Anarchist, Künstler, Bayernrock-Legende

Carl-Ludwig Reichert: Ein ewiger Sparifankal

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Carl-Ludwig Reichert über seine große Liebe Monika: „Die hat den kürzesten Mini-Rock von ganz München g’habt“.

München - Das Leben schreibt die spannendsten Geschichten – und tz-Autor Florian ­Kinast schreibt sie auf. ­Heute erzählt uns Carl-Ludwig Reichert (69) über sein abenteuerliches Leben voller Geist und Musik.

Carl-Ludwig Reichert studiert mit einer gewissen Hanna Schygulla, schreibt mit ihr gemeinsam an einer Arbeit über Alfred Döblins Berlin Alexanderplatz. Später spielt Schygulla in Rainer Werner Fassbinders Verfilmung des Romans mit. Fasziniert ist Reichert aber von einer ganz anderen Kommilitonin, die gerade als Au-Pair zurück aus England kommt. „Die hat den kürzesten Mini-Rock von ganz München g’habt“, sagt Reichert, „und die verwegensten Stiefel auch.“ Es ist Monika Dimpfl. Sie wird die große Liebe seines Lebens.

Auf ganz andere Weise beeindruckt ihn die „Subversive Aktion“, eine revoltierende, Unruhe stiftende Untergrund-Gruppe, gegründet von Dieter Kunzelmann. Man trifft sich immer in einem Keller in der Schleißheimer Straße, konspirativ. Man studiert Das Kapital, die Notstandsgesetze. Aber die Massenbewegung bleibt ihm trotz allem suspekt, die DKP, der SDS, alles zu ideologisch überfrachtet. „Ich bin lieber a Individual-Anarchist geblieben“, sagt Reichert, „das war mir am vernünftigsten.“

Reichert gründete die Band Sparifankal 1972 – sie polarisierten bei jedem Konzert.

1969 schreibt er seinen ersten Gedichtband Warum nacha ned unter dem Pseudonym Benno Höllteufel, und teuflisch bleibt es auch, als er 1972 die Sparifankal gründet, eine Musikband mit politischen Texten auf Bairisch. Das polarisiert. „Wir hamm damals ganze SPD-Ortsvereine gespalten“, sagt Reichert, „und wenn beim Konzert ned mindestens die Hälfte gegangen ist, dann war’s für uns schon ein Misserfolg.“ Die Sparifankal haben einen Namen in der Münchner Szene, und als sie 1976 ihre erste Platte rausbringen, Bayernrock, ist das Schaufenster vom WOM, dem Plattenladen in der Sonnenstraße, voll damit. Auf der Scheibe sind kritische Stücke (Des Land is koid, De Großkopfadn), aber auch Liebeslieder wie I mechd di gean amoi nackad seng.

Aber sie polarisieren nicht nur, sie engagieren sich auch. Sie spielen kostenlos in Schulen, Krankenhäusern, Behinderten-Einrichtungen. Einmal auch in der geschlossenen Psychiatrie. Am Tag der offenen Tür.

Ende der Siebziger – zu jener Zeit ist Reichert schon fester Moderator im Bayerischen Rundfunk – leben die Sparifankal auf dem Land, als Kommune, auf einem Bauernhof bei Altötting. Es gibt die schöne Geschichte, wie die Bauern ihre neuen Nachbarn aus der Stadt bissig fragten, wann sie denn jetzt immer Gruppensex hätten. Und Reichert erwiderte: „Jeden Donnerstag von 19 bis 23 Uhr.“

Als sich die Band nach den weiteren Platten Huraxdax Drudnhax und Negamusi Anfang der Achtziger auflöst, arbeitet Reichert weiter im Radio. Bayern 2, Zündfunk, Schulfunk und die Literatursendung Pop Sunday. Dort liest er einmal Gedichte von Mao Tse Tung, ein anderes Mal schlimmste Nazi-Lyrik, um den Hörern den Schrecken von damals zu vergegenwärtigen – und spielt dazu den Blues. „Heut“, sagt er, „wär das alles nimmer möglich.“

Reichert schreibt Hörspiele, verfasst mit den Co-Autoren Michael Czernich und Ludwig Moos als Grobian Gans das großartige Entenhausen-Buch Die Ducks – Psychogramm einer Sippe. Und er veröffentlicht mit Udo Wachtveitl Asterix auf Münchnerisch. Mit den Sparifankal feiert er kurz vor der Jahrtausendwende ein Comeback, spielt mit der Band Wuide Wachl die Platte babbalababb ein und gründet 2009 noch die Sparifankal 2. Im Februar 2011 macht er die letzte Sendung im Radio, aber Reichert treibt es weiter um. Übersetzungsarbeiten, Bücher, Musik, das Gaudiblatt, das kostenlose Subkultur-Magazin. „Ich hab keine Ruh’ geben können, mein Terminkalender war voller als vorher.“ Nur der Körper streikt, 2014 bricht er nach der Rückkehr von einem Festival in Würzburg zusammen, ein schneller Eingriff am Herzen rettet ihn.

Am 24. Juli spielt Carl-Ludwig Reichert beim Blues-Festival ab 19 Uhr in der Glockenbachwerkstatt, Blumenstr. 7.

Jetzt muss er langsamer machen, in seiner E-Mail-Signatur gibt er als Bürozeiten „11 bis 16 Uhr“ an. „An der OP knaps ich schon noch herum“, sagt er. „Ich hab einfach lernen müssen, runterzukommen.“ Seit 1999 lebt er mit seiner Monika jetzt in Berg am Laim, das München heute nennt er „die wunderbarste Stadt überhaupt“. Dass die Kultur hier immer noch Platz hat, mit kostenlosen Festivals wie dem Theatron im Olympiapark oder auch kleinen Bühnen wie dem Theater am Sozialamt, das ist für ihn Lebensqualität. Doch natürlich ist der Kopf kritisch geblieben, gegen Ende des Besuchs in seiner Wohnung erfasst ihn noch mal die Wut über die aktuelle „Brutalität der Globalisierungsverbrecher“, bei der er nicht weiß, ob noch etwas dagegen auszurichten sei. „Aber wenigstens müssen wir versuchen, sie weiter zu ärgern und ihnen wehzutun.“

Nächstes Jahr wird Reichert 70, er sagt, er will die Zeit genießen, so lange es geht. Sich nicht mehr aufarbeiten, erholen, gesund bleiben. Nur ganz Ruhe wird er nie geben können. Geht gar nicht. Es wird ihn immer etwas umtreiben, und weiter brennen in ihm, dem Sparifankal.

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