So kennt man Kent

Festspiele: Nagano glänzt mit Modernem

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Kent Nagano

München - Ein unheimlich starker Abgang! Kent Nagano hat es uns Münchnern noch mal gezeigt, für was er steht und die ganzen Jahre gestanden ist, während wir sehr oft einen ­inspirierteren Mozart- oder Strauss-Klang aus ihm herauskitzeln wollten.

Es ist das Zeitgenössische, oft das Unerprobte, das bei ihm immer überraschend stilsicher klingt.

Mit dem – fast wie ein Fremdgastspiel als zweite Münchner (Schein-)Festspielpremiere ins Prinzregenten­theater herabgefallenen – Written on Skin des Londoners George Benjamin (geb. 1960) gelang ihm ein durchschlagender Festspielerfolg. Dem Werk liefen Wundermären voraus: Voriges Jahr in Aix-en-Provence uraufgeführt, erregte es überall Begeisterung. Auch in Amsterdam, London und Florenz, in Wien, wo es Nagano bereits bei den Festwochen dirigierte, und nun in München. Immer fast in der Originalbesetzung mit dem unübertroffenen Sopranstar der Moderne, Barbara Hannigan.

Es kommt nicht so häufig vor, dass ein lebender Komponist Herz und Verstand des Publikums erobert. Benjamin erreicht es, weil seine Musik zwar klug, auch rätselhaft ­(ohne Geheimnis würde alles platt), aber sehr nah am menschlichen Empfinden ist.

Er schreibt eine durchsichtige Partitur, keine Note zu viel, perfekt ausgehört und mit manchmal verblüffend einfachen Mitteln (wie etwa die aneinander geklopften Steine) akzentuiert.

Vorlage ist eine vom Autor Martin Crimp adaptierte Geschichte aus der Zeit der französischen Troubadoure um einen reichen, eitlen Mann und seine von ihm in Abhängigkeit gehaltene Frau. Es kommt zum Ehebruch, als er einen jungen Buchmaler bestellt, der dem Mann Verherrlichendes malen und aufschreiben soll (auf Tierhaut: „Written on Skin“). Der Mann bringt den „Boy“ um, rasend vor Eifersucht, setzt seiner Frau dessen Herz zum Essen vor, kann sie aber nicht mehr in die alte Abhängigkeit zurückbringen. Sie stürzt sich aus dem Fenster.

Das klingt ziemlich grob, ist aber hier im Stück mit äußerster Differenziertheit umgesetzt, weil als Regisseurin Englands Wunderwaffe, Katie Mitchell, am Werk ist. Vicki Mortimer hat ein mehrteiliges Bühnenbild gemacht, von Jon Clark punktuell atmosphärisch dicht beleuchtet. So hart die Geschichte ist: Sie behält eine kühle Distanz – durch raffinierte Verfremdung, indem etwa die Handelnden von sich als Handelnde sprechen und alle Requisiten vor unserer Augen hin- und weggeräumt werden. Das besorgen sich oft fast zeitlupenhaft bewegende Engel.

Neben Hannigan sind Christopher Purves als ihr cholerischer Mann und der zwielichtige Boy Iestyn Davies’ mit hellem Countertenor zu hören. Mit dem hoch motivierten Klangforum Wien gelingt so die bei Weitem spannendste Festspielaufführung des Jahres.

Beate Kayser

Noch am 25. und 27. Juli, Tel. 2185 – 1920.

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