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Eröffnung der Münchner Isarphilharmonie: Liebe auf den ersten Blick

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Von: Markus Thiel

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Isarphilharmonie
Antreten zum Akustiktest: Die Münchner Philharmoniker und der Philharmonische Chor mit Valery Gergiev auf der Bühne der Isarphilharmonie. © Tobias Hase

Nach dem glamourösen Eröffnungskonzert nahmen die Normalos die neue Isarphilharmonie im Besitz. Die Begeisterung zeigt: Das Gebäude ist mehr als ein Provisorium.

Samstag, 22.10 Uhr, und vielleicht zeigt sich erst jetzt, was vom Sendlinger Ersatz-Gasteig zu erwarten ist. Die philharmonischen Konzertgänger haben Jacken und Mäntel an den Garderoben abgeholt, doch viele bleiben in der alten Trafohalle, dem Foyer für die Isarphilharmonie, stehen. Aus den Lautsprechern dröhnt ein Elektro-Streicher-Gong-Gitarren-Mix von Vangelino Currentzis (der Bruder des Dirigenten Teodor), FM Einheit – früher Einstürzende Neubauten – machen mit ein paar Philharmonikern gemeinsame Sache. Es gibt Getränke, man brüllt sich angesichts der Lautstärke Gespräche ins Ohr, am Tresen lehnt Vladimir Jurowski, neuer Generalmusikdirektor der Staatsoper, mit einer Flasche Augustiner.

Auf sehr lässige Weise vermählen sich bei dieser After-Show die Musikkulturen. „Mphil late“ soll es künftig häufiger geben. Und ein besserer Raum als die Halle E, die noch Volkshochschule und Bibliothek beheimatet und wo nun auch von den Galerien Menschen nach unten schauen, lässt sich für dies allles nicht denken. Wobei sich die Fraktionen aneinander gewöhnen müssen. Christian Beuke, Sprecher der Münchner Philharmoniker, erzählt lachend, wie Abonnentinnen und Abonnenten von Panik befallen wurden. Zwei Stunden vor Beginn des „normalen“ Konzerts schauten einige vorbei, reine Neugierde aufs neue Haus – um in den ohrenbetäubenden Soundcheck fürs Nachtkonzert zu geraten. Sie wurden beruhigt: Chefdirigent Valery Gergiev schaltet keineswegs auf Hardcore um.

Blick in die Halle E
Andere Konzertformen werden ausprobiert - wie hier bei „Mphil late“ in der Halle E nach dem „offiziellen“ Philharmoniker-Programm. © Tobias Hase

Für Gergiev und sein Orchester ist dieses Eröffnungswochenende von HP 8 (an den Namen für den Ersatz-Gasteig wird man sich kaum gewöhnen) Schwerstarbeit. Bereits am Samstagnachmittag, 20 Stunden nach dem umjubelten Eröffnungskonzert der Isarphilharmonie, sind sie wieder auf der Bühne. Für den Nachwuchs, der an den Händen von Mama oder Papa oder allein und ganz selbstbewusst den Saal betritt, gibt es im Familienkonzert „Cinderella“. Die Philharmoniker und das Odeon-Jugendsinfonieorchester spielen Prokofjews Partitur. Malte Arkona als Erzähler und Prinz sowie Henriette Schmidt als cooles Aschenputtel in Latzhose oder schwer strauchelnd mit High Heels und Abendkleid holen das Märchen frech ins Heute. Der Nachwuchs schwätzt und lacht, die ältere Generation hält die Handys hoch: erstmals Isarphilharmonie, das muss festgehalten werden.

Münchens Isarphilharmonie ist ein Coup

Tausende Menschen nehmen also ihren neuen Kulturtempel in Besitz, der gar kein Tempel sein mag. Und in den Gesichtern der Veranwortlichen aus Gasteig und Orchester spiegelt sich Stolz und Erschöpfung. Die neue, innen so edel wie wohnzimmerlich schwarze Isarphilharmonie, der schönste Darkroom der Stadt also, die ist ein Coup. Das betrifft die niedrigen Kosten (40 Millionen), die Bauzeit (eineinhalb Jahre) und auch den Klang. Direkt, aber nicht knallig. Trocken, aber nicht staubig. Trennscharf, aber das Orchester nicht entblößend, dazu warm und rund: Selbst Daniil Trifonovs gern gestanztes Spiel wird in Beethovens viertem Klavierkonzert behutsam ummantelt und wirkt doch – der Raum liebt Soli – wunderbar präsent. Das Lichtkonzept mit seinen Schattenwürfen, das mit dem Schwarz der Innenverschalung spielt, sollte man auch nach Abzug der Fernsehkameras übrigens dringend beibehalten.

Kinder in der Halle E
Der Nachwuchs nahm das neue Gebäude am Samstag und Sonntag beim Familienkonzert in Besitz. © Tobias Hase

Ein paar Haken gibt es, aber das ist bei neuen Sälen immer so. Im Tutti wirken die Holzbläser manchmal wie weggeblendet – vielleicht ist es doch keine so gute Idee, die Streicher in der Amphitheater-Sitzordnung bis auf die oberste Stufe zu ziehen. Und eine Lösung für Phonstarkes muss jeder Dirigent und jedes Orchester hier finden. Einfach mal plakativ auftrumpfen, das mag die Isarphilharmonie nicht so gern.

Auch Autofahrer mag sie weniger. Die Parkplätze sind knapp, manche Besucher kreisen vergeblich durch die Anwohnerstraßen am Flaucher. Dabei ist der U-Bahnhof Brudermühlstraße nur acht Fußminuten entfernt. Und mit dem Bus, der direkt vor HP 8 hält, kommt man zum Beispiel recht schnell Richtung Ostbahnhof. Deshalb: Die Karosse besser daheim lassen oder zumindest Park & Ride wählen.

Der Rückzug in den Gasteig verzögert sich erheblich

Es ist, man spürt es an diesem Wochenende, Liebe auf den ersten Blick. Von Übergangslösung redet kaum einer mehr – bis auf die Philharmoniker, die hinter der Bühne teils nur rudimentäre Räume vorfinden. Aber dafür, auch das gab es in den vergangenen Wochen, trifft man sich mal auf ein spontanes Getränk mit all den anderen Mietern auf dem Gelände, von denen der Reifenhändler medial gesehen wohl mittlerweile der berühmteste ist.

Ohnehin wird das dauern mit dem Rückzug nach Haidhausen. Gerade ist bekannt geworden, dass die Gasteig-Sanierung erst in zwei Jahren startet und damit bis Ende der Zwanzigerjahre dauert. Die Entscheidung, die Renovierung von einem externen Investor steuern zu lassen und nicht in den Händen des Gasteig-Teams zu belassen, fällt also der Stadt auf die Füße – man bedenke allein die enorm steigenden Baukosten. Aus Sicht des Publikums, das die Isarphilharmonie begeistert in Besitz genommen hat, dürfte die Verschiebung aber gar nicht so schlimm sein. Dieses tolle Provisorium, das scheint einhellige Meinung, will man noch eine lange Weile behalten.

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