzens ist. Missionieren aber will sie nicht. „Es gibt kein Muss beim Lesen. Es gibt keinen Kanon, auch wenn immer wieder Kanons aufgestellt werden.“ Spöttischer Zusatz: „Natürlich von Männern.“

In Enyd Blytons „Fünf Freunde“ fand Elke Heidenreich als Mädchen weibliche Vorbilder

Die 78-Jährige gilt als eine der beliebtesten Literaturkritikerinnen des Landes – doch hat sich selbst nie als solche empfunden. Ihr Ziel war es immer, Menschen zum Lesen zu bringen, „ihnen von Geschichten und Romanen zu erzählen, die ein Stück Welt begreifbar machen, statt diese Texte zu analysieren“. Sie sieht sich als Vermittlerin zwischen dem Buch und dem Leser, der Leserin. Für Verrisse ist ihr ihre Zeit zu schade. Weichgespült wird hier freilich trotzdem nicht. Denn zu ihrer persönlichen Literaturgeschichte gehören auch die grässlichen Mädchenbücher ihrer Kindheit, die sie nur eines lehren sollten: Artigkeit. Wie gut, dass es auch Ausnahmen gab. Enyd Blyton beispielsweise. „Ihre Georgina in der ,Fünf-Freunde‘-Serie hat mir ein sehr anderes, freieres, selbstständigeres Mädchenbild gezeigt als das von ,Pucki‘, ,Nesthäkchen‘, dem ,Trotzkopf‘ oder ,Elke, der Schlingel‘.“ Damit blickt die Autorin positiver auf Enyd Blytons Buchreihe als es Kabarettistin Carolin Kebekus in ihrem jüngsten Buch „Es kann nur eine geben“ tat.

Elke Heidenreich hatte nicht das Glück, mit Astrid Lindgren aufzuwachsen. „Hier geht’s lang!“ ist deshalb auch eine wunderbare Anregung für Eltern, nicht denselben Fehler zu machen, den ihre Elterngeneration bei der Bücherauswahl für den Nachwuchs gemacht hat. Sie erinnert an den klugen Satz Paul Hazards: „Wenn ihr schönere Blumen wollt, so wirkt auf den Frühling ein.“

Elke Heidenreichs schönste Anekdote: ihre Nacht mit Rüdiger Safranski

Im winterkalten Frühling ihres Lebens suchte sich die kleine Elke Freunde, Geschwister, Familie in den Geschichten. Fotos von sich als junger Leseratte säumen die Seiten ihres Buches. Stufe für Stufe steigt die Autorin noch einmal gedanklich die Treppe ihres Lebens hinauf, lässt Revue passieren, welche Bücher das Geländer gebildet haben, das ihren Weg gesichert hat. Und erzählt herrliche Anekdoten. Die schönste ist die von der durchzechten Nacht mit Rüdiger Safranski. „Wir tranken und zitierten, immer abwechselnd, tranken, zitierten, er ein Gedicht, ich ein Gedicht, wild durch den Garten der Poesie.“ Halb wehmütig, halb euphorisch erinnert sie sich: „Was für ein Abend! Was für Gedichte, was für Gedanken, was für eine Sprache, was für ein Glück, sich daran zu berauschen! Unvergessen, Rüdiger. Einer dieser ,Weißt du noch?‘-Abende, die uns das Altwerden leichter machen.“

Was man mit diesem Büchlein machen sollte? Der Titel von Heidenreichs Sendung, die das ZDF fahrlässigerweise 2008 abgesetzt hat, gibt die Antwort: „Lesen!“

Elke Heidenreich: „Hier geht’s lang!“ Eisele, München, 192 Seiten; 26 Euro.

Im Rahmen des Literaturfests München hat Elke Heidenreich das Buch vorgestellt. Alles über den Abend lesen Sie hier

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